Foto: Norman Wong
> The Hidden Cameras

FREUND UND LEID

Wir stecken in einem ideologischen Trümmerhaufen - und genau das ist unsere große Chance für einen neuen Lebensentwurf, findet Hidden-Cameras-Chef Joel Gibb.

Von Carsten Schrader

"Ich will doch keine allgemeingültigen Statements mehr machen", stöhnt Joel Gibb. Ist das wirklich der Boss der Hidden Cameras, der sich da windet? Noch vor zwei Jahren schockierte das Queerpopkollektiv aus Toronto beim Abschiedsspiel von Mehmet Scholl sowohl homophobe Fußballfans als auch die Chefetage des FC Bayern München mit maskierten, halbnackten Gogotänzern und expliziten Songs über schwule Sexvarianten inklusive Einläufen und Urinspielchen, aber plötzlich fehlen Gibb die richtigen Worte, um zu erklären, warum das neue Album "Origin: Orphan" eine Umorientierung ist.
 
"Auf keinen Fall will ich etwas widerrufen", versucht er, sich auf den Punkt zu bringen, "aber andererseits habe ich mich nie als Musiker mit einer Agenda gesehen, sondern als ein Songschreiber, der sich selbst ausdrücken will." Natürlich ist Gibb den Provokationen nicht gerade aus den Weg gegangen, trotzdem ist es zumindest teilweise gerechtfertigt, wenn er mit der einseitigen Wahrnehmung der Hidden Cameras hadert. Vom ersten Album an wurden stets nur die sexuell eindeutigsten Textpassagen zitiert, immer wieder war von Lack- und Leder-Auftritten in Kirchen und Happenings in Pornokinos die Rede. Dass die Hidden Cameras aber eben auch unzählige Indiefolkhymnen mit orchestraler Wucht und maximaler Eingängigkeit raushauen, fiel zugunsten der halbverklemmten Schlagzeilenmacherei unter den Tisch.
 
"Ich bin schwul, und viele Mitglieder der Hidden Cameras sind es auch, aber deswegen sind wir noch lange keine Vollzeitmissionare", stellt Gibb klar. "Natürlich wehre ich mich, wenn ich wegen meines Lebensentwurfes diskriminiert werde, und ich bin froh, wenn uns die kommende Tour möglichst weit und ausgiebig nach Osteuropa führt, aber oft wurde unser Engagement auch durch die Initiative anderer ausgelöst, etwa durch die von Mehmet Scholl", sagt er und lacht. "Ich muss nicht auf jede Wunde einen mit Vaseline beschmierten Finger legen, zumal es für mich kaum etwas langweiligeres gibt als Fußball."
 
Nach den jüngsten Erfolgen von Patrick Wolf und Gossip wäre es die leichte Nummer gewesen, auf eine neue Riot-Queer-Szene zu machen. Doch wenn die Hidden Cameras musikalisch auf "Origin: Orphan" in einigen Songs düster-melancholische Töne zulassen, geht es auch in den Texten um sehr viel mehr als um ein stolzes schwules Selbstverständnis. "Der Albumtitel ist in gewisser Weise schon programmatisch", überlegt Gibb, "denn in einer Welt, in der die Ideologien ausgedient haben, und wir gelernt haben, gegenüber allen vorgegebenen Wertesystemen misstrauisch zu sein, reicht es eben auch nicht aus, sich auf sein Anderssein oder eine Antihaltung zu berufen und zurückzuziehen. In dieser Welt sind wir alle Waisen."

Plötzlich ist Gibb in den Texten der Verlassene, er wägt ab, wie viele Kompromisse in einer Beziehung okay gehen, und er stellt die ganz großen Sinnfragen. Wenn er in dem Song "Underage" wieder ein Achtjähriger sein möchte, ist das nicht nur ironisch gemeint. "Je älter ich werde, desto weniger weiß ich", sagt er nachdenklich. "Ich würde gern noch einmal wie früher bestimmte Dinge mit absoluter Sicherheit empfinden und radikal wollen, statt immer alles zu hinterfragen und auch die andere Seite zu sehen."

Gleichzeitig begreift er den ideologischen Trümmerhaufen aber auch als große Chance. "Immerhin haben wir für unsere Lebensentwürfe keine vorgezeichneten Linien mehr. Vielleicht sind da Schwule sogar ein kleines bisschen im Vorteil, weil sie sehr früh lernen müssen, ohne das Konzept der traditionellen Familie zu leben."

Und schließlich freut sich Joel Gibb dann doch, wenn man ihm ein allgemeingültiges Statement unterjubelt und die Hidden Cameras als Antithese althergebrachter Beziehungsstrukturen beschreibt. Bis auf ihn selbst gibt es keine festen Bandmitglieder, die Besetzung ändert sich von Konzert zu Konzert, und wer Gibb eine Mail schreibt, hat gute Chancen, mit seinem Instrument oder als Tänzer dabei zu sein. "Hätte ich mir nicht selbst das Verbot auferlegt, mit großen Worten die Welt zu analysieren, dann hätte ich jetzt gesagt, dass möglicherweise ein großer Kreis guter Freunde als zukünftiges Lebensmodell funktionieren kann", räumt er lachend ein. "Und als Beweis hätte ich angeführt, wie viel Liebe in den Hidden Cameras steckt."

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Check-Brief

Name: Joel Gibb
Alter: 32
Geburtsort: Kincardine (Kanada)
Wohnorte: Berlin, Toronto
Beruf: Singer/Songwriter und Organisator des Indiefolkkollektivs The Hidden Cameras
Weitere Jobs: Malt und gestaltet die Cover der Hidden Cameras und führt bei deren Videoclips die Regie, gab in dem Film "The Lollipop Generation" von G.B. Jones sein Schauspieldebüt
Aktuelles Album: "Origin: Orphan" erscheint am 30. Oktober