SCHMIDEINANDER
Hans-Christian Schmid macht Filme, aus denen man klüger rauskommt, als man reinging. Und dennoch kennt man ihn kaum, den Kopf hinter "Nach fünf im Urwald", "23" oder "Requiem". Zeit, das zu ändern.
Von Juliane Rusche
Jeder Regisseur hat seinen eigenen Stil: Quentin Tarantino liebt alles Trashige, Gus Van Sant dreht gerne Dramen über Außenseiter, Bully Herbig ist verantwortlich für Komödien. Und Hans-Christian Schmid macht einfach verdammt gute Filme - deren herausragende Qualität auch schon ihre einzige Gemeinsamkeit ist. Ansonsten arbeitet sich der 44-Jährige aus Altötting quer durch die Themen und Genres: Er entdeckte Franka Potente in der Erziehungskomödie "Nach Fünf im Urwald", verfilmte mit "Crazy" den Coming-of-Age-Roman der späten 90er-Jahre, widmete sich in dem Thriller "23" Hackern und ihren Verschwörungstheorien, im Drama "Lichter" ging es um Menschen an der deutsch-polnischen Grenze und der preisgekrönte "Requiem" handelte von einem authentischen Fall von Exorzismus. Nun erscheint mit "Sturm" das nächste Werk Schmids: ein Mix aus Politthriller und Drama, der am UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag spielt. Seine Hauptfigur führt die Anklage gegen einen serbischen Kriegsverbrecher, doch die Suche nach der Wahrheit erweist sich als außerordentlich schwierig.
U_mag: Herr Schmid, in "Sturm" geht es um die Wahrheit und wie schwer es ist, sie zu finden. Was ist Ihre Definition von Wahrheit?
Hans-Christian Schmid: Mir fällt dazu erst einmal das Wort objektiv ein. Wahrheit sollte objektiv sein; es geht um Fakten und Dinge, die sich tatsächlich ereignet haben. Das ist die absolute Wahrheit. Daneben gibt es natürlich noch sehr viele relative Wahrheiten, die davon abhängen, wie jemand das beurteilt, was irgendwann mal objektiv passiert ist.
U_mag: Kann es dann überhaupt eine objektive Wahrheit geben?
Schmid: Je komplexer die Zusammenhänge sind, desto schwieriger wird es mit der Objektivität. Nehmen wir zum Beispiel den kroatischen General Ante Gotovina, der vom UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagt wurde. Der Mann hat während des Kroatienkriegs nachweislich Kriegsverbrechen begangen, wird aber in manchen Teilen seiner Heimat als Nationalheld verehrt. Die Angehörigen seiner Opfer sehen das natürlich anders. Eine objektive Wahrheit, zwei sehr gegensätzliche subjektive Einschätzungen. Ein Richter am Tribunal hat während der Recherchen zu "Sturm" gesagt: Ohne Wahrheit gibt es keine Gerechtigkeit, und ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Das klingt ganz gut. Aber die Gerechtigkeit der einen Leute ist nicht unbedingt auch die Gerechtigkeit der anderen.
U_mag: Also ist es unmöglich, die eine Wahrheit und die eine Gerechtigkeit zu finden.
Schmid: Als das Gericht noch mehr Zeit hatte, stand die intensive Suche nach Wahrheit im Vordergrund. Möglichst alle Zeugen wurden zu einem bestimmten Sachverhalt angehört. Aber seit die Vereinten Nationen den Richtern auferlegt haben, die Verfahren zu beschleunigen, beschränkt man sich auf das Notwendigste und klammert manchmal die Geschehnisse in ganzen Regionen oder ganze Zeitabschnitte aus.
Eines hat der Autorenfilmer Schmid mit Kollegen wie Tarantino gemeinsam: Sie alle beißen sich in ihren Stoffen fest. Doch während zum Beispiel Tarantino immer wieder die Schund- und Popkultur der 60er- und 70er Jahre neu auflegt, stürzt Hans-Christian Schmid sich für jedes seiner Projekte kopfüber in ein völlig neues Themengebiet - und erarbeitet sich ein Expertenwissen, das für mindestens fünf Filme reichte. Dass er darüber hinaus auch ein ganz persönliches Interesse an seinen Stoffen hat, wird im Gespräch schnell klar. So ruhig und sachlich er alle Fragen auch beantwortet: In jeder seiner Antworten schwingt ein Rückbezug auf sein eigenes Leben mit.
U_mag: Ist Wahrheit in unserer Gesellschaft ein hohes Gut?
Schmid: Für mich selbst auf alle Fälle, und ich glaube auch, dass sie allgemein ein hohes Gesellschaftsgut ist. Für mich hat Wahrheit viel mit Integrität zu tun. Es ist uns ein Bedürfnis, Dingen auf den Grund zu gehen, ehrlich zu sein, auch uns selbst gegenüber. Woher kommt es, dass so viele Leute so wenig Lust haben, wählen zu gehen? Ich glaube, das hat sehr viel damit zu tun, dass es Politiker mit der Wahrheit erkennbar oft nicht so ernst nehmen. So blöd sind die Leute nicht, dass sie nicht erkennen, dass Wahlversprechen Humbug sind.
U_mag: Wir wollen vertrauen, und die Basis von Vertrauen ist die Wahrheit.
Schmid: Genau.
U_mag: Man kann sich Wahrheiten allerdings auch zurechtlegen. Sich Dinge schönreden und diese idealisierte Weltsicht zur Wahrheit erklären.
Schmid: Das ist dann so etwas wie eine geborgte Wahrheit, eine Wahrheit auf Zeit. Das ist ein Thema, das mich wirklich beschäftigt. Wir alle leben ja sehr stark in unseren Inselwelten.
U_mag: Wie meinen Sie das?
Schmid: Wir leben hier Deutschland oder in Europa auf einer Insel der Wohlhabenden, das ist unsere Wirklichkeit. Aber sie bleibt es nur, solange wir den Blick nach außen einfach ausklammern. Solange wir sagen: Pech für all die Afrikaner, die auch gerne hier wären. Es ist mit Sicherheit eine Begabung der Menschen, sich eigene Idyllen zu kreieren.
U_mag: Vielleicht muss man das machen, um funktionieren zu können.
Schmid: Es wäre schwer auszuhalten, wenn man sich ganze Zeit Gedanken darüber machen müsste, wo auf der Welt gerade Kinder sterben. Das hat also bestimmt auch etwas mit Selbstschutz zu tun.
U_mag: Und mit Ohnmacht, oder? Sie machen in "Sturm" klar, wie heikel es sein kann, sich in die Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen.
Schmid: Aber es muss einen Grundkonsens geben, wie in den Genfer Konventionen festgelegt. Die Vertreter der meisten Länder stehen sich selbst am nächsten - das sieht man zum Beispiel bei Klima- oder G-8-Gipfeln. Da setzt man sich am Anfang mit großen Zielen zusammen, die auch vollmundig formuliert werden. Am Ende bleibt meist nicht mehr als irgendwelche schwammigen Resolutionen, die niemandem weh tun. Da sitzen Papiertiger am Verhandlungstisch! Trotzdem: Man muss daran arbeiten und sich manchmal auch einfach über all diese Problematiken hinwegsetzen. Zum Beispiel beim Thema Klimaschutz. Auch da will niemand die Wahrheit so recht akzeptieren.
U_mag: Sie meinen: Alle wissen ziemlich viel über die drohende Klimakatastrophe - aber man ignoriert sie einfach.
Schmid: Das ist paradox. Gleichzeitig: Wie könnten wir uns in Europa mit unserer halbwegs funktionierenden Wirtschaft hinstellen und den Menschen in China sagen, sie sollen jetzt aber bitte mal ihre ganzen Fabriken zumachen? Kann man den Menschen dort den Aufschwung verwehren, den wir alle längst hatten? Ich glaube nicht.
In "Sturm" geht es um grausame Kriegsverbrechen, unglaubwürdige Zeugen und die Tücken der Justiz. Schmid stellt aber auch immer wieder die inneren Kämpfe seiner Protagonisten in den Mittelpunkt, ihr Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit, ihre Kompromissbereitschaft oder -losigkeit, ihre Ängste, ihren Mut. Ihn beschäftigen Fragen der Moral, sagt Schmid während des Interviews in einem Nebensatz - und das sei auch schon bei seinen letzten Filmen "Lichter" und "Requiem" so gewesen. Sein großes Talent ist es, diese Fragen nicht drohend über seinen Geschichten schweben zu lassen. Stattdessen schaut man mit "Sturm" einen tiefgründigen Politthriller, lernt nebenbei etwas über die Jugoslawienkriege und unser Rechtssystem - und verlässt das Kino mit einem Kopf voller wichtiger Gedanken über das Wesen von Wahrheit und Gerechtigkeit.
U_mag: Was muss passieren, damit Menschen bereit sind, für die Wahrheit zu kämpfen?
Schmid: Für manche Menschen ist das einfach selbstverständlich. Weil sie so sind, weil sie so erzogen wurden, weil ihnen alles andere höchst zuwider ist. Aber es gibt viele, für die muss erst mal ziemlich viel passieren . Ich glaube, jeder Mensch hat eine eigene Grenze, die absteckt, wie weit er bereit ist sich zu verbiegen, aus welchen Gründen auch immer. Jeder hat seinen eigenen Maßstab, um das eigene Verhalten vor dem eigenen Gewissen zu rechtfertigen. Weil es eben meistens auch keine einfache Wahrheit gibt. Dass man sagen könnte: Du machst das so und so, das ist genau richtig, und dann ist allen geholfen.
U_mag: Funktioniert Wahrheit nicht nach dem Prinzip der Demokratie? Also: Wahr ist, was die Mehrheit für die Wahrheit hält.
Schmid: Eine Demokratie ist nur schwer vorstellbar, wenn sie nicht zumindest theoretisch dem Gedanken der Wahrheit verpflichtet ist. Und auch eine halbwegs verbindliche Wahrheit für alle Bürger eines Staates ist ohne eine demokratische Regierungsform nur schwer denkbar. Um den Bogen zu den Balkanländern noch mal zu spannen: Das sind Nachkriegsgesellschaften, die sich im Übergang befinden. Und dort ist die Aufarbeitung der Geschehnisse und die Annäherung an die Wahrheit ein langwieriger und mühsamer Prozess - wie es einst ja auch in Deutschland zu sehen war.
Schmid ist ein Pragmatiker. Und auch sonst ein ziemlich unglamouröser Typ: normale Haare, normale Kleidung, normale Stimme, normale Mimik und Gestik. Seine Beliebtheit bei Kritikern und Publikum hat er sich nicht durch Exzentrik oder lärmende Auftritte verschafft. Hans-Christian Schmid ist nicht nur ein gefeierter Regisseur, weil er jedes kleine Detail seiner Filme aufs Gründlichste recherchiert. Sondern auch, weil er mit jeder seiner Arbeiten nach anderen, größeren Wahrheiten sucht. Was würde ich anstelle der Hauptfigur tun? Das ist die Frage, die man sich nach jedem Schmid-Film stellt, unabhängig davon, ob man eine Komödie, ein Drama oder einen Thriller gesehen hat. Das ist Schmids große Kunst. Und eine Wahrheit, die ausnahmsweise nicht anfechtbar ist.
Name: Hans-Christian Schmid
Alter: 44
Wohnort: Berlin
Berufe: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent
Wichtigste Filme: "Nach Fünf im Urwald", "Crazy", "Lichter", "Requiem"
Wichtigste Preise: Adolf-Grimme-Preis, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Filmpreis, Bernhard-Wicki-Filmpreis
Neuer Film: "Sturm" startet am 10. 9.


