Foto Max Riemelt - WAS IST DEIN PLAN?
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WAS IST DEIN PLAN?

Schauspieler Max Riemelt (24) hat seine Ziele klar vor Augen.
Verpasst er dabei das echte Leben?

Von Juliane Rusche Foto: Constantin Film

Breitbeinig steht Max Riemelt da, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den Oberkörper federnd zur Seite gebeugt. Dann lässt er die Arme baumeln, hüpft ein paar Mal auf der Stelle, fläzt sich schließlich auf einen der Holzstühle in dem Café in Berlin-Mitte. Seltsam sieht der Schauspieler aus, nicht nur wegen der Lockerungsübungen vorm Interview. Er trägt eine unförmige Jeans, die ein Gürtel irgendwo ziemlich weit oberhalb der Hüfte an seinem Körper hält; dazu ein weißes Riesensweatshirt mit engen Stretch-Bündchen, das ihn noch massiger wirken lässt. Max Riemelt ist ein Muskelpaket, nicht besonders groß, dafür kantig und breit. Ein Muskelpaket mit einem Jungsgesicht, daran ändert auch der blonde Drei-Tage-Bart nichts. Er schaut nett aus mit seinen strahlenden Augen und den kurzen Strubbelhaaren.
Riemelt ist gerade 24 geworden. Blickt man auf seine Filmografie, könnte er locker ein paar Jährchen älter sein. Mehr als 20 Posten sind da bislang verzeichnet - Fernsehserien wie "Wolffs Revier", aber auch die Kinofilme "Napola" und "Der rote Kakadu". In den nächsten Wochen wird die Liste um drei weitere deutsche Produktionen erweitert, darunter die Verfilmung des Schullektüreklassikers "Die Welle".

U_mag: Max, in Bezug auf deine Schauspielerkarriere hast du bislang alles richtig gemacht: erst Rollen in Kinderfilmen und Serien, dann Fernsehfilme, schließlich Kinoproduktionen.
Max Riemelt: (lacht) Ja, ich muss manchmal echt darüber schmunzeln, wie souverän ich manches gemeistert habe. Meistens habe ich mir gar keine Platte über die Sachen gemacht, ich hab's halt einfach durchgezogen, und die Leute haben positiv darauf reagiert. Es hätte auch anders laufen können! Aber ich habe mir halt immer radikal vorgenommen: Ich zieh das durch. Das habe ich wahrscheinlich durch den Sport gelernt.
U_mag: Durchs Kickboxen.
Riemelt: Genau. Dadurch habe ich mir schon eine Struktur aufgebaut, mir Sachen vorzunehmen und sie dann auch zu bewältigen. Das bringt einen weiter.

Mit ausgestreckten Beinen hängt Max Riemelt auf seinem Stuhl. Vor ihm auf dem Tisch steht ein hohes Glas, darin ein komisches Gemisch aus warmem Maracujasaft, Muskatnuss und Sahne, mit einem Strohhalm rührt er darin herum. Der Schein trügt: Ein entspannter Glückspilz, bei dem sich alles zufällig in die richtige Richtung entwickelte, ist er nicht. Der Berliner ist ehrgeizig, spricht nicht nur von Strukturen, sondern auch von Professionalität, von richtigen Entscheidungen und notwendigen Kompromissen. "Man muss zusehen, dass man irgendein Ziel verfolgt", sagt er einmal. Und: "Zeit verschwenden möchte ich nicht, davon ist halt einfach nicht so viel da." Dass er spätestens mit seinen aktuellen Filmrollen zur ersten Liga der deutschen Darsteller gehört, hat er sich konsequent erarbeitet.

U_mag: Andere machen mit 24 gerade ihren Studienabschluss oder genießen einfach nur das Jungsein. Hast du manchmal das Gefühl, du verpasst das echte Leben?
Riemelt: Man hat doch immer Angst, etwas zu verpassen. Aber das ist wie mit dem Weggehen. Am Samstagabend denkst du dir: Wenn ich jetzt nicht losziehe, dann verpasse ich total viel. Und letztlich gehst du raus, und es ist doch nichts los. Nein, ich bin da relativ relaxt. Ich glaube, ich habe eine ganz gute Sensibilität dafür, was für mich richtig und was falsch ist. Und momentan läuft es in die richtige Richtung. So stelle ich mir das vor: erst mal ein gesundes Fundament aufbauen, ein bisschen Selbstsicherheit gewinnen und dann mal gucken, wie es weitergeht.
U_mag: Sehnst du dich nie danach, mal zu entspannen, rumzuhängen, einfach gar nichts zu tun?

Riemelt: Klar bin ich manchmal neidisch auf die Leute, die sich gar keinen Kopf machen über irgendwelche Sachen. Die einfach nur erleben. Ich habe mich auch schon mal gefragt: Ist das nicht scheiße, dass ich so viele Sachen hinterfrage und mir die Konsequenzen immer schon im Vorfeld ausmale? Dass ich nicht ein bisschen stumpfer sein und das Ganze anders genießen kann? Aber ich bin eben so.

Der Typ ist wahnsinnig schwer zu greifen. Er will professionell sein, in seinen Filmen wie in seinen Interviews. Gleichzeitig ist er unglaublich sympathisch - jemand, den man gerne bei einem Bier und in langen Gesprächen aus der Reserve locken würde. Ab und zu taut Max Riemelt auf, für einen kurzen Moment berlinert er, zeigt sein schönes Zahnlückengrinsen. Dann gewinnt das Professionelle wieder die Oberhand, nur die Augen leuchten weiter. Es irritiert, dass er so ernst redet, obwohl er doch so humorvoll wirkt, dass er so erwachsen antwortet, obwohl er so jung aussieht.

U_mag: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hast du in Interviews betont, dass du unbedingt noch dein Abitur machen willst ...
Riemelt: Damit wollte ich mir die Option offenhalten, vielleicht noch zu studieren. Ich wollte sagen können: Ich hab jetzt mein Abitur, also lasst mich erst mal in Ruhe arbeiten.
U_mag: Und was ist daraus geworden?
Riemelt: Ich hab gemerkt: Beides geht nicht, ich kann nur eine Sache richtig machen. Irgendwann war klar, dass die Schauspielerei die Sache ist, hinter der ich hundertprozentig stehe und die mich erfüllt.
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Das Paradoxe ist: Man nimmt Max Riemelt ab, dass er so enorm viel Spaß an seiner Arbeit hat, wie er es im Interview sagt - obwohl er so kontrolliert, zielstrebig und durchstrukturiert rüberkommt. Es wirkt, als habe da jemand seine Bestimmung gefunden und wolle der nun mit größtmöglicher Konzentration nachgehen. Auch seinen Filmen sieht man das an; Riemelt spielt immer mit maximaler Glaubwürdigkeit und Natürlichkeit. Egal ob er den Nazijungen in "Napola" oder den Insassen einer Psychiatrie in seinem neuen Film "Up! Up! To the Sky" mimt. "Ich bin wohl ziemlich intensiv" - diese vorsichtige Selbsteinschätzung trifft es.

U_mag: Würdest du von dir selbst sagen, dass du erwachsen bist?
Riemelt: Ja. Ich wurde halt schon relativ früh von Älteren respektiert, mit denen ich gearbeitet und mich ausgetauscht habe. Und man wird durch die Arbeit auch mit Problemen konfrontiert, aus denen man nicht so schnell rauskommt, die man erst mal bewältigen muss.
U_mag: Kennzeichnet es Erwachsensein, dass man Probleme irgendwann nüchterner betrachten kann?
Riemelt: Auch. Genauso: Man geht abends weg, und die Party ist nicht mehr so toll wie vor ein paar Jahren. Weil man weiß, wie es aussieht, wenn das Licht angeht. Für mich selbst war wohl auch wichtig, wie man auf mich reagiert. Du machst dies und das, und plötzlich reagieren die Leute nicht mehr normal auf dich.
U_mag: Erwachsensein ist nichts Negatives für dich?
Riemelt: Ich komme momentan prima damit zurecht. Wieso auch nicht?
U_mag: Weil "erwachsen" oft eher Schimpfwort als Kompliment ist.
Riemelt: Das ist halt die Angst davor, mit den Attributen von Erwachsensein in Verbindung gebracht zu werden. Aber ich setze mich damit gar nicht auseinander. Ich sehe mich nicht als Teil einer bestimmten Altersgruppe, und ich habe auch keine Vorstellungen davon, wie man in welchem Alter zu sein hat. Sicher habe ich meine Regeln und Weisheiten, aber die sind keinem Alter angepasst.

Natürlich klingt es kokett, wenn Riemelt sich so lässig allen Erwartungen und Konventionen entzieht. Dass seine eigenen Weisheiten dann doch ganz handelsüblich sind, ist irgendwie beruhigend. "Ich bin schon der Meinung, dass man seine Träume verwirklichen muss", sagt er, und: "Man muss sich der vielen Möglichkeiten, die man hat, nur bewusst sein. Dann kann man eine Menge damit anstellen." Wie all seine Antworten trägt er solche Sätze ruhig und ernst und unpathetisch vor - man kann sie nicht mal kitschig finden.

U_mag: Du hast schon einige krasse Rollen gespielt - den Nazischüler, einen sadistischen NVA-Gefreiten. Trotzdem bleibt das Bild vom netten Jungen von nebenan. Stört dich so ein Image?
Riemelt: Nö. Ich denke ja auch von manchen Leuten, dass ich wüsste, wie sie sind - und in echt habe ich keine Ahnung.
U_mag: Vielleicht fehlt eine Schublade, in die man dich stecken kann. Deine Kollegin Jana Pallaske zum Beispiel ist die Berliner Rotzgöre - die kann jeder gleich verorten.
Riemelt: Weißte, ich sehe das Ganze halt als meinen Job an. Es geht mir nicht darum, mich als Figur zu verkaufen. Ich mache mir überhaupt keinen Kopf darüber, mir irgendein Image aufzubauen. Das würde ja nur noch mehr Arbeit bedeuten - da hab ick keenen Bock drauf.

Selbst mit Provokation kriegt man ihn nicht. Immerhin ist da wieder der berlinernde Sympath. Ein paar Mal zeigt er sich noch, dann reicht Riemelt zum Abschluss die Hand und lächelt, es bleibt der Eindruck: Der ist schon ein Guter. Einer, der vorm Einschlafen noch lange wach daliegt und über das Leben nachdenkt. Und doch gibt es da einen Störer im zementierten Max-Riemelt-Image. Die klitzekleine Möglichkeit nämlich, dass alles nur Fassade ist. Dass man ihn in Wahrheit fünf Nächte pro Woche in den angesagten Clubs Berlins trifft und er sich einen Dreck um seine Karriere schert. Ziemlich unwahrscheinlich. Aber dass der Gedanke an ein solches Täuschungsmanöver überhaupt möglich ist, zeigt, wie goldrichtig Max Riemelt seine Sache macht.

[*Check-Brief*]
[*Name*] Max Riemelt
[*Alter*] 24
[*Wohnort*] Berlin
[*Beruf*] Schauspieler
[*Berufung*] Kickboxen
[*Gewann*] 2006 den Bayerischen Filmpreis als Bester Nachwuchsdarsteller für "Der rote Kakadu"
[*Aktuell*] Im Frühjahr 2008 ist Max Riemelt in drei Kinofilmen zu sehen: seit 13. März in
"Die Welle" und im April in "Up! Up! To the Sky" und "Lauf um dein Leben -
Vom Junkie zum Ironman".