FANBOY NR. 1
Von wegen, Fansein ist nur was für Teenager: Ohne seine kulturellen Obsessionen würde Ärzte-Schlagzeuger Bela B gar nicht existieren.
Interview: Kathrin Kaufmann
U_mag: Bela, deine Künstleridentität speist sich zu großen Teilen aus Horrorfilmen, Comics und musikalischen Vorbildern. Wäre Bela B ohne diese Einflüsse überhaupt möglich?
Bela B: Nein. Wenn ich und meine Kreativität der Motor sind, dann ist das Fansein der Treibstoff. Mein Alter Ego "Der Graf" ist ja aus der Affinität zu Horrorfilmen entstanden. Und meine Vorliebe für Twangmusik wäre nicht da, wenn ich nicht diese alten Spaghettiwestern von Sergio Leone gesehen hätte. Das leitet mich definitiv. Gerade habe ich Alessandro Alessandroni auf meine neue Platte geholt, der für Ennio Morricone gespielt hat - unter anderem die Mundharmonika in "Spiel mir das Lied vom Tod".
U_mag: Ist deine Begeisterung seit der Teenagerzeit schwächer geworden?
Bela B: Die Intensität nimmt schon ab. Ich würde die Horrorvorliebe damit vergleichen, was man über Heroin sagt: Der erste Kick ist der schönste, und dem rennt man ewig hinterher. Der Schrecken lässt nach, und du bewunderst immer mehr die Technik der Filme, nach dem Motto: "Das ist aber realistisch, wie dem die Leber herausgeschnitten wird." Du kannst die Dinge nicht mehr mit so kindlichen Augen betrachten. Das ist ein bisschen traurig, aber das ist das Schicksal des Fanboys. Trotzdem empfinde ich immer noch eine tierische Freude, wenn ich was Gutes in die Hände kriege.
U_mag: Kompensiert man mit diesem Fantum nicht auch oft etwas?
Bela B: Das ist richtig. Ich war zwar nicht der Junge, der keine Freunde hatte, aber ich war auch niemand, der in Cliquen rumhing. Außerdem bin ich ohne Vater und mit einer arbeitenden Mutter groß geworden und war dementsprechend viel alleine als Kind. Durch die Beschäftigung mit mir selbst habe ich eine große Fantasie entwickelt. Ich alleine mit einem Comic - das war etwas Besonderes. Diese einsame Auseinandersetzung mit Dingen ist sicherlich das, was dich zum Fanboy macht. Sich ständig mit anderen auszutauschen liegt mir total fern. Ich suche mir keine Interessensgemeinschaften.
U_mag: Aber mit der Turbojugend hast du eine ziemlich große Bewegung losgetreten.
Bela B: Ich hab die Turbojugend nicht gegründet. Das steht bei Wikipedia, aber das ist nicht wahr! Fakt ist: Turbonegro haben eine Platte mit diesem fiktiven Turbojugendlogo rausgebracht und ich hab Aufnäher davon machen lassen, die alle möglichen Leute bekommen haben - unter anderem der Jürgen, der jetzt El Presidente der Turbojugend ist. Der Verein dazu hat sich erst später gegründet. Da wurde ich bei einem Turbonegrokonzert von einem dieser Jeansjackentypen sogar blöd angequatscht: Ey, was macht'n einer wie du bei Turbonegro, die spielen doch geile Musik! Da hab ich mir nur gedacht, ach du blöder Typ vom Dorf. Das Ganze hat einfach irgendwann zu große Ausmaße angenommen. Vereinsmeierei gehört für mich nicht zum Fansein. Wäre ich gerne Mitglied in einem Verein gewesen, dann wäre ich als Jugendlicher Skinhead geworden, anstatt zu versuchen, Punkrock in irgendeiner Form individueller zu machen. In meinem Song "Als wir unsterblich waren" beschreibe ich das: Es ging darum, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. Das Korsett eines Vereins, das ist doch furchtbar. Da kann ich auch in die FDP eintreten.
U_mag: Wobei die Ärztefans ja auch eine ganz schön eingeschworene Gemeinschaft sind.
Bela B: Ja. Da gibt's zum Beispiel die Die-Hard-Fans, die schon ewig dabei sind und sich bei jedem Konzert in die erste Reihe kämpfen. Aber ich muss das distanziert sehen, weil so ein fanatischer Blick auf meine eigene Person mich sonst verrückt machen würde.
Bürgerlicher Name: Dirk Albert Felsenheimer
Alter Egos: Der Graf, Human Boss
Berufe: Schlagzeuger, Songwriter und Sänger bei Die Ärzte, Solomusiker, Synchronsprecher und Schauspieler
geboren: 1962 in Berlin
hat Tätowierungen von Elvis, Bela Lugosi, Batman und Kiss Army
tätowierte kürzlich einem weiblichen Fan seinen Namen auf die Leiste
größte Enttäuschung als Fan war ein Treffen mit Christopher Lee, der äußerst unfreundlich und arrogant war
schämte sich für die Ärztefans, als sie bei einem Konzert der Vorband Blowfly die Mittelfinger zeigten, weil ihnen der Auftritt nicht gefiel
aktuell zu sehen als Platzanweiser in "Inglorious Basterds"
zweites Soloalbum: "Code B" erscheint Anfang Oktober
Bela B - Altes Arschloch Liebe


