HOFFEN AUF DIE NERDS
Kommunikation funktioniert nicht mehr, meint die Autorin Juli Zeh und glaubt: Rettung bietet nur das Internet.
Interview: Carsten Schrader
U_mag: Juli, in deinem Buch "Corpus Delicti", das du gerade mit der Band Slut vertont hast, beschreibst du ein erschreckendes Zukunftsszenario: Die Welt ist dem totalen Fitnesswahn verfallen, und der Staat hat seine Kontrollmechanismen perfektioniert, um die Gesundheitsdiktatur zu überwachen. Körperwerte, Schlafpensum und der täglich vorgeschriebene Sport werden regelmäßig gemessen, und Gefährdungen der eigenen Gesundheit wie etwa das Rauchen werden als Verbrechen gegen die Gemeinschaft bestraft. Ist das nicht schon eher der traurige Jetztzustand als eine Warnung für die Zukunft?
Juli Zeh: Science Fiction interessiert mich Null. Das Buch ist ein Versuch, etwas über die Gegenwart zu sagen. Seit ein paar Jahrzehnten gibt es diese massive Verschiebung in Richtung physische Identifikation. Wer von jedem Glauben, jeder Ideologie und jeder Art geistiger Betätigung abgefallen ist, kümmert sich eben nur noch um seinen Körper.
U_mag: Was macht die Leute denn so manipulierbar, dass sie ständig ins Fitnesscenter rennen und nicht die Gefahren sehen, wenn körperliche Optimierung als oberste Norm gesetzt wird?
Zeh: Die Leute haben unglaublich viel Angst, und zwar vor allem: vor Arbeitslosigkeit, vor gesellschaftlichem Abstieg, vor Krankheit, Terroranschlägen, China und dem Wetter. Deswegen sind sie in ihrer Verunsicherung anfällig für dieses diesseitige Heilsversprechen: Wenn du dich auf eine bestimmte Weise ernährst, wenn du Sport treibst, zur Arbeit gehst und dich anstrengst, dann wirst du ein glücklicher Mensch sein.
U_mag: Aber was kann man denn dagegen tun, wenn man diese Entwicklung durchschaut hat - außer als Statement zu Fastfood und drei Schachteln Zigaretten täglich zu greifen?
Zeh: Es gibt keine Protestkultur, weil es ja auch nichts gibt, wogegen du protestieren kannst. Wenn wir protestieren wollten, müssten wir gegen die demokratisch-kapitalistische Gesellschaft protestieren - die wir ja selbst sind. Das kannst du machen, indem du dich selber umbringst. Deswegen haben wohl auch Amokläufe und Selbstmordattentate eine so hohe Konjunktur. Mein Verdacht ist, dass es keine Konzeptlösung gibt und wir einfach lernen müssen, ohne allgemeingültige Konzepte zu leben. Der eigentlich total veraltete Begriff des mündigen Bürgers hat meiner Meinung nach nichts an seiner Gültigkeit verloren. Deswegen müssen wir miteinander reden, wir müssen Bildungssysteme danach ausrichten und brauchen Diskussionsräume.
U_mag: Der wichtigste Diskussionsraum ist schon seit längerer Zeit das Internet. Aber kann darüber auch eine politische Bewegung entstehen?
Zeh: Mit dem Internet verbinden wir immer noch irgendwelche Nerds, aber deren Kommunikationsversessenheit finde ich nicht gruselig, sondern hoffnungsvoll. Die entwickeln gerade ein gesellschaftliches Bewusstsein und einen Lebensentwurf, der seine Bestimmung in der Kommunikation sucht. Die neue Subversion wird sicherlich etwas sein, was in der Computerwelt stattfindet. Vor 20 Jahren hat die Ökologie eine Bewegung formiert, heute gelingt das vielleicht dem Datenschutz.
U_mag: Der Staat rüstet aber doch gerade sehr erfolgreich auf, um die Freiheit im Internet zu torpedieren.
Zeh: Da lauern viele Gefahren, aber die andere Seite ist nicht wehrlos. Die Frage ist, wie aggressiv irgendwann die Auseinandersetzung geführt wird. Ein guter Hacker kann inzwischen mehr Schaden anrichten als ein Terrorist mit einem Sprengstoffgürtel. Es ist unglaublich, was in einer Welt möglich ist, in der alles, auch das Finanzwesen, nur noch auf Internetkommunikation beruht. Die Frage ist, ob es so radikale Maßnahmen braucht. Meiner Meinung nach wäre es vollkommen okay, wenn es sich bei gemäßigtem politischen Protest einpendeln würde. Aber es ist ein großes Potential vorhanden.
Bekannt wurde die Juristin Juli Zeh (35) mit Romanen wie "Adler und Engel" und "Spieltrieb". Auch politisch ist die Autorin sehr aktiv: Letztes Jahr reichte sie beim Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass ein, und gemeinsam mit Ilija Trojanow veröffentlichte sie vor kurzem das Buch "Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte". Zusammen mit der Band Slut hat sie ihr Buch "Corpus delicti" als eine Schallnovelle vertont, die sie auf einer gemeinsamen Tour auch live vorstellen.
Mehr zu "Corpus Delicti" von Juli Zeh & Slut gibt's hier >>
24. 9. Bremen Schwankhalle
25. 9. Köln Kulturkirche
27. 9. Wien Wuk
28. 9. Salzburg Arge Kultur
4. 10. Dresden Beatpol
5. 10. Berlin Babylon
6. 10. Hamburg Grünspan
7. 10. Osnabrück Lagerhalle
8. 10. Mülheim / Ruhr Ringlokschuppen
9. 10. Heidelberg Karlstorbahnhof
10. 10. Ingolstadt Theater
11. 10. Schorndorf Manufaktur
12. 10. Erlangen E-Werk
13. 10. Darmstadt Centralstation
25. 10. Göttingen Deutsches Theater
12. 11. Graz P. P. C.
13. 11. München





