Foto Brigitte Hobmeier - ICH BIN VIELE
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ICH BIN VIELE

Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist eine echte Schönheit - das will sie aber nicht hören. Wie bescheiden! Wovon sie wiederum auch nichts wissen will.

Text: Juliane Rusche

[*Check-Brief*]

[*Name*] Brigitte Hobmeier
[*Alter*] 32
[*Beruf*] Film- und Theaterschauspielerin
[*Studierte*] Schauspiel an der Folkwang Hochschule in Essen
[*Wohnt*] mit ihrem Mann und ihrem Sohn in München
[*Aufgewachsen*] in Ismaning
[*Seit*] 2005 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele
[*Gewann*] 2007 den Faust-Theaterpreis als Beste Schauspielerin für ihre Rolle in Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung"
[*Aktuell*] ist Brigitte Hobmeier in Marcus H. Rosenmüllers Kinofilm "Räuber Kneißl" und ab dem 11. September im Thriller "Weiße Lilien" zu sehen


Es könnte die Anfangsszene eines Films sein. Gehetzt taucht Brigitte Hobmeier in dem kleinen Garten vorm Münchner Lenbachhaus auf, bleibt kurz stehen, blickt sich suchend um. Dann eilt sie quer durch die Anlage. Mit ihrer Porzellanhaut und den hellroten Haaren wirkt sie wie ein Fremdkörper zwischen den braun gebrannten und verschwitzten Touristen, und tatsächlich bleiben einige der anderen Besucher stehen und blicken ihr nach. Die Schauspielerin merkt davon nichts. "Es tut mir furchtbar leid, dass ich so spät bin!", ruft sie; dabei ist es gerade mal fünf Minuten nach der verabredeten Zeit.

Brigitte Hobmeier ist eine korrekte Person. Nicht nur ihre aufrichtig gemeinte Entschuldigung zeigt das, sondern auch die Art, wie sie ihr schwarzes ärmelloses Top über ihrer Stoffhose zurechtzupft, sich dann mit geradem Rücken auf einen Gartenstuhl setzt, ein erwartungsvolles Lächeln auf den Lippen. Bedächtig und bodenständig, dabei auf eine brave Art schön - solche Beschreibungen fallen einem beim Anblick der 32-Jährigen ein. Auf die Rollen, die sie in den letzten drei Jahren an den Münchner Kammerspielen gespielt hat, treffen die allerdings überhaupt nicht zu; in Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" war sie eine eitle Revolutionärin, in Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" ein gefallenes Mädchen, in Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" eine gestandene Frau. Und in der Verfilmung von Judith Hermanns Erzählungsband "Nichts als Gespenster" mimte sie im letzten Jahr eine Schönheit, die kühl und kühn mit den Gefühlen eines Verehrers spielt. Trotzdem gibt es diese Schublade, in die man sie nur allzu gerne stecken will. "Manchmal bin ich irritiert darüber, was andere Menschen in mir sehen", sagt sie selbst zu solchen Charakterisierungen. "Da heißt es dann: Brigitte Hobmeier, die Erotische. Das irritiert mich. Und ich denke: Schön, dass du das in mir siehst. Aber ich nehme es nicht an. Ich hole mir so eine Sicht von außen nicht ein, um dann zu sagen: Okay, das bin also ich. Ich gehe aber eben auch nicht hin, um klarzustellen, dass das Bild womöglich falsch ist. Was bringt das?"
Dass es trotz ihrer vielseitigen Rollen ein so homogenes Bild von Brigitte Hobmeier gibt, hat auch mit ihrem Aussehen zu tun. Der schmale Körper. Die blasse Haut. Die unzähligen Sommersprossen. Die hohe Stirn. Die beinahe farblosen Augenbrauen und Wimpern. Der herzförmige Mund. Diese schweren, glänzenden Haare, mit denen ihre Finger permanent spielen. "Sicher, am Ende stehe immer ich da auf der Bühne, mit meinem Körper und mit meiner Stimme. Man kann sich ja nicht umoperieren oder wegdenken", kommentiert sie unprätentiös. Dass sie eine Schönheit ist und auch so wahrgenommen wird, egal in welchem Kostüm sie steckt - das will sie nicht hören. "Ich weiß nur, dass ich mich als Kind und Jugendliche immer als hässliches Entlein gesehen habe", sagt sie und lacht unsicher; ein Lachen, das klingt wie das lautmalerische "Hahahaha".

Korrekt und bodenständig. Mit ihrer überhaupt nicht koketten Selbstkritik bestätigt sie diesen Eindruck. Ist ihr das bewusst? "Ach, ich weiß nicht", sagt sie nach langem Überlegen. "Solche Begriffe reichen doch nicht aus, um einen Menschen zu beschreiben. Bestimmt bin ich bodenständig - ich denke nicht, dass diese Welt sich alleine um mich dreht. Aber ich bin auch ein Fantast, mit ganz vielen Träumen und Wünschen." Ihr Blick heftet sich an irgendeinen Punkt auf dem Boden, sie runzelt die Stirn, dann schaut sie wieder auf und lächelt entschuldigend: "Am Ende geht es mir doch um meinen Beruf. Und deshalb habe ich das tiefe Bedürfnis, genau darüber zu sprechen. Über meine Arbeit, meine Rollen, meine Filme. Über mich persönlich muss niemand Bescheid wissen." Die Ansage ist höflich, aber deutlich formuliert: Bitte keine weiteren Fragen in diese Richtung, bitte nicht noch mehr Persönliches. Kein Problem. Schließlich ist es auch für ihre Arbeit wichtig, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Dann nämlich, wenn Regisseure sie ganz bewusst als bestimmten Frauentyp einsetzen.
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"Manchmal muss ich ein bisschen lachen, wenn ich so Sätze höre wie: Die ist mir zu sphärisch. Dann denke ich: Mein Gott, wir sind doch Schauspieler! Wir sind doch Verwandlungskünstler! Seid doch mutiger!" Sobald es um ihre Arbeit geht, wird Brigitte Hobmeier offener. Sie gesteht, dass sie sich sowohl im Theater als auch beim Film oft nach mehr Eigensinn sehnt - "nicht immer alles nett und rund und mit rotem Faden". Und dass ihr selbst da oft die Hände gebunden sind. "Du bist als Schauspielerin ganz stark das ausführende Moment. Wenn du einen Arbeitsvertrag eingehst, sowieso", bedauert sie. "Da gibt es ganz bestimmt Situationen, in denen ich denke: Schade, jetzt bin ich auch nicht mehr als eine Angestellte." Und dann kommt sie doch wieder auf sich selbst zu sprechen. Ihre Antwort auf die Frage, ob die Mutlosigkeit der Regisseure nicht schleichend zu einer eigenen Mutlosigkeit werden könne: "Bestimmt! Aber das ist ja eine Sache, die begleitet mich nicht nur in der Arbeit, die begleitet mich auch in meinem Leben. Dass ich mich fragen muss: Verharre ich in Bequemlichkeiten? Oder gehe ich mutige Wege und schreite voran?"

Das muss man Brigitte Hobmeier lassen: Auf Nummer sicher ist sie nie gegangen. Im Gegenteil. Vor sechs Jahren, kurz nach dem Ende ihres Studiums an der Essener Folkwang Hochschule, lehnte sie ein Angebot des Düsseldorfer Schauspielhauses ab, um stattdessen ans Münchner Volkstheater zu gehen - verzichtete also auf das Engagement an einem großen Haus, um gemeinsam mit anderen Nachwuchsschauspielern zu arbeiten. Am Volkstheater wurde sie zum hauseigenen Star, trotzdem warf sie nach drei Jahren das Handtuch. "Meine Kollegen haben mich für verrückt gehalten und gesagt, ich solle doch erst mal etwas Neues finden, bevor ich kündige", erinnert sie sich. "Aber ich habe eben gemerkt, dass die Zeit vorbei ist." Und wieder hatte sie Glück und kam im Ensemble der Kammerspiele unter, konnte in München bleiben. Der Heimat also, in der sie sich wohl fühlt. "Hier herrscht eine Vertrautheit, die ich brauche", fasst sie ihre Liebe für die Stadt zusammen. Auch deshalb sei sie damals nicht nach Düsseldorf gegangen - sie habe das Gefühl gehabt, sie müsse endlich wieder in der Nähe ihrer Familie sein. Also nahm sie in Kauf, sich durch die Absage womöglich ihre gerade erst beginnende Karriere zu versauen. Ein mutiger Schritt, doch Brigitte Hobmeier winkt ab: "Ich hoffe, dass ich nicht so dumm bin, jemals die Karriere über die Familie zu stellen. Für mich wird eh immer wichtiger, dass ich Menschen finde, mit denen ich arbeiten kann. Das sind im besten Sinne eigenwillige Künstler; Menschen mit Visionen, die Geschichten erzählen wollen. Ich fände es ganz schlimm, wenn mein Arbeitsplatz nur noch eine Fabrik wäre, in der monoton und stumpfsinnig vor sich hin gearbeitet wird."

Ihre Sehnsucht nach Abwechslung ist auch der Grund dafür, dass Brigitte Hobmeier inzwischen immer öfter für Kinofilme vor der Kamera steht. "Es ist ein Kampf, gleichzeitig für Theater und Film zu arbeiten", sagt sie, "vor allem logistisch. Ich werde diesen Wunsch aber trotzdem nicht aufgeben." Genauso stünde aber auch fest, dass sie nie nur Filme machen werde. "Ich wäre wahrscheinlich eh nicht dafür geschaffen. Ich habe gar nicht das Gesicht, um im Filmgeschäft auf Dauer anzukommen." Was sie dann sagt, passt perfekt ins Bild: "Ich betrachte mich persönlich eben nicht als makelloses Wesen. Und ich habe manchmal das Gefühl, dass es beim Film doch mehr auf Makellosigkeit ankommt." Man möchte Brigitte Hobmeier widersprechen - und lässt es dann doch lieber bleiben. So wenig sich die Schauspielerin auf einen bestimmten Typ festlegen lassen will, so unverrückbar ist nämlich auch das Bild, das sie von sich selbst hat. Sie weiß, wer sie ist und was sie will, sie will es nur nicht herausposaunen. Genau das lässt sie so erwachsen wirken; genau das macht sie so gut.

Auch als Brigitte Hobmeier den Garten vorm Lenbachhaus wieder verlässt, gucken ihr mehrere Menschen hinterher. Nicht schön? Nicht erotisch? Nicht makellos? Jedenfalls ein Blickfang - ob sie will oder nicht.