SUSANNE, ZUR FREIHEIT!
Tausche große Popsongs gegen großartige: Damit kommt die norwegische Sängerin Susanne Sundfør zwar nicht mehr in die Charts - aber endlich auch nach Deutschland.
von Katharina Behrendsen
Susanne Sundfør nur als zart oder zerbrechlich zu bezeichnen, reicht nicht. Die Norwegerin wirkt nahezu durchsichtig. Sie ist nicht klein, scheint aber trotzdem kaum Raum einzunehmen. Auch ihre Stimme ist leise. Der Eindruck von Schüchternheit will einfach nicht weichen - solange sie spricht.
Mit ihrer Musik braucht die 25-Jährige allerdings nur wenige Takte, um zu überzeugen. Egal ob Sundfør nun eine besonders begnadete Schauspielerin oder einfach wie in Trance ist: Wenn sie auf ihr Keyboard drischt, strahlt sie ein Selbstbewusstsein aus, das ihr definitiv einen Platz auf der Bühne zuweist. Allen Zweifeln zum Trotz. Und obwohl weder die Haare noch der Popbegriff ganz richtig sitzen.
So neu wie Susanne Sundfør für Nicht-Norweger ist, so neu ist für sie selbst diese Stärke. Früher - und das scheint angesichts ihrer Wandlung mehr als fünf Jahre zurückzuliegen -, früher, sagt sie, habe sie sich auf der Bühne oft fürchterlich gefühlt. Unsicher. Ihre Ausstrahlung war dann auch eher die einer Oberschülerin als die eines Popstars. Und das, was ihre Selbstsicherheit hätte befeuern sollen, nämlich Popsongs, die in Norwegen im Radio dauerrotierten, machte sie bald unglücklich. "Irgendwann fühlte ich das, was ich gesungen habe, einfach nicht mehr. Ich war zu alt geworden für meine Lieder, die ich größtenteils schon während der Schulzeit geschrieben hatte", sagt Sundfør - und überrascht damit schon wieder. Denn eigentlich wirkten eher die Lieder zu alt für so einen jungen Menschen. Sie klangen nach Elton John, den sie damals rauf- und runter gehört hatte, und nicht nach einer 20-Jährigen. Aber egal, wer zuerst nicht zu wem passte: Susanne Sundfør brauchte dringend Abstand von sich selbst.
Sie zog sich zurück, studierte ein bisschen dies und das, hörte Radiohead und Aphex Twin. Und stellte sich ihrem schlimmsten Feind: "Ich bin schrecklich faul", gesteht sie. Und lacht. Auch wenn ihr eine Zeit lang gar nicht zum Lachen zumute war. "Ich glaube, ich habe eine chronische Schreibblockade." Daran ist für Sundfør nichts zu rütteln, aber zumindest die Angst vor der Leere im Kopf hat nachgelassen. Ihr Trick: Arbeiten bis zum Umfallen - und das ist ganz wörtlich gemeint. "Früher habe ich mich gedrückt, wenn es schwierig wurde. Habe Sachen auf morgen geschoben, dann auf den nächsten Tag, dann auf den danach. Es war eine grausige Abwärtsspirale. Heute zwinge ich die Sachen raus. Wenn es mal irgendwie läuft, arbeite ich wirklich so lange, bis ich vor Müdigkeit nichts mehr zustande bringe."
Das scheint schwer zu glauben, wenn man Susanne Sundførs düsteren, verträumten Artpop hört, der in einem einzigen Song mehr Ideen verarbeitet als Retortenpopstars für ein ganzes Album benötigen. "Es ist auch verrückt", sinniert sie. "Man will und will auch gleichzeitig nicht, wenn es ans Songwriting geht. Deswegen bin ich froh, dass ich schon jetzt am nächsten Album arbeite, während ich mit diesem toure und drüber rede. Es ist gut für meine Psyche, wenn ich gar nicht erst das Gefühl bekomme, dass ich in einer Sackgasse stecke." Und es ist nicht so, dass man ihr das nicht glauben will. Das Lächeln der Songwriterin spricht Bände, so zurückhaltend es auch ist. Aber Sackgassen scheinen trotz Sundførs mehr als vorsichtiger Selbstwahrnehmung einfach nichts zu sein, auf das sie mit Resignation reagiert. Ansonsten hätte sie einfach noch viele "gute Popsongs", wie sie ihre ersten Lieder bezeichnet wissen will, geschrieben, und das freundliche Mädchen mit Stimme, Pathos und Pianofingern bis ins hohe Alter gegeben.
Hat sie aber nicht. Stattdessen bat sie ihren Produzenten, mit keiner Silbe zu erwähnen, ob dieser oder jener Beat Radioeinsätze garantieren würde. Sie wollte sich nicht schon beim Schreiben Gedanken darüber machen, ob jemand ihre Stücke mögen würde - und wurde vom Erfolg dann selbst mehr als überrascht. Die Norweger kennen "The Brothel", das man stilistisch getrost auch als Debüt bezeichnen darf, schon seit 2010 - und machten das sperrige Kunstwerk ganz souverän zum zweitbestverkauften Album des Landes.
Checkbrief
NAME Susanne Sundfør
ALTER 25
KOMMT AUS Haugesund
WOHNT IN Oslo
AUSBILDUNG „eigentlich keine“
ALTE HELDEN Elton John, Carly Simon
NEUE HELDEN Aphex Twin, Burial
BEKAM 125 000 Euro von A-ha – eins von vier Stipendien zur Förderung guter norwegischer Musik
AKTUELLES ALBUM „The Brothel“
www.susannesundfor.com





