Sharon Smith, Simon Will und Johanna Freiburg triumphieren über das System, Sean Patten und Berit Stumpf liegen ihm zu Füßen - oder so. Foto: Manuel Reinartz
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FAUST UND FAHNE

Die Performance-Darlings Gob Squad proben den Aufstand. Fragt sich nur, gegen wen - und warum.

Von Falk Schreiber

Wir spielen Revolte: Paläste besetzen, Fernsehen unter Kontrolle bringen, Volk agitieren. Bei der britisch-deutschen Performancegruppe Gob Squad heißt das: Sie besetzen die Berliner Volksbühne, sie bauen einen Rundfunksender auf, und wo trifft man das Volk, wenn nicht auf dem Sofa? Auf der Straße, also kidnappen Gob Squad einen Passanten, der als Volksvertreter überzeugt werden soll. Revolution, jetzt! Beziehungsweise: Revolutionsposen, Waffen und Fäuste und wehende rote Fahnen. Beziehungsweise: Theater. Gob Squad inszenieren "Revolution now!".
Theater lief bei Gob Squad bisher so ab: Wir verbringen eine schlaflose Nacht mit den Akteuren im Hotel ("Room Service", 2003). Wir werden zu Darstellern eines live gedrehten Films ("Super Night Shot", 2003). Wir vertrauen einer Kamera unsere Sehnsüchte an ("Saving the World", 2008). Das hatte viel mit uns zu tun, ging oft ans Eingemachte, blieb aber immer auf der individuellen Ebene. Mit Gesellschaft, mit Politik hatte das nichts am Hut - aber um von Revolution zu sprechen, müssen wir doch zunächst von der Gesellschaft sprechen, oder? "Bei der Revolution muss man sich identifizieren können", meint Gob Squads Simon Will, "man braucht Klarheit. Wie George Bush sagte: ,Are you with us or are you against us?' Bush hat verstanden, dass man ganz klare Grenzen ziehen muss, wenn man Macht will. Heute ist es aber so, dass du selbst der Feind sein könntest. Oder ich. Oder wir alle. Du musst die Grenzen in dir selbst ziehen."
Beschäftigen sich Gob Squad womöglich überhaupt nicht mit Politik, sondern nur mit den Widersprüchen von politischem Aktionismus? "Das Stück handelt genau davon", stimmt Berit Stumpf zu. "Wir sind alle Individuen, wir wollen immer individueller werden - und das verhindert ein Zusammengehörigkeitsgefühl. In dem Stück stoßen diese beiden Sehnsüchte zusammen: die Sehnsucht nach Individualität und die Sehnsucht nach etwas Größerem."

Aber ist "Revolution now!" überhaupt eine echte Revolution? Gob Squad besetzen die Volksbühne nicht, es geht um eine Kunstaktion: Die Volksbühne wird zur Verfügung gestellt. "Natürlich schmeißen wir keine Scheiben ein, natürlich schießen wir uns den Weg in die Volksbühne nicht frei", bestätigt Berit Stumpf. "Aber schon die Tatsache, dass Gob Squad in der Volksbühne arbeiten, ist eine Revolution. Und jetzt, wo wir in der Volksbühne sind, wollen wir sie auch wirklich besetzen. Wir wollen in diesem Gebäude so arbeiten, wie wir es für richtig halten, und nicht so, wie dort jahrelang gearbeitet wurde." Ganz tolle Revolution, die natürlich jeder Theatermacher so für sich beansprucht. Frank Castorf, Christoph Schlingensief, Thomas Bischoff, René Pollesch: lauter Revolutionäre, die alles anders machen wollen als ihr Vorgänger. "Du nennst vier Regisseure", wirft Simon Will ein. "Aber Gob Squad ist kein Regisseur. Gob Squad ist ein Kollektiv, das ist etwas vollkommen anderes als diese vier Einzelpersonen."
Es geht nicht um Inhalte oder Formen, es geht um Arbeitspraxis. Vor 15 Jahren fingen Gob Squad an, eigene Stücke zu inszenieren, beseelt von Abneigung gegen Repräsentationstheater einerseits und Begeisterung für Popkultur-Codes andererseits. Ein Kollektiv, das die Arbeitshierarchien sowohl in Theater als auch in Pop unterläuft. Eine Gruppe, die man sich mit ihrem coolen Understatement immer noch in der WG-Küche eines Unistädtchens vorstellen kann, die aber freilich längst in Berlin residiert und zum Interview in ein böse gentrifiziertes Mitte-Café bittet. Widersprüche!

Diese Widersprüche machen Revolution für uns zum Spiel, mit dessen Spielregeln wir uns erst einmal vertraut machen müssen. Und wenn wir uns vertraut gemacht haben, dann kuscheln wir erstmal. Draußen brennen allerdings längst Autos.
Gob Squad sind perfekte Kinder unserer Zeit.

Check-Brief

Name: Gob Squad
Profession: Performancekünstler
Mitglieder: Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Laura Tonke, Bastian Trost und Simon Will
Gegründet: 1994 von Theaterstudenten an den Unis Nottingham und Gießen
Leben heute: in Berlin
Arbeiten regelmäßig: in Berlin, Hamburg, Köln
Erstes Stück: "House", 1994 in einem leerstehenden Haus in Gießen
Erster großer Erfolg: "15 Minutes to comply", 1997 in einer U-Bahn-Station während der documenta X in Kassel
Ulkigster Erfolg: Dass Berit Stumpf und Sean Patten in einer Reportage über den kinderreichen Berliner Bezirk Prenzlauer Berg als Vorzeigeeltern porträtiert wurden
Aktuelles Stück: "Revolution now!", Volksbühne, Berlin

Web: www.gobsquad.com