ALLES WEGEN PARIS
Indiefreak Devendra Banhart will endlich zum Mainstreamstar aufsteigen. Und zwar aus niedersten Beweggründen.
Interview: Carsten Schrader
U_mag: Devendra, du hast jetzt eine große Plattenfirma im Rücken. Bist du es leid, der Vorzeigefreak der Indieszene zu sein - und willst jetzt endlich das große Geld verdienen?
Devendra Banhart: Wer heute reich werden will, sollte wirklich bessere Geschäftsideen haben. Du hättest mich das fragen können, wenn ich Esoterikworkshops für gelangweilte Hollywoodschauspieler oder die gefallenen Mogule der Musikindustrie anbieten würde. Mein neues Album habe ich jedenfalls ganz bewusst ohne Plattenfirma aufgenommen. Erst als es komplett fertig war, bin ich damit zu verschiedenen Firmen gegangen.
U_mag: ... und natürlich hat Warner dich mit ideellen Werten überzeugt - und nicht mit Geld.
Banhart: Ist es ein ideeller Wert, wenn ich unbedingt beim selben Label wie Paris Hilton sein wollte ...? Okay, künstlerische Freiheit haben sie mir auch zugesichert. Ich war jetzt viele Jahre bei einem Indie, und fast alle Videos, die von mir existieren, sind ohne meine Zustimmung veröffentlicht worden. Man hat mir immer ganz viele Sachen zugesichert - und sich dann einfach nicht an die Abmachungen gehalten.
U_mag: Dann hat die neue Plattenfirma auch nicht verlangt, dass du dich von deinem Bart trennst?
Banhart: Das war meine freie Entscheidung, weil ich den Verdacht hatte, dass er zu sehr von der Musik ablenkt.
U_mag: Das hatte also nichts mit Paris Hilton zu tun?
Banhart: Doch, ein bisschen schon. In irgendeinem Lifetstylemagazin hatte ich gelesen, dass Paris ganz gerne mal auf komfortablere Indiekonzerte geht. Und in derselben Ausgabe stand, Vollbärte seien der neue Mainstream. Vielleicht habe ich mich aber auch verspekuliert, und keine Gesichtsbehaarung ist ihr dann doch zu indie.
U_mag: Die Unterscheidung von guten Indies und bösen Majors ist demnach überholt?
Banhart: Daran glauben doch eh nur noch Hippies! Seit der großen Krise sind sie alle miteinander vernetzt, und auch bei den kleinen Plattenfirmen kannst du auf unsympathische Managertypen treffen, die sich mit einem Vollbart tarnen. Diese vermeintlichen Musikliebhaber sehen sich ein Konzert von mir und meiner Band an, bei dem wir wüsten Garagenrock und Samba spielen, und hinterher erzählen sie uns, dass wir als Freakfolkband ganz fantastisch zu ihnen passen würden.
U_mag: Überforderst du dein Publikum aber nicht auch, wenn du im letzten Jahr mit deinem Nebenprojekt Megapuss ein Album veröffentlicht hast, das fast nur auf Schwanzhumor setzte, und jetzt mit "What will we be" deine bisher nachdenklichste Platte folgen lässt?
Banhart: Greg Rogrove, mein Partner bei Megapuss, ist ein festes Mitglied in meiner Band und hat auch bei der neuen Platte mitgewirkt. Vermutlich mussten wir unseren pubertären Humor erst so radikal ausleben, um diese ernste Platte machen zu können. Aber das betrifft ja nur die Texte. Fans der weichen Übergänge werden musikalisch mit Reggae, einem satten Riffrocker und einer Hommage an Roxy Music aufgefangen.
U_mag: Ging es dir mal wieder um eine möglichst unvorhersehbare Referenz? Oder ist die Verneigung vor dem glamourösen Roxy-Music-Pop ein spätes Outing?
Banhart: Ich habe eigentlich keinen Bezug zu der Band und hätte nie ein so poppiges Stück geschrieben. Vermutlich ging es da einfach um die Aufarbeitung eines frühkindlichen Traumas, denn "Avalon" war lange Zeit die Lieblingsplatte meiner Mutter. Auch schon damals fand ich aber vor allem das Plattencover cool.
U_mag: Unglaublich zurückgelehnt klingen auf deinem neuen Album selbst die Balladen, bei denen du textlich fast schon Selbstzerfleischung betreibst.
Banhart: Das war der Plan. Für mich bildet die Platte einen wunderschönen Strand ab - doch im Meer sind nun mal auch Haie. Nicht umsonst sind wir für die Aufnahmen an einen kleinen, beschaulichen Küstenort in Kalifornien gepilgert. Übrigens ist das auch der Ort, an dem mit Richard Brautigan einer meiner Lieblingsautoren einen Großteil seiner Zeit verbracht hat. Aber diesen literarischen Bezug erwähne ich jetzt natürlich nur, um Paris Hilton zu beeindrucken.
"What will we be" ist seit Ende November auf dem Markt.


