DER KINOTRÄUMER
Warum schütteln uns manche Filme nur so durch? Auch Maximilian Erlenwein wollte das herausfinden - und schüttelt jetzt selber. Schuld daran ist nur E.T.
Von Volker Sievert
Maximilian Erlenwein sieht mitgenommen aus. Er hat in letzter Zeit ausgiebig gefeiert, nachdem sein Debütfilm "Schwerkraft" drei renommierte Max-Ophüls-Preise gewonnen hat. Erlenwein spendiert als Entschuldigung für seine Verspätung - er hat keinen Parkplatz gefunden - eine Biolimonade, die graue Kappe über dem lichten blonden Haarschopf wird er das ganze Gespräch über nicht abnehmen. Er wird sehr häufig "wahnsinnig" sagen und meist froh drum sein, wenn er eine Antwort gegeben hat. Der aus dem kleinen Ort Pulheim bei Köln stammende Filmemacher ist es nicht gewohnt, bekannt und gefragt zu sein - und er ist sich auch noch nicht sicher, ob er es mag. Viele Antworten beendet er mit einem nervösen Lächeln.
Zur Nervosität hat der 34-Jährige eigentlich gar keinen Grund, hat er doch geschafft, was alle jungen Filmschaffende als größtes, oft unerreichtes Ziel vor Augen haben: den eigenen Kinofilm. In "Schwerkraft" entdeckt ein Bankkaufmann den Outlaw in sich und räumt die Häuser seiner Kunden aus. Was pfiffig beginnt, endet in Prügeleien und Pump-Gun-Schießereien. Das hat auffällige Parallelen zu Erlenweins prämiertem Kurzfilm "Blackout" von 2006, in dem ein junger Mann plötzlich ausrastet und mit Gewalt auf seine Umwelt losgeht. Was fasziniert ihn so daran? Erlenwein nickt während der Herleitung der Frage heftig, zieht am Schirm seines Caps und räuspert sich. "In beiden Filmen kämpft die Hauptfigur mit ihrer dunklen Seite. Es interessiert mich einfach wahnsinnig, wenn Leute mit sich selber kämpfen. So, dass der Betrachter zwar mit der Figur mitfühlt, aber nicht denkt: Nein, geh nicht um die Ecke! Da steht der Bösewicht!, sondern: Nein, bitte tu das nicht! Mach diesen Fehler nicht." Man spürt an der Fiebrigkeit, mit der er erzählt, dass es sich bei diesem Thema nicht nur um etwas handelt, zu dem er sich als Regisseur hingezogen fühlt, weil er als Teenager gerne Horrorfilme geguckt hat. Erlenwein wirkt, wie öfter an diesem feuchtkalten Mittag, leicht überfordert und gestresst. Aber er antwortet immer auf den Punkt genau: "Tiefenpsychologisch kann ich diese Faszination auch nicht erklären. Ich habe in meinem Freundeskreis einige Male erlebt, wie dicht Talent und Dämonen beieinander liegen, wie die begabtesten und intelligentesten Leute sich selber alles kaputt gemacht haben."
Kaputt macht sich Erlenweins Protagonist Frederick Feinermann vor allem die Karriere als Banker. Statt Kredite zu vergeben und Geld zu vermehren, geht er CDs klauen, sitzt tatenlos am Schreibtisch und droht nervigen Vorgesetzten Prügel an. Der unausgelebte Wunschtraum aller Leute, die in Agenturen, Krankenhäusern und Großraumbüros ausgebeutet werden. Und in seiner Solidarität auslösenden Wirkung auch fast ein Aufruf zum Widerstand. Doch Erlenwein dementiert energisch: "Es geht um die Lust am Gangstertum. Warum gucken wir so gerne Gangsterfilme? Weil die Figuren stellvertretend für uns anarchistisch das ausleben, was wir nicht können. Natürlich ist es keinem Zuschauer verboten, sich Gedanken darüber zu machen, ob er das richtige Leben führt. Das ist aber kein Aufruf, nach dem Motto: Steht auf und wehrt euch. Was Frederick macht, ist keine Lösung: Gewaltexzesse ausleben, um etwas zu spüren." Erlenwein wedelt mit der Hand, als verscheuche er den stofflich im Raum schwebendem Verdacht, in seinem Film Gewalt zu verherrlichen.
Als politischen Film sieht er seinen Erstling also nicht. "Ich habe mir nicht vorgenommen, jetzt mal ordentlich die Gesellschaft zu kritisieren. Das hat beim kreativen Prozess überhaupt keine Rolle gespielt. Wenn das im Nachhinein politische Komponenten bekommt, ist das ist der dynamische Prozess zwischen Filmemacher und Zuschauer. Aber es gibt viele Umstände, um die man gar nicht weiß, und daher sollte man nicht zu viel in einen Film hineininterpretieren." Auf die Bitte, das doch etwas konkreter zu formulieren, grübelt Erleinwein lange, murmelt: "Ach, wie soll ich das jetzt erklären?", dann sagt er: "Der große japanische Regisseur Akira Kurosawa wurde mal gefragt, warum er eine bestimmte Landschaft so gefilmt hat, wie er sie gefilmt hat. Er hat gesagt: Hätte ich die Kamera weiter nach links geschwenkt, wäre die Fabrik ins Bild gekommen und rechts die Autobahn. Der Film spielt aber im 17. Jahrhundert. Deswegen."
Erlenweins Abneigung gegen die Filminterpretation rührt aus seinem Studium der Soziologie und Medienwissenschaften an der Uni Marburg. "Ich bin in den Filmwissenschaftsseminaren wahnsinnig wütend geworden, weil da Film auf eine Art und Weise analysiert wurde, die mit dem Schaffensprozess nichts zu tun hatte. Da wurde durchgekaut, warum das Mädchen ein rotes Kleid an hat: Wofür steht die Farbe Rot? Was ist die Metapher? Ich wollte aber wissen, warum zum Teufel mich Filme so berühren, warum der Regisseur es schafft, dass ich das und das empfinde. Da war Filmwissenschaft der ganz falsche Ansatz." Stattdessen drehte Maximilian Erlenwein im Alter von 20 Jahren mit Kommilitonen "Trashwerke" - und das war der richtige Ansatz. Er formuliert es sachlich: "Ich habe mich entschieden, in der Branche zu arbeiten."
Erlenwein brach das Studium ab - unterstützt von Eltern, denen die Selbstverwirklichung ihres Sohnes mehr am Herzen lag als ein durchstrukturierter Lebensplan. "Sie haben zu mir gesagt: ,Scheißegal, was du machst. Hauptsache, es macht dir Spaß.' Und das tat es. Erlenwein ging nach Berlin, wurde Kameramann und reiste für Reportagen und Dokumentationen nach Thailand, Rumänien und Sierra Leone. Dann bewarb er sich an zwei Filmhochschulen, an der einen für Kamera, an der anderen für Regie. "Ich wollte ein bisschen das Schicksal entscheiden lassen. Es ist dann Regie geworden, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin." Erlenwein klingt richtig glücklich. Er ist dann gleich in Berlin geblieben.
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Die vorbeifahrende U2 rüttelt das Café an der Ecke Schönhauser Allee/Eberswalder Straße in seinen Grundfesten durch. Jemand niest. Mancher berühmte Regisseur hat mit Papis Kamera und seinen Spielzeugraumschiffen im heimischen Garten Science-Fiction-Filme gedreht. Erlenwein nicht. "Ich komme aus keinem wahnsinnigen Kreativhaushalt, in dem immer Musik gemacht wurde oder man Geschichten schrieb. Meine Eltern haben mir einfach nie Druck gemacht, ich konnte machen, was ich wollte." Seine Leidenschaft für das Kino hat seinen Ursprung dennoch in seiner Jugendzeit. "Als Kind bin ich jeden Freitag nach Köln gefahren, habe meinen Vater von der Arbeit abgeholt, und dann sind wir zusammen ins Kino gegangen: ,Die unendliche Geschichte', ,Krieg der Sterne', ,Indiana Jones'. Dadurch ist Kino für mich zu etwas Großem geworden. Zu etwas Magischem." Ein verklärtes Lächeln überzieht sein unrasiertes Gesicht. Am Anfang stand jedoch nicht die uneingeschränkte Liebe zur Leinwand, sondern erst einmal die nackte Panik. Wenn Erlenwein heute von seinem ersten Kinoerlebnis erzählt, graust es ihn immer noch: "Das war so gruselig, dass ich nach 20 Minuten Bauschmerzen vorgetäuscht und meine Eltern dazu genötigt habe, mit mir das Kino zu verlassen." Was Erlenwein soviel Angst machte, war die böse Hexe in Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge". "Das habe ich einfach nicht ausgehalten", ergänzt er. Kurz hat man den Eindruck, er wolle angesichts der Erinnerung an dieses Zelluloidtrauma seiner Kindheit die Hände vors Gesicht schlagen.
Gute 30 Jahre später hat Erlenwein sich aber so weit erholt, dass er einen mit 18 000 Euro dotierten Filmpreis gewonnen hat, einer der zwei Inhaber der Fat Lady Filmproduktion ist und allgemein prächtige Aussichten auf die Zukunft besitzt. Da machen die Ängste bestimmt einen Erholungsurlaub, oder? Pustekuchen. Erlenwein muss sein Lieblingswort bemühen. "Das ist alles ganz großartig, was mir gerade passiert, und super fürs Selbstvertrauen. Aber, ey, es ist einfach ein wahnsinnig krasser Markt, du bist immer nur so gut wie dein letzter Film. Wenn ich den nächsten Film gegen die Wand fahre, dann war's das auch schon wieder, darüber bin ich mir bewusst. Dann muss ich vielleicht eine Fernsehserie machen und kann nicht mehr meinen großen Kinotraum ausleben." Hoppla. Ein Traum. Wie sieht der aus? "Als ich angefangen habe, wollte ich einen langen Film machen. Wenn ich den vergeige, habe ich mir gesagt, dann hab ich's wenigstens versucht. Und jetzt ist der Traum: Ich möchte das mein Leben lang machen. Ich möchte Regisseur sein."
Nichts, was Maximilian Erlenwein heute gesagt hat - es war nicht
wenig, und das meiste davon hat er mit dem Brustton der Überzeugung ausgedrückt -, nichts hat er so nachdrücklich gesagt wie diesen letzten Satz. Fast hallt er ein wenig nach in der Dudelradiomusikatmosphäre des Café Manolo.
Er springt vom Stuhl, wühlt sich in die Jacke und macht sich auf, seinen Traum weiterzuleben. Hat er eigentlich "Schneewittchen" je wieder gesehen? Erlenwein dreht sich noch einmal um, durch die Tür dringt schon Prenzlauer-Berg-Krach, zusammen mit frischer Luft. "Nein, aber ich hab' letztens noch mal ,E. T.' gesehen. Eine echt krasse Erfahrung, ich hab' wieder geheult. Der ist echt so wahnsinnig rührend." Wahnsinn.
Name: Maximilian Erlenwein
Beruf: Filmregisseur
Alter: 34
Wohnort: Berlin
Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)
Filme Kurzfilme: "Fuck and Run", "Elvis versus Bruce Lee" (2000), "John Lee and Me" (2002), "Blackout" (2005), "Raw and Uncut" (2006, Konzertfilm), "Killing the Distance" (2007, Dokumentarfilm)
Auszeichnungen Auswahl: Max-Ophüls-Preis und First Steps Award für "Schwerkraft", Preis der deutschen Filmkritik und Best Shortfilm beim International Film Festival Monterrey, Mexiko für "Blackout"
Spielfilmdebüt "Schwerkraft" mit Fabian Hinrichs, Jürgen Vogel und Nora von Waldstätten läuft seit 25. März




