LEUTE, BEWEGT EUCH!
Jonas Grosch lässt in seinem Film "Résiste! - Aufstand der Praktikanten" eine ganze ausgebeutete Generation zur Revolution schreiten. Kommt jetzt der Umsturz?
Interview: Alexander Rolf Meyer
[*U_mag:*] Jonas, wie viele Liter Kaffee hast du während deiner Praktika gekocht?
[*Jonas Grosch:*] Kaffee habe ich gar nicht gekocht, sondern nur getrunken. Ich habe mein Praktikum im Lektorat einer Filmproduktionsfirma gemacht, da habe ich an Drehbüchern gearbeitet. Und das war mein einziges Praktikum, insofern ist meine eigene Biografie eher untypisch. Ich habe in diesen drei Monaten viel gelernt und auch ein wenig Geld bekommen.
[*U_mag:*] Wenn deine eigenen Erfahrungen als Pratikant so sonnig waren - woher kommt dann die Wut in deinem Film?
[*Grosch:*] Am Anfang standen Geschichten aus dem Bekanntenkreis. Das sind ja Erlebnisse, die unglaublich viele Menschen machen. Ich habe schlimme Berichte gehört über Praktikanten, die nach einem abgeschlossenen Studium bei einem börsennotiertes Unternehmen 14 Stunden am Tag arbeiten und dafür im Monat 250 Euro bekommen. Die unglaublichste Erfahrung aber hat ein Praktikant im Bundestag gemacht, der für eine Partei unbezahlt schuftete. Im Deutschen Bundestag! Das sagt natürlich eine Menge aus, wenn die Politik, die solche Zustände eigentlich verhindern sollte, mit genau den gleichen Methoden arbeitet wie die Privatwirtshaft.
[*U_mag:*] Welche Partei war das?
[*Grosch:*] Sagen wir mal so: Es war eine von den großen.
[*U_mag:*] Verstehe. Du willst dir deine Zukunftschancen nicht verbauen.
[*Grosch:*] Ach, ich glaube nicht, dass ich mal Wahlwerbespots drehen werde, wirklich nicht.
[*U_mag:*] Was haben denn die Praktikanten bei den Dreharbeiten zu deinem Film verdient?
[*Grosch:*] War mir klar, dass diese Frage kommt. Die haben genauso viel verdient wie alle anderen Mitglieder des Teams auch.
[*U_mag:*] Also nichts.
[*Grosch:*] Fast nichts. Was die Bezahlung angeht waren die Praktikanten absolut gleichgestellt.
[*U_mag:*] Du drehst einen Film gegen die Ausbeutung mit Hilfe ausgebeuteter Praktikanten?
[*Grosch:*] Moment, ausgebeutet haben wir niemanden. Die Praktikanten haben viel gelernt, die haben ihre Zeit nicht mit Kaffee kochen verbracht, sondern Dinge gelernt, die sie auf ihrem weiteren Berufsweg brauchen. Ein Praktikum muss nicht zwangsläufig eine demütigende Erfahrung sein. Es war von vornherein klar, dass wir nicht mit der Aussicht auf einen Job locken und auch kein Geld bezahlen können. Wir haben einen Abschlussfilm gedreht, mit sehr kleinem Budget.
[*U_mag:*] Die 68er haben noch gegen Ungerechtigkeiten aufbegehrt. Woher kommt die scheinbar unendliche Duldsamkeit der Generation Praktikum?
[*Grosch:*] Es ist ja immer schwierig, Aussagen über eine ganze Generation zu machen, ohne zu pauschalisieren. Da steht dann immer jemand auf und sagt: Aber ich bin doch ganz anders!, und das auch zu Recht. Aber ich versuche es mal: Ein Praktikant, der sich wehrt, verliert vielleicht seine Stelle. Das macht sich nicht gut in einem Lebenslauf. Es gehören immer zwei dazu, der Ausbeuter und der, der sich ausbeuten lässt, weil er sich an die Hoffnung auf einen festen Job klammert. Man bekommt permanent Druck, sich zu qualifizieren, Leistung zu bringen, schneller und besser zu sein. Dieser Druck nimmt zu. Wer nicht bereit ist, Kompromisse einzugehen, hat es schwer. Und er riskiert am Ende, am Existenzminimum zu leben.
[*U_mag:*] Welche Erfahrungen hast du mit dem Leben am Existenzminimum gemacht?
[*Grosch:*] Ich habe das Glück gehabt, das Studium von meinen Eltern finanziert zu bekommen. Was gerade im Filmgeschäft sehr hilfreich ist, weil man viele Jahre schuften muss, ohne einen Cent zu sehen. Daher sehe ich auch in diesem Berufszweig eine gewisse Ungerechtigkeit, weil es für diejenigen, die selbst dafür aufkommen müssen, doppelt schwierig ist. Wenn dann Politiker noch von Studiengebühren und angeblicher Chancengleichheit reden, kann ich nur den Kopf schütteln.
[*U_mag:*] Uns wurde stets versprochen, dass Bildung und Fleiß den Weg zu materieller Absicherung und gesellschaftlicher Anerkennung ebnen. Das entpuppt sich zunehmend als Lüge. Was sollen wir tun?
[*Grosch:*] Es gibt viele Möglichkeiten. Man kann Filme drehen, Öffentlichkeit herstellen oder sich solidarisieren. Momentan ist es doch so: Wenn du Nein sagst, dann steht schon der Nächste bereit, der es macht. Ich glaube, wir brauchen einen gesunden Blick auf die Realitäten und gleichzeitig einen naiven Aktionismus. Der ist leider aus der Mode, aber in Frankreich sehen wir ja, dass es funktioniert. Es gibt dort diese Tradition des Widerstandes, das fing mit der Französischen Revolution an und reicht bis zum Umgang mit der Finanzkrise.
[*U_mag:*] Dein Onkel Christof Wackernagel spielt im Film einen Alt-68er. Im wahren Leben hat er Ende der 1970er-Jahre den Weg des Terrorismus gewählt, um die bestehenden Verhältnisse als RAF-Mitglied zu ändern. Kannst du diese Entscheidung nachvollziehen?
[*Grosch:*] Ich kann die Wut verstehen, die Idee, dass Menschen nicht alles mit sich machen lassen und ein System verändern wollen. Aber Gewalt lehne ich kategorisch ab. Sei es als Terrorist oder als Kriegstreiber.
[*U_mag:*] In deinem Film werden die Alt-68er als verbitterte und kauzige Figuren dargestellt.
[*Grosch:*] Natürlich ist das nicht repräsentativ und auch mit einem Augenzwinkern zu sehen. Aber bei manchen merke ich einfach, dass sie mit ihrer Mode, ihrer Musik stehengeblieben sind. So wie das Paar in meinem Film, das eine Art Revolutionsmuseum betreibt. Aber lieber sollen sich die Menschen an die Ideale der Alt-68er klammern, als an die Werte, die vorher geherrscht haben. Das wird heutzutage leider oft nicht erwähnt.
[*U_mag:*] Was gefällt dir an diesen Idealen?
[*Grosch:*] Mir gefällt es, wenn Menschen sich nicht mit den Verhältnissen abfinden. Das mag manchmal kindlich oder naiv erscheinen, aber gerade das ist mir sehr sympathisch. Mein Onkel versucht heute, im afrikanischen Mali die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Also im Kleinen und dafür wirkungsvoll. Und sein Idealismus hat eben auch einfach etwas sehr Liebenswertes, wenn er diese Leute, deren Leben voller existenzieller Probleme steckt, von den Vorzügen des Vollkornbrotes überzeugen will.
[*U_mag:*] Im Film zertrümmern die Hauptfiguren die Scheiben eines ausbeuterischen Konzerns. Was würde dich dazu bringen, das kaputt zu machen, was dich kaputtmacht?
[*Grosch:*] (lacht) Ja, der alte Slogan ... Ich würde allenfalls mit Papierknäueln aus abgelehnten Drehbüchern werfen. Ich habe 14 Drehbücher geschrieben, von denen bisher zwei verfilmt worden sind. Das ist ja auch eine Form von Selbstausbeutung - man steckt Zeit und Kraft in ein Projekt, dass dann nie realisiert wird. Das ist auf jeden Fall am Anfang der Karriere so. Hoffentlich wird das später anders.
[*U_mag:*] Dann ist das System Schuld daran, dass wir auf zwölf brillante Filme verzichten müssen?
[*Grosch:*] Die ersten Bücher habe ich vor vielen Jahren geschrieben, die würde ich heute gar nicht mehr einreichen.
[*U_mag:*] Welche Reaktion erwartest du von deinem Publikum? Dass es mit geballten Fäusten aus dem Kinosaal auf die Straße stürmt?
[*Grosch:*] Nein, bestimmt nicht. Ich möchte, dass die Leute sich gut unterhalten fühlen und dann etwas aus dem Kino mitnehmen, über das sie nachdenken können. Mein Film soll ja gerade nicht Politik mit dem Holzhammer betreiben. Deswegen haben wir auch kein Sozialdrama gedreht, sondern eine Komödie.
[*U_mag:*] Sind Großdemonstrationen wie im Film überhaupt noch ein probates Mittel des Protests? Müsste sich eine neue Protestgeneration nicht eher digital vernetzen?
[*Grosch:*] Natürlich bietet das Internet neue Möglichkeiten. Denn es ist sehr viel schwieriger, diese Form der Kommunikation zu unterdrücken, das haben wir gerade im Iran gesehen. Aber das eigentlich Tolle war ja nicht, dass dort Internetcafés und Kurznachrichten eine Rolle gespielt haben. Das Tolle war, das Millionen am Ende auf die Straße gegangen sind, allen Risiken zum Trotz. Auch wenn die Mittel sich geändert haben - am Ende geht es darum, dass die Leute sich bewegen.
Name: Jonas Grosch
Berufe: Drehbuchautor, Regisseur
Alter: 28
Wohnort: Berliner WG
Mit: seiner Schwester, der Schauspielerin Katharina Wackernagel
Studium: zunächst Komparatistik und Philosophie, dann Drehbuch und Dramaturgie
Aktueller Film: "Résiste - Aufstand der Praktikanten", Start 12. November


