DAS WUNDERFRÄULEIN
Nach ihren nächsten beiden Filmen wird jeder wissen, wer Karoline Herfurth ist. Was die 24-jährige Schauspielerin davor bewahren wird, die Bodenhaftung zu verlieren: extremer Ehrgeiz. Und "Bibi Blocksberg"-Kassetten.
Text: Juliane Rusche
Foto: Stefan Falke, © Constantin Film
Wahnsinn, wie zerbrechlich die aussieht. Die streng zurückgebundenen roten Haare. Dieses blasse Gesicht, in dem zwei große braune Augen leuchten. Wie sie sich auf ihrem Stuhl in dem riesigen Konferenzraum eines Berliner Hotels zusammenkauert, erinnert Karoline Herfurth an ein schüchternes Schulmädchen. Die Schauspielerin lächelt zurückhaltend, bietet Getränke an, ordert für sich selbst noch einen Milchkaffee - zum Muntermachen. Dafür, dass sie seit sechs Stunden Interviews gibt, sieht sie allerdings erstaunlich frisch aus. Mitte November startet "Im Winter ein Jahr" in den Kinos, das neue Drama von Oscar-Preisträgerin Caroline Link, mit Herfurth in der Hauptrolle. Der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere, die 2000 mit dem Jugenddrama "Crazy" ihren Anfang nahm.
[*U_mag:*] Karoline, kannst du dich noch an alle Rollen erinnern, die du seit "Crazy" gespielt hast?
[*Karoline Herfurth:*] Na klar. Es gibt natürlich Rollen, die stärker zurückbleiben als andere, die mehr mit einem gemacht haben, für die man mehr lernen musste. Aber eigentlich weiß ich noch ziemlich gut, wie sich jeder einzelne Charakter angefühlt hat.
[*U_mag:*] Und schöpfst du aus diesen Erinnerungen, wenn du neue Projekte angehst?
[*Herfurth:*] Ich mag Rollen, die ich vorher noch nicht gespielt habe. Es ist das Schönste, wenn man bei der Erarbeitung eines Charakters nicht einfach auf Vergangenes zurückgreifen kann. Es gibt nichts Langweiligeres, als immer wieder dasselbe abzuspielen. Mir ist es wichtig, Sachen zu machen, durch die ich an Grenzen stoße. Wo ich merke: Diese Art von Mensch, diese Seite habe ich noch gar nicht kennen gelernt. Das fordert mich.
Der erste Eindruck des Fragilen: ein Trugschluss. Kaum hat Karoline Herfurth ihren Kaffee bekommen und sich auf ihrem Stuhl aufrechter hingesetzt, haut sie Sätze raus, die vor Selbstbewusstsein strotzen. Irgendwie logisch. Schließlich hat man es hier mit einem Profi zu tun, der seit acht Jahren im Geschäft ist und an annähernd 20 Filmprojekten mitgewirkt hat. Andererseits: Herfurth ist gerade mal 24 Jahre alt. Eine ehemalige Waldorfschülerin, die nie aus ihrer Heimatstadt Berlin fortgezogen ist. Die sich seit Monaten mit ihrer Diplomarbeit für den Abschluss an der Schauspielschule Ernst Busch herumschlägt. Die ihre Freizeit bei ihrem Pflegepferd verbringt und in ihrem Blog darüber schreibt, woran sie gerade arbeitet und wie oft sie den "Sex and the City"-Film schon gesehen hat. Klingt eher nach sorgloser Fastfrau als nach abgebrühtem Profi. Die Rolle der Lilli in "Im Winter ein Jahr" ist der komplexeste Charakter, den Karoline Herfurth bislang verkörpern durfte: eine 22-jährige Tänzerin, deren Bruder sich das Leben genommen hat. Auch so eine Fastfrau, eine sehr verwirrte, die sich hinter einer Fassade aus Coolness versteckt, die sich in eine zum Scheitern verurteilte Beziehung stürzt, die sich die Unterarme ritzt und beinahe zerbricht an ihrem Schmerz.
[*U_mag:*] Hat es dich viel Kraft gekostet, in die Haut dieser Lilli zu schlüpfen?
[*Herfurth:*] Es gibt Rollen, die verlangen viel von mir. Da komme ich an meine persönlichen und emotionalen Grenzen. Lilli war so eine extreme Rolle. Ich musste ganz stark mit ihren Ängsten umgehen, mit ihren depressiven Gefühlen. Ich musste mich stark puffern und füttern, damit es mir dabei nicht selbst schlecht ging.
[*U_mag:*] Fällt es dir bei solchen Rollen schwer, sie am Ende des Tages abzustreifen und wieder du selbst zu sein?
[*Herfurth:*] Um ein professioneller Schauspieler zu werden, muss man lernen, wie man immer wieder zu sich selbst kommt. Es kommt ja hinzu, dass man nur sehr selten dort dreht, wo man lebt. Ich kann abends nicht einfach nach Hause gehen, eine Freundin treffen und wieder einsteigen in meinen Alltag. Man muss lernen, sich selbst zu sagen: Hier hört die Rolle auf, und jetzt befasse ich mich wieder mit meiner eigenen Seelenverfassung. Bei Lilli war das sehr schwer. Da musste ich richtig konzentriert nach Wegen suchen, um diese Schwere der Rolle abends loszuwerden.
[*U_mag:*] Und? Wie bist du sie losgeworden?
[*Herfurth:*] Als Gegenprogramm habe ich alles gemacht, was Leichtigkeit reinbringt. Ich habe in anderthalb Monaten alle zehn Staffeln "Friends" geguckt, ich habe Comics gelesen, ich bin in den Zoo gegangen, ich habe "Bibi Blocksberg" gehört.
Dem Kinderkassettengeständnis folgt ein kurzes Auflachen. Klingt rau und erwachsen; ein schöner Bruch zu dem Bild vom Pferdemädchen mit "Bibi Blocksberg"-Sammlung. Sowieso: Karoline Herfurths herbe Stimme wirkt angenehm unstimmig zu diesem schlanken Körper mit den schmalen Schultern, um die sie eine rosa Strickjacke geschlungen hat. Darunter blitzen mehrere Lagen schwarzer Tops und T-Shirts hervor, irgendwo ein bisschen Spitze, irgendwas zum Wickeln und Knoten. Während sie spricht, zupft sie gedankenverloren an einer dieser Stoffschichten herum.
[*U_mag:*] Egal, wen du spielst: Am Ende sieht man in dir immer die Zarte, Zerbrechliche, Filigrane. Fühlst du dich da limitiert?
[*Herfurth:*] Na ja, das registriert man halt so schnell, weil es meine Oberfläche ist: zart und zerbrechlich und whatever. Aber das ist auch eine Sache von den Leuten, die mich besetzen. Ich glaube, dass ich problemlos Rollen spielen könnte, die nicht zerbrechlich sind. Die dreckig und derbe sind, die schwer sind. Ich hatte nur noch nicht die Möglichkeit dazu.
[*U_mag:*] Weil man es dir nicht zutraut.
[*Herfurth:*] Es gibt Regisseure, die mir was zutrauen! Die sagen: Ich sehe etwas anderes in dir, etwas, was nicht dem einfachsten Weg entspricht. Das zeichnet einen guten Regisseur ja auch aus: dass er in einem Schauspieler etwas sieht, was unter der Oberfläche schlummert. Und dass er das dann zutage fördert. Ich glaube, ich bin da noch lange nicht erschöpft, ich wurde noch lange nicht in all meinen Facetten gesehen. Ich wünsche mir, dass Regisseure auf mich zukommen und sagen: Ich will dich jetzt mal in der Rolle sehen, Karoline.
Natürlich könnte man sagen: Die hat's ja auch leicht mit ihrer Selbstsicherheit. Der ist ja immer alles in den Schoß gefallen. Die wurde mit 15 beim Tanztraining von einem Talentscout entdeckt. Die hat das Glück, dass peinliche Titel wie "Mädchen, Mädchen" und "Pornorama" in ihrer Filmografie zwischen Erfolgen wie dem Fußballdrama "Eine andere Liga" und Tom Tykwers "Das Parfum" verschwinden. Apropos: In Letzterem musste sie vor zwei Jahren nichts weiter tun, als schweigend ein paar Mirabellen aufzuschneiden und sich dann ermorden zu lassen - und schon jubelten die Kritiker. Wer Karoline Herfurth live erlebt, weiß, dass man ihr mit solchen Vorhaltungen gar nicht erst zu kommen braucht. Denn ihr Selbstbewusstsein speist sich nicht aus Glücksfällen und Erfolgen der Vergangenheit, sondern aus einem forschen Ehrgeiz in Bezug auf alles, was in Zukunft noch kommt. Das wirkt doppelt sympathisch, weil sie diese eigenartige Distanz zu sich selbst hat. Wenn sie so über ihre Wünsche und Ansprüche spricht, könnte man meinen, es gehe um eine andere, gerade nicht anwesende Person.
[*U_mag:*] Musst du in deinem Leben grundsätzlich zwei Rollen spielen - eine private Karoline und die Schauspielerin, die in der Öffentlichkeit steht?
[*Herfurth:*] Mmh, ja, ich weiß, was du meinst. Ich habe mir immer viele Gedanken darüber gemacht, ob mein Leben anders wäre, wenn ich keine Schauspielerin wäre, wenn die Leute nicht so viel über mich wissen und reden würden.
[*U_mag:*] Und? Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?
[*Herfurth:*] Ich glaube inzwischen, dass das in jedem Beruf so ist. Wer geht ins Büro und ist er selbst? Ich kenne niemanden, der in seinem Leben nicht mehrere Rollen spielt. Es gibt doch für jeden nur ganz bestimmte andere Menschen, die ganz, ganz nah dran sind. Die wirklich wissen, wer man ist.
[*U_mag:*] Ist Rollenspielen ein Verdrängungsmechanismus? Oder etwas, an dem man wächst?
[*Herfurth:*] Ich glaube, dass das etwas extrem Gesundes ist. Weil man sich einfach nicht jedem mit allem zumuten kann und will. Ich finde es auch richtig, dass Menschen sich verbergen. Es ist richtig, dass man sich nicht die ganze Zeit gegenseitig mit Intimitäten und Echtheit quält. Wenn jeder ständig ganz offen und ehrlich und authentisch wäre, wenn man nicht mehr diplomatisch wäre, wenn man nicht einen gewissen Respekt und eine Höflichkeit hätte, sondern immer alle mit seinen inneren Zuständen konfrontieren würde - dann wäre das eine große Qual.
[*U_mag:*] Insofern ist das Verstecken hinter einer Rolle auch Selbstschutz.
[*Herfurth:*] Klar. Man kann einfach nicht permanent mit einer blankliegenden Seele herumlaufen. Ich glaube, ich bin da schon so echt wie möglich. Was ich dir hier und jetzt nicht erzähle, das würde ich auch sonst nicht erzählen.
Gemeint ist: Was sie in diesem Interview nicht sagt, würde sie auch einem anderen Journalisten nicht auf die Nase binden. Herfurth legt nämlich großen Wert darauf, zu ihrem Privatleben nicht befragt zu werden. Klar, ein Profi. Aber eben einer, der es trotzdem hinkriegt, überhaupt nicht distanziert über Seelenwelten und -qualen zu sprechen. Sollte ihr irgendwann mal etwas nicht gelingen - ihr sympathischer Professionalismus würde als Sicherheitsnetz funktionieren. Über solche Eventualitäten macht sie selbst sich sowieso keinen Kopf. Nur eine Sache gibt es, die Karoline Herfurth wirklich Sorgen bereitet: Wenn sie so oft für Dreharbeiten unterwegs ist, kann sie sich nicht um ihr Pflegepferd kümmern. "Das ist meine echte Verpflichtung", sagt sie und zieht gequält die Mundwinkel nach unten. "Wenn ich da mal zwei Wochen nicht bin, dann habe ich ein echt krass schlechtes Gewissen."
Wer im Internet nach Fotos von ihr sucht, der findet eine ganze Serie von Bildern, auf denen Karoline Herfurth in mondänen Abendkleidern über rote Teppiche läuft. Keine Rolle, sondern einfach eine ihrer vielen Facetten, wie sie betont. Schöne Vorstellung, dass diese junge Diva in Gedanken im Pferdestall ist, während sie souverän in die Kameras lächelt.
[*Name*] Karoline Herfurth
[*Alter*] 24
[*Beruf*] Schauspielerin
[*Geburtsort*] Berlin (Pankow)
[*Wohnort*] Berlin (Mitte)
[*Geschwister*] fünf, von denen vier jünger sind
[*Studium*] an der Ernst-Busch-Schauspielschule
[*Kinodebüt*] vor acht Jahren in "Crazy"
[*Bisherige Filme*] "Mädchen, Mädchen", "Eine andere Liga", "Das Parfum" u. a.
[*Aktueller Film*] "Im Winter ein Jahr", ab 13. November
[*Kommende Filme*] die Romanverfilmung "Der Vorleser" und ein Drama über die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann


