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KEINE MEISTERWERKE MEHR

Wie geht man damit um, wenn man das wichtigste Album des Jahrzehnts veröffentlicht hat? Nach der "Kapitulation" planen Tocotronic die Totalverweigerung - wenn sie diese denn durchhalten können.

Interview: Carsten Schrader

U_mag: Jan, Dirk, mit "Keine Meisterwerke mehr" habt ihr einen Song auf der neuen Platte, der die Programmatik ganz gut zusammenfasst, oder?
Dirk von Lowtzow: Eigentlich ist es eine Hommage an den amerikanischen Filmemacher, Performancekünstler und Tänzer Jack Smith. An uns haben wir bei dem Song nicht so sehr gedacht.
Jan Müller: Wobei man es schon auf die Tatsache beziehen kann, dass wir in den Anzeigen zum letzten Album unsere Platte selbst als Meisterwerk bezeichnet haben. Was, hoffentlich erkennbar, als Witz gemeint war.

U_mag: Auch der Albumtitel "Schall & Wahn" ist ja ein Zitat. Egal, ob ihr ihn auf den Roman von William Faulkner oder auf Shakespeare bezieht, in beiden Fällen werden die Aussagen des Albums durch den Titel in Frage gestellt.
von Lowtzow: Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr genau, wo mir der Titel über den Weg gelaufen ist. In irgendeinem Buch tauchte er als Zitat auf, und plötzlich wusste ich, dass dieser Titel ein Ort ist, von dem aus ich mit neuen Songs beginnen kann. Ich finde diese Geste der Aneignung eh immer schön, und noch schöner ist, dass der Titel nicht mal von Faulkner ist, sondern der ihn auch nur aus "Macbeth" geklaut hat. Bei Shakespeare trägt das Zitat ja eine sehr fatalistische Bedeutung. Sinngemäß wird gesagt, das Leben sei nur ein Komödiant, der auf der Bühne mit Schall und Wahn spricht.

U_mag: Dann war es also doch nicht so einfach, ein neues Album aufzunehmen, nachdem "Kapitulation" eigentlich überall als großer Gegenwartserklärer und wichtigstes Album des Jahrzehnts gefeiert wurde?
Müller: Zunächst schmeichelt das natürlich und weiß die Eitelkeit zu streicheln. Aber irgendwann störte der ganze Überbau, der um "Kapitulation" gestrickt wurde, und es wurde uns bewusst, dass wir vorrangig eine Rockband sind. Wir haben uns gesagt, wenn man wirklich glaubwürdig sein will, kann man jetzt nicht mit der nächsten These kommen. Zumal wir als Band schon immer dialektisch gearbeitet haben, und das hat unsere Aufmerksamkeit wieder stärker auf das eigentliche Musizieren gelenkt.
von Lowtzow: Dass "Kapitulation" so stark in diese Zusammenhänge des Erklärens gestellt werden würde, war uns natürlich überhaupt nicht bewusst, als wir die Platte gemacht haben. Wir hatten sogar eher das Gefühl, dass sie dem herrschenden Zeitgeist so zuwider läuft, dass sich niemand dafür interessiert. Da war sehr viel Glück und Zufall dabei. Manchmal pokert man - und gewinnt. Aber gerade weil die letzte Platte so stark auf ihre Texte und die gegenwartsdiagnostische Qualität hin rezipiert wurde, wollen wir den Eindruck korrigieren. Über den Verwertungszeitraum eines Albums beginnt man, sich doch mehr und mehr kritisch zu betrachten. Was einem zunächst als großes Glück erschien, verwandelt sich schon bald in eine abscheuliche Fratze.

U_mag: Auch wenn ihr diesmal kein Manifest formuliert habt, ist die neue Platte aber trotzdem keine komplette Realitätsflucht.
von Lowtzow: Ich würde auch dem Manifest zur "Kapitulation" nicht zu viel Bedeutung zumessen. Das war auch ein bisschen schelmisch gemeint. Man kann ja alles zum Manifest erklären, und auf dieser Platte trägt das Stück "Im Zweifel für den Zweifel" ganz klar manifesthafte Züge. Es ist nur nicht als solches erklärt und dem Album vorangestellt.

U_mag: Der Song proklamiert die nie endende Pubertät und lehnt jede Form der Festlegung ab.
von Lowtzow: Ich finde es interessant, von der Pubertät direkt in die Midlifecrisis überzugehen. Das bringt ja ein permanentes In-Zweifel-Ziehen der eigenen Position mit sich. Grundsätzlich finde ich das auch für jede Form der künstlerischen Äußerung gut, weil es einer Routine, der Großmeisterlichkeit und dem Gediegenen des Alterswerks entgegen wirkt.

U_mag: Glaubt ihr denn, dass wir wirklich ohne Festschreibungen leben können und die Zwischenstufen aushalten?
von Lowtzow: Ich finde es zumindest das erstrebenswerte Ziel, und ich persönlich könnte eher mit diesen Festschreibungen nicht leben. Als Band haben wir immer mit vollem Einsatz gegen Kategorisierungen gekämpft, wir seien dieses oder jenes. Und das gilt auch für das private Leben.
Müller: Als Dirk uns "Im Zweifel für den Zweifel" zum ersten Mal vorgespielt hat, da hat es mich ganz tief berührt. Aber das ist natürlich auch nichts, von dem man sagt, das ist jetzt eine Setzung und muss permanent so sein. Der Zweifel kann auch selbst in Zweifel gezogen werden. Die Aussage ist ja schon sehr extrem, und es ist natürlich auch völlig klar, dass zumindest mein Leben nicht tagtäglich so ist.
von Lowtzow: Deswegen ist es ja auch eine künstlerische und keine biografische Äußerung. Der Song hat ja auch einen ganz stark theatralischen Gestus. Wenn ich etwa im Refrain von "meinen heißen Tränen" singe, dann ist das schon sehr campy.

U_mag: In einer Welt, in der wir gerade die Auflösung vieler Gewissheiten erfahren, ist es vermutlich von ganz großer Wichtigkeit, dass wir die Ungewissheit aushalten können, statt aus einem Sicherheitsdenken heraus neue, und womöglich sehr willkürliche Setzungen zu treffen.
Müller: Wir sind schlechte Soziologen. Die aktuellen Zeitströmungen fließen da bestimmt irgendwie mit ein, aber es ist nicht so, dass wir einen Entwurf haben, den wir dagegen stellen. Das wäre mir vom Ansatz her einfach zu zeitgeistig.
von Lowtzow: Man kann schon konstatieren, dass es bei uns eine Widerständigkeit gegenüber einen herrschenden Denkmainstream gibt. Aber diese Etikette kann man sich selber schlecht anheften. Ich finde es gut, wenn das von anderer Seite aus getan wird, aber man selber sollte das vermeiden, weil es sehr eitel ist und sehr schnell zur Selbstüberschätzung führt. Wenn wir unser eigenes Schaffen analysieren, führt das zu schrecklichen Ergebnissen, und deswegen können wir immer nur das anbieten, was wir da auf Platte gepresst haben.

U_mag: Auf dem Album steigerst du dich immer mehr in einen Rausch, in dem sich jegliche Grundlagen von Moral und Ethik verabschieden und du plötzlich Neid, Feigheit und Gier feierst. Dabei verfällst du einer gewaltigen und auch sehr blutigen Sprache.
von Lowtzow: Mich spricht diese Drastik sehr an, und es war auch eine Herausforderung, das blutige Vokabular in unseren Kontext zu integrieren. Über diese Sprache sind wir dann auch zu Themen wie Sünde, Schuld und Verbrechen gekommen. Außerdem vermeidet man so eine gewisse Sentimentalität, mit der man speziell im deutschen Indierock sehr oft konfrontiert wird, und wogegen wir eine regelrechte Allergie entwickelt haben. Wobei diese Sprache ja nun wirklich nicht eskapistisch ist. Warum sollte man sie nicht in seine Kunst einfließen lassen, wenn einem Wörter wie Folter, Terror und Blut täglich begegnen. Man kann CNN anschalten oder unsere Platte hören.

U_mag: Nur dass man bei CNN diesen Worten nicht im Zusammenhang mit dem Thema Liebe begegnet.
von Lowtzow: Auch die Konventionen des Lovesongs wollte ich umdrehen und mit Gedanken infiltrieren, die dem fern sind. Im Schlager wird Liebe immer nur als Passion oder heilende Kraft wahrgenommen, und ich wollte dem das Zerstörerische, Gefährliche und Perverse entgegen stellen, das der Liebe immer auch eingeschrieben ist.
Müller: Gerade den Schlager würde ich da ausnehmen, denn da wird Liebe ziemlich oft auch als etwas ganz Zerstörerisches dargestellt.
von Lowtzow: Stimmt, selbst ein Song wie "Ein Stern, der deinen Namen trägt" von DJ Ötzi bekommt ja in seiner Überzeichnung eine eigene Subversivität, wenn man den Text in einen anderen Kontext stellt. Es gibt von diesem Song ja auch eine Version von Justus Köhnke. Der wirklich schlimme Kitsch kommt von den momentan erfolgreichen Indiepopbands. Die machen den modernen Schlager.

U_mag: Von diesen Bands grenzt ihr euch ja auch durch eure Konzerte ab, indem ihr nicht das momentan übliche Format der Unterhaltungspopband bedient und du die Theatralik bis ins Groteske überzeichnest.
von Lowtzow: Das ist die größtmögliche Gegenhaltung zu diesem Ansinnen, sich mit jedem im Publikum einzeln zu verkumpeln. Ich mag es einfach gern künstlich und unauthentisch. Aber je größer die Geste, desto größer ist natürlich auch der Wunsch im Hintergrund, dass die Lächerlichkeit dieser Geste gesehen wird.

U_mag: Zweifelst du daran?
von Lowtzow: Nein, aber generell glaube ich, dass wir nicht als besonders lustige Band gelten. Aber das ist eigentlich eine völlig falsche Einschätzung, weil für unser Verständnis in ganz vielen Stücken Humor vorkommt. Nimm doch nur die Single "Mach es nicht selbst". Bei der Zeile "Ausgenommen Selbstbefriedigung" habe ich mich selber totgelacht.
Müller: Man kann seinen Witz nicht erklären. Ich glaube, es findet eine Vorsortierung statt, und da sind wir eine ernst zu nehmende Band, bei der nicht gelacht werden darf. Wenn die Leute sagen, wir wären nicht witzig, dann ist das natürlich auch okay. Trotzdem haben wir den Ehrgeiz, diesem Image ein bisschen entgegen zu wirken.

U_mag: Vielleicht solltet ihr auf der kommenden Tour dann doch eine lustige Mitmachnummer integrieren.
Müller: Nee, noch besser, ich mache eine Trapeznummer.
von Lowtzow: Und ich gebe den Ziegendompteur.


Check-Brief

[*Name:*] Tocotronic
[*Besetzung:*] Rick McPhail (Gitarre, Keyboard), Jan Müller (Bass), Arne Zank (Schlagzeug), Dirk von Lowtzow (Gesang, Gitarre)
[*Aktuelles Album:*] "Schall & Wahn" erscheint am 22. Januar
[*Album-Release-Party:*] am selben Tag in Hamburg, Uebel & Gefährlich
[*Tour:*] ab 3. März 2010

Videopremiere "Macht es nicht selbst"

Morgen Donnerstag, den 17. Dezember um 14 Uhr ist es soweit: Tocotronic präsentieren ihr neues Video zur Single "Macht es nicht selbst" exklusiv auf 3min.de - und auf Umagazine.de. Einfach um 14 Uhr hier vorbeischauen. Auf Fans wartet zudem ein besonderer Service: Zeitgleich mit der Videopremiere werden auch 20 Musikvideos aus der gesamten Laufbahn von Tocotronic freigeschalten.



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