NETZSEHEN TEIL 2
Es ist zum Verzweifeln. Morgens laufen Wiederholungen, mittags miese Talkshows, und abends köcheln Promigourmets dürftige Dinner auf Sparflamme. Für gute Sendungen ist im TV kaum Platz. Die gibt´s neuerdings im Internet. U_mag stellt die spannendsten Webshows vor.
Text: Mark Heywinkel
Foto: Dominik J. Melchior
Dem guten alten Fernsehen geht´s gerade an den Kragen. Während die Privaten Großstadttussis auf dem Bauernhof Hühner melken lassen und das Öffentlich-Rechtliche seine guten Sendungen erst nach Mitternacht zeigt, ziehen unabhängige Webpioniere innovative Alternativen auf. Mit viel Freiheit. Und in hoher Qualität. Das hat Folgen: Europas 14- bis 29-Jährige verbringen bereits zehn Prozent mehr Zeit mit Surfen als mit Fernsehen.
Weil man in der Flut des Netzangebotes schnell den Überblick verliert, hat U_mag nach den spannendsten Webshows gesucht. In den kommenden vier Wochen stellen wir euch die besten Sendungen aus den Bereichen Kino & Kultur, Musik, Serie und Wissen vor.
Teil 1: Kino & Kultur
[*Teil 2: Musik*]
Teil 3: Serie
Teil 4: Wissen
[*Musik unter Tage*]
Eine Kamera, zwei coole Musiker, die immer schon mal Moderatoren sein wollten, Tickets für die U-Bahn - und fertig ist eine der kreativsten deutschen Musiksendungen. Über Undertube stolpert man als Musikfan im Netz unausweichlich: Auf jedem wichtigen Videoportal hat die Show ihre Spuren hinterlassen und tausende Klicks gesammelt. Und das, obwohl Guckgaranten wie Madonna oder Britney Spears niemals zu sehen waren. Bei Undertube werden Indiebands in der U-Bahn interviewt und spielen anschließend ein kleines Akustikkonzert. Hier gibt es kein künstliches Licht, kein Make-up und schon gar keinen Mainstream: Urlaub in Polen, Beatplanet oder Ja, Panik - das sind die Künstler, für die Undertube sich interessiert. Die musikalischen U-Bahn-Fahrten finden inzwischen nicht mehr nur in Berlin, sondern auch in Köln und München statt. Moderiert werden die zehnminütigen Folgen von jeweils zwei Musikkennern: Beispielsweise von Tina Mamczur, die mit ihrer Band Hund Am Strand selbst in der Indieszene aktiv ist, oder Jutta Buck, die als Musikjournalistin arbeitet. Alle zwei Wochen kann eine neue Folge mit Interview, Konzert und reichlich CD-Tipps aus den großstädtischen U-Bahnnetzen auf der Homepage direkt angesehen oder heruntergeladen werden. Eine gelungene Show, befand die Grimme-Online-Jury, und nominierte Undertube 2008 für den begehrten Netzpreis.
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[*Keine Klingeltöne*]
Bis jetzt ist Tape.tv noch ein Insidertipp. Im Juli ist der kostenlose Netzsender gestartet, nach eigener Zählung mit einem Archiv von 12 000 Musikvideos. Entgegen anderen, oft unübersichtlichen Web-2.0-Angeboten, ist die Seite sehr minimalistisch gestaltet: Nur ein rechteckiger Player ist auf der schwarzen Seite zu sehen. Über den können Künstler gesucht und Musikvideos aus acht Genres ausgewählt werden - von HipHop über aktuelle Chartsnummern bis Rock ist für jeden etwas dabei. Mit wenigen Klicks kann eine Playlist angelegt werden. Für das ganz persönliche Musikprogramm ist keine zusätzliche Software nötig. Einziger Makel: Auf jedes fünfte Musikvideo folgt ein Werbefilm, den man nicht überspringen kann. Das nervt? Ja, aber im Gegensatz zu den Klingeltonkanälen Viva und MTV ist Tape.tv schnuffelhasenfrei.
Für die Zukunft planen die Tape.tv-Macher einen Onlineshop, der es dem Zuschauer erlauben soll, Outfits und Accessoires aus einem Musikvideo direkt in den heimischen Kleiderschrank zu holen. Klingt toll, aber vorher müsste erst einmal das Cliparchiv aufgestockt werden. Dass hier tatsächlich 12 000 Songs zur Auswahl stehen, ist kaum zu glauben. Sehr schnell ist der Zeitpunkt erreicht, an dem Leona Lewis und Mia. zum dritten Mal über die Website tanzen. Aber immerhin: Der Schnuffelhase quiekt kein einziges Mal.
[*Ab nach Balkonien*]
Balconytv wurde zwar in Irland erfunden, die deutsche Version der Musikshow findet aber eindeutig in der cooleren Location statt: Auf einem Balkon über der Reeperbahn. Mehrmals die Woche laden die Hobby-Showmaster Johanna Leuschen und Lars Kaufmann Bands, Comedians und Akrobaten auf ihre fünf Quadratmeter große Bühne ein. Die Sendung versteht sich als Plattform für alle, die groß rauskommen wollen oder mal woanders auftreten möchten als in muffigen Kellerbars. Während Kameramann Lars in der einen Ecke des Balkons mit dem Camcorder steht, muss Moderatorin Johanna zwischen Band und Equipment in der anderen Ecke zusehen, wie und wo sie noch ins Bild passt. Schnell ein paar einleitende Worte gesprochen, und schon wird, während ein paar Stockwerke tiefer Touris über die Reeperbahn schlendern, über dem ehemaligen Kukuun-Club in die Saiten gehauen. Dass Lars und Johanna Laien sind, stört kaum. Zuweilen lässt die Tonqualität der Folgen zu wünschen übrig, besonders dann, wenn ein starker Wind durch Hamburg zieht, aber die beiden sind mit so viel Spaß bei der Sache, dass man trotzdem dranbleibt. Und zur Not lässt sich über die klangverzerrten Stellen ja immer noch hinwegspulen.
Die Musikshow Balconytv gibt es entweder auf balconytv.de oder auf jedem großen Videoportal zu sehen. Wer selbst Künstler ist und in Balkonien auftreten möchte, ist nur eine E-Mail weit davon entfernt.
[*Undertube*]
Eine Kamera, zwei Moderatoren und ganz viel Musik. Die Show aus dem Untergrund gehört zum Besten, was das deutsche Web-TV zu bieten hat. Wer vom Mainstream genug hat, findet ein neues Zuhause bei Untertube.
www.undertube.de
[*Tape.tv*]
Endlich wieder Musikfernsehen ohne Kuschelhasen, Lovetester und Partnertracker. Wer einem Insidertipp beim Wachsen zusehen möchte, guckt Tape.tv.
www.tape.tv
[*Balconytv*]
Konzerte über der Reeperbahn: Wer erfahren will, was in luftiger Höhe über dem Hamburger Kiez so alles getrieben wird, schaut Balconytv.
www.balconytv.de


