WITZKIDS IM WUNDERLAND
Das US-Duo MGMT gilt als globale Stimme der Mittzwanziger. Problem: Das war nur ein Unfall. Andererseits: Wo ist das Problem?
Von Steffen Rüth
Als Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser sich 2002 an der Uni in Connecticut kennenlernten, hatten sie nicht unbedingt vor, die Lieblingsband aller Styler zu werden. Oder gar mit einem Liedchen, das sie "Kids" nannten, den zweiteinprägsamsten Indiepopsong des Jahrzehnts abzuliefern (hinter "Seven Nation Army" von den White Stripes).
Nein. Ben und Andy wollten mehr. Sie wollten nackte Mädchen sehen.
"Wir haben den anderen gegenüber einfach behauptet, wir seien eine Band", erinnert sich Ben. "Dabei stimmte das gar nicht. Wir waren bloß ein Witz." Dank der kleinen Anmaßung erreichten die beiden Musik- und Geschichtsstudenten ihr Ziel: Sie durften im Unischlafsaal auftreten, und zwar anlässlich der traditionellen "Clothing Optional"-Party. Da sie keine eigenen Songs hatten, spielten sie die Titelmelodie aus "Ghostbusters" - aufgeblasen zu einer 35-Minuten-Version. Einige Mädchen zogen sich dann tatsächlich aus, allerdings nur obenrum.
Später in der Nacht, besoffen in Bens Zimmer, komponierten sie "Kids". "Das war wirklich die allerallererste Nummer, die wir je geschrieben haben", sagt Andrew. "Wir waren 19. Es ist schon lustig, wenn aus so einem kleinen Song so ein gewaltiges Ding wird." Ein winziger Witz mit einer Riesenpointe namens Weltkarriere.
Ben und Andrew ritten die perfekte Hypewelle 2008, bekamen einen fetten Vertrag über vier Alben beim Dickschiff Sony Music, veröffentlichten das Debüt "Oracular Spectacular", das die meisten Kritikerlieblingslisten anführte, und tourten anderthalb Jahre lang um die Welt. Das alles fanden die beiden Nerds zwar ziemlich cool, aber auch ein wenig seltsam. Richtig ernst nahmen sie ihren neuen Beruf jedenfalls nicht, sonst wären sie nicht mit Mönchskutten in die David-Letterman-Show gestiefelt. "Wir haben uns über Popmusik lustig gemacht", sagt Andrew, "indem wir versuchten, sehr poppige Popsongs zu schreiben und sehr poppige, bunte und eigenartige Auftritte hinzulegen."
Was folgte, war weltweiter Ruhm - und ein Identitätsproblem. Ben: "Manchmal haben wir Leute getroffen, bei denen du gleich merktest, dass sie zwei drogenkranke Ärsche erwartet hatten und nun total enttäuscht waren. Wir sind längst nicht so speziell, wie viele denken. Wir sind einfach nur zwei schüchterne Typen." Versteht sich fast von selbst, dass MGMT auch nie vorhatten, mit "Kids" die Stimme ihrer Generation - der Mittzwanziger - zu werden. "Und das sind wir auch nicht", schwört Ben. Sind sie aber doch; und es gibt Generationen, die waren schlechter dran, die hatten nur Florian Ilies.
MGMT wissen sich auch durchaus altersgemäß zu benehmen. Das Hotel im Londoner Ausgehviertel Soho, in das ihr Label anlässlich des zweiten Albums "Congratulations" gebeten hat, ist zwei Nummern zu stylish für die Jungs, die mit ihren Rucksäcken und Parkas in den massigen Sesseln des Riesenraums sichtlich fremdeln. "Popstars?" Goldwasser schüttelt sich schon bei dem Wort. "Das sind für uns immer noch die anderen. Unberührbare wie Lady Gaga." Trotzdem haben sie ihren Selbstverarschungsansatz überarbeitet. Die Ironie war auf Dauer nicht durchzuhalten, das haben sie spätestens während der langen Tour gemerkt. VanWyngarden: "Anfangs haben wir uns über dieses verkommene, dekadente, maßlose Gebaren lustig gemacht, das wir immer wieder bei anderen Bands sahen. Das Blöde war, dass uns der Lebenswandel zu Kopf gestiegen ist - und wir am Ende selber so drauf waren ... "
Das neue Album ist ernster und erheblich reifer, es klingt sehr komplex. Ein Hit wie "Kids" ist nicht darauf, die Songs kommen ohne klassischen Aufbau aus. "Wer nicht jedesmal was Neues macht", kommentiert Ben den riskanten Ansatz, "der wird schnell langweilig und uninteressant." Die Aufnahmen fanden in Malibu statt; vielleicht hören sich die Songs deshalb so sehr nach ihren geliebten Beach Boys an. Doch vor allem wollten es die beiden Brooklyner einfach mal warm haben.
Andrew verbesserte in Malibu seine mäßigen Surfskills. Und Ben, dem Surfen zu nass und zu sportlich ist, hat sich mit einem roten Salamander angefreundet.
[*Name:*] MGMT
[*Bandmitglieder:*] Andrew VanWyngarden, Ben Goldwasser
[*Wohnort:*] New York
[*Musikalische Mission:*] Wollen junge Styler mit den musikalischen Obskuritäten vergangener Jahrzehnte konfrontieren
[*Ungewöhnliche Inspiration:*] Im Song "Lady DaDa's Nightmare" thematisieren sie ihr Befremden über die Karriere von Lady Gaga
[*Aktuelles Album:*] "Congratulations" erscheint am 9. April 2010, bereits eine Woche vorher kommt die neue Single "Flash Delirium"
[*Web:*] Auf www.whoismgmt.com steht das neue Album als kostenloser Download zur Verfügung.


