Foto Broadcast 2000: Grönland
> Labelportrait Grönland Records

GELDVERBRENNUNGS-ANLAGE

Von Carsten Schrader

Von Herbert Grönemeyers Musik kann man halten, was man will. Doch so lange er sein Geld auf so tolle Art und Weise verbrennt wie sonst kein Mainstreamverdiener, sollte man dem Gutmenschler jede Platinplatte gönnen. Bereits 2000 gründete er das Label Grönland, ursprünglich um den Backkatalog der Krautrocklegende Neu! endlich auf CD zu veröffentlichen, aber bereits mit dem Hintergedanken, internationale Acts zu lizensieren und auch deutsche Nachwuchskünstler unter Vertrag zu nehmen. Vielleicht liegt es an den geschmacklichen Verirrungen der Anfangszeit, wenn Grönemeyers Plattenfirma in Indiekreisen noch immer nicht die verdiente Dankbarkeit erhält. Natürlich war da mal die unsägliche Frauenband AK4711, die im Duett mit Benjamin von Stuckrad-Barre den Song "¯le Pinguin" von Udo Lindenberg coverten: "Doch wenn ich frier, dann greif ich mir 'ne Eskimöse und wärme mich an ihr." Inzwischen hat aber jeder Musikfan mit Geschmack mindestens eine Grönland-Platte auf seinem iPod. Etwa das neue Singer/Songwriter-Album des Vollbartträgers und ausgebildeten Psychotherapeuten William Fitzsimmons. Oder Matthew Thomas Dillon, der als Windmill mit knarriger Froschstimme wunderschönen Pathospop macht. Am häufigsten aber wird man auf Philipp Poisel treffen. Mit den sperrigen Akustiksongs von seinem Debüt "Wo fängt dein Himmel an?" ist der 25-Jährige aus der schwäbischen Provinz die bisher erfolgreichste Grönland-Neuentdeckung. Hauptverantwortlich für die Geschmackswende ist Mareike Hettler, die das Label im Alleingang schmeißt, seit Grönland seinen Hauptsitz vor einem Jahr von London nach Berlin verlagert hat. "Man kann uns schon als klassisches Indielabel bezeichnen, nur dass wir musikalisch sehr breit aufgestellt sind und innerhalb dieses Bereichs keine Scheuklappen tragen", beschreibt sie das Programm. Etwa einmal pro Woche trifft sie sich mit Chef Grönemeyer, um die aktuellen Projekte zu besprechen und neue Künstler in den Blick zu nehmen. "Das Label ist für ihn eine Herzensangelegenheit, er ist in die Auswahl involviert und lernt die Künstler auch kennen." Aber kommen die Indiefans auch damit klar, wenn sie eine Empfehlung von Herbert Grönemeyer kaufen? "Wer sich für ein Album von William Fitzsimmons interessiert, lässt sich bestimmt nicht davon abhalten, dass er die Musik seines Plattenfirmenchefs nicht mag", gibt sich Hettler optimistisch. Für die Künstler selbst ist es ein absoluter Glücksfall ist, wenn sie bei Grönland unterkommen. Denn was andere Labels nur behaupten, wird hier wirklich umgesetzt: Es geht um die Musik, nicht um Wirtschaftlichkeit. Zumindest so lange Grönemeyers Platten direkt von Null auf Eins gehen.

[*Wohnzimmerorchester*]
"Nein, ich bin Herbert Grönemeyer bisher noch nicht begegnet", lacht Jon Steer, "aber ich werde immer gespannter auf das Treffen, weil mich in Deutschland wirklich jeder nach ihm fragt." Mit dem gerade erschienenen Debüt seines Bandprojekts Broadcast 2000 passt Steer jedenfalls perfekt zu Grönland: Die Folkpopkompositionen gehen ins Ohr und bewahren gleichzeitig eine gewisse Heimstudiosperrigkeit.