FREAKY SHIT
Mit einem irren Trip will Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne die Widersprüche des Lebens klären: "Unsere Songs gehen raus in den Wald, haben Halluzinationen und ficken sich gegenseitig."
Interview: Carsten Schrader
[*U_mag:*] Wayne, dir ist schon klar, dass ihr mit "Embryonic" eine verrückte und experimentelle Platte veröffentlicht, bei der selbst Fans ziemlich gefordert sind, wenn sie einen Zugang finden wollen, oder?
[*Wayne Coyne:*] Manchmal ist es schon mit uns durchgegangen. Wer uns vor allem wegen der letzten zwei oder drei Platten mag, wird sich zunächst bestimmt fragen, ob wir jetzt endgültig und unrettbar durchgeknallt sind. Aber ich mag Bands nicht, die zu zielgerichtet sind. Ich will mit unserer Musik immer wieder das Unerwartete suchen und etwas Neues finden, und ich bin froh, dass die Flaming Lips nicht klar ausdefiniert sind. Wenn wir etwas aufgebaut haben, dann haben wir es danach auch immer wieder zerbröselt.
[*U_mag:*] Also ist die sperrige Mischung von Lo-fi-Geschepper und Hi-fi-Effekten auch eine bewusste Antihaltung zu eurem Mainstreamerfolg der letzten Jahre?
[*Coyne:*] Ach nein, ich bin damit ganz und gar nicht unglücklich. Aber das Experimentieren mit Sounds und Strukturen ist einfach sehr viel spannender, als vorsätzlich Songs fürs Radio zu schreiben. Mit "Embryonic" ist den Flaming Lips ein neuer Arm gewachsen. Ich mag die Arme, die wir bereits haben, aber mit dem neuen Arm können wir nach anderen Dingen greifen.
[*U_mag:*] Aber trotzdem landet ihr auch mit diesem Album wieder bei einem freakigen Trip in andere Sphären und flüchtet aus der Realität.
[*Coyne:*] Wir sind mit unserer Musik niemals vor der Wirklichkeit geflohen. Für mich kann im Kontext dieser Welt nichts passieren, was ich nicht auch erfahren möchte. Erst durch die Tragödien versteht man auch die Freuden in seinem Leben. Deswegen bestand der Reiz von Drogen für mich auch nie darin, den Dingen zu entkommen, die mir Ärger und Schmerzen bereiten. Natürlich gehen unsere Songs raus in den Wald, sie essen bestimmte Dinge, haben Halluzinationen, sie ficken sich gegenseitig, blicken dann zu den Sternen und befinden sich in einer anderen Welt, die anders ist als die, aus der sie ursprünglich gekommen sind.
[*U_mag:*] Ist das nicht Eskapismus?
[*Coyne:*] Ist denn alles Eskapismus, was keine konkreten Handlungsanweisungen gibt? Einige werden unsere Musik sicher als freaky shit bezeichnen, weil wir ihnen nicht bei der Frage weiterhelfen, ob sie sich ein neues Auto kaufen sollen, und wenn ja, welches. Wenn man sich auf den Trip einlässt, kann man aber vielleicht Erfahrungen machen, die auch Erkenntnisse in der Alltagswelt bringen. Ich lehne die Welt nicht ab - indem ich den Kontrollverlust zulasse und meine Hilflosigkeit umarme, will ich sie besser verstehen.
[*U_mag:*] Wenn man sich die Texte anschaut, geht es dir dabei vor allem um die Faszination des Bösen.
[*Coyne:*] In gleicher Weise geht es auch um die Liebe. Die Liebe und das Böse liegen in unseren Seelen sehr nah beieinander, und eine eindeutige Unterscheidung ist oft nicht möglich.
[*U_mag:*] Liegt aber in dieser Erkenntnis nicht die große Gefahr, dass wir meinungslos und damit auch handlungsunfähig werden, weil wir nach der lange gültigen Unterteilung in Schwarz und Weiß von den Grautönen überfordert sind?
[*Coyne:*] Man sollte nicht den Ideologien und ihren Dogmen hinterhertrauern. Trotzdem ist es natürlich verdächtig, wenn gerade in Politik und Wirtschaft der Hinweis überstrapaziert wird, man könne nicht mehr zwischen gut und böse unterscheiden. Die Bösen berufen sich gerne auf die Uneindeutigkeit der globalen Welt. Eine Definition des Bösen können wir aber in der Intention für eine bestimmte Handlung immer noch finden.
[*U_mag:*] Und wie können wir unsere Liebe vor dem Bösen schützen?
[*Coyne:*] Intensität und Leidenschaft werden weiter mehr Leute töten als Gleichgültigkeit. Wenn du jemanden liebst, holt das auch immer ganz andere Dinge an die Oberfläche, zu denen du fähig bist. Auf Intensität will niemand verzichten, und Liebe ist nun mal nicht ohne Grausamkeit zu haben. Das wird ein großer, nicht zu klärender Widerspruch bleiben. Aber vielleicht kommen wir der Lösung im Wald ja ein kleines Stück näher.
Name: The Flaming Lips
Mitglieder: Wayne Coyne (Gesang, Gitarre, Piano), Michael Ivins (Bass), Kliph Scurlock (Schlagzeug), Steven Drozd (Schlagzeug, Gitarre, Bass)
Gründung: 1983 in Oklahoma City
Film: Letztes Jahr erschien ihr bewusst dilettantischer Science-Fiction-Film "Christmas on Mars" auf DVD, an dem sie seit 2001 gearbeitet haben
Aktuelles Album: "Embryonic"
Gäste auf "Embryonic" MGMT, Yeah-Yeah-Yeahs-Sängerin Karen O und der deutsche Mathematiker Thorsten Wöhrmann
Live: 6. 11. Weissenhäuser Strand


