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Der böse Mädel

In der TV-Serie „Stromberg” verkörpert er den perfekten Trottel, privat aber ist er aufs Gewinnen fixiert. Schauspieler Bjarne Mädel führt Extreme zusammen …

Jürgen Wittner: Herr Mädel, es ist bekannt, dass Sie sehr schlecht verlieren können. Was ist denn so schlimm daran? Selbst der FC Bayern kann gegen den HSV verlieren und wird dennoch Meister!

Bjarne Mädel: Ah! Okay, gleich zu Beginn wird’s spannend. Ich war nämlich da! Ich hatte Karten, ich habe gefeiert, weil ich, wie Sie ganz offensichtlich wissen, HSV-Fan bin. Aber als Fußballgucker oder als Fan bin ich weitaus entspannter, als wenn ich selbst spiele. Das ist eine Form von Ehrgeiz, die einfach in mir drin ist. Ich kann gut verlieren, wenn der andere schlicht besser ist. Aber wenn ich eine Chance sehe – und das ist ganz extrem beim Tischfußball so –, dann hasse ich es zu verlieren!

Jürgen Wittner: Na, dann habe ich mit meiner Provokation gerade das Optimum aus Ihnen herausgeholt. Woher kommt Ihr Wille zur perfekten Leistung?

Bjarne Mädel: Wenn ich das wüsste. Ich weiß nur, was die Belohnung ist. Das ist die Befriedigung danach, die man spürt. Wenn man ne gute Arbeit gemacht hat – und ich versuche immer, das von den Spielen auch aufs Schauspiel zu übertragen –, wenn man diese fünf Minuten danach verschwitzt in der Garderobe sitzt und alles gemacht hat, was man machen konnte: Dann war man vielleicht trotzdem nicht perfekt, oder den Leuten hat es nicht gefallen, aber man selbst hat eine Zufriedenheit, weil man sagt: Ich habe heute das Beste gegeben.

Jürgen Wittner: Für das normale Leben ist das aber nicht unbedingt eine gesunde Einstellung.

Bjarne Mädel: Nee, das ist auch eher schwer, denn so ein Dreh dauert – ich nehme als Beispiel mal „Berühmt” – 41 Drehtage. Und ich war an jedem Tag in jeder Szene. Das sind dann so 14, 15 Stunden am Tag, wo man danach nach Hause geht und den Text für den nächsten Tag lernt. Kommt man von da ins Privatleben zurück und muss abwaschen, Müll runterbringen und einkaufen wie jeder andere auch, dann ist das der Alltag, dem die Intensität fehlt.

Jürgen Wittner: Dann können Sie das Beste geben – beim Runterbringen des Mülls. Hatten Sie schon das Gefühl, es überträgt sich auf das Privatleben?

Bjarne Mädel: Die Phasen dazwischen sind gefährlich. Es gibt aber sicher viele Leute, die diese freie Zeit ganz toll nutzen. Die auf dem Land leben, die Natur genießen. Das muss ich erst noch lernen. Ich habe in den Phasen zwischen den Arbeiten Probleme, etwas zu finden, das mich so fasziniert wie meine Arbeit.

Jürgen Wittner: Vermissen Sie die Bühne noch?

Bjarne Mädel: Neulich hatte ich eine Lesung an der Volksbühne in Berlin. In der Kantine der Volksbühne stand Alexander Scheer; im Bademantel, kurz vor einem viereinhalb-Stunden-Abend, den er da spielen musste. Einerseits ist man in dem Moment total neidisch: Oaaah, ich möchte auch gern mit hoch auf die Bühne, andererseits, weiß ich, der muss das jeden Tag machen. Der hat nicht diese freien Phasen. Das ist eigentlich absurd, denn die habe ich ja gerade noch so negativ beschrieben.

Jürgen Wittner: Haben Sie keine Angst, mit ihren aktuellen TV-Rollen auf lange Zeit in der Trottelfalle zu landen?

Bjarne Mädel: Die Gefahr besteht. Im Fernsehen wird man sehr schnell auf einen Rollentypus festgelegt, wenn man eine Sache gut gemacht hat. Dann sitzen die Caster da und überlegen: Okay, Trottel … Trottel, wen können wir … ach der Mädel, der ist doch lustig so als Trottel.

Jürgen Wittner: Persönlich müsste es Sie doch langsam nerven, immer nur kaputte Männer zu spielen?

Bjarne Mädel: Nee, und zwar deshalb nicht, weil es einfach zu viele Spielarten gibt. Andere Varianten von Kaputten. Man könnte ja auch mal einen völlig abgestürzten Drogendealer spielen, der latente Aggressionsprobleme hat.

Jürgen Wittner: Das wäre aber nicht mehr komisch.

Bjarne Mädel: Nee, nicht unbedingt.

Jürgen Wittner: Was wäre denn mal was Ernsthaftes, das Sie reizen würde?

Bjarne Mädel: Eine Rolle, die über Aggression funktioniert. Irgendwas … Böses! Das aber nicht motiviert ist. Nicht, dass man dann wieder sagt: Ah! Der hat das auch nur gemacht, weil er Probleme mit seiner Mutter hatte.

 

Check-Brief

Name Bjarne I. Mädel
Beruf Schauspieler
Alter 40
Ausbildung Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam
Wichtigste Bühnenstation Deutsches Schauspielhaus Hamburg 2000–2005
TV-Durchbruch als Bertold „Ernie” Heisterkamp in der ProSieben-Serie „Stromberg”
Neue Serie „Berühmt”, ab 24. März jeden Dienstagabend auf ProSieben
Derzeit Dreh der 4. Staffel „Stromberg”, die im Herbst ausgestrahlt wird
Danach Dreh der 2. Staffel „Mord mit Aussicht” (ARD)
Typischer Ernie-Spruch aus „Stromberg” „Ich bin ’n Typ, der auch mal aneckt. So wie Che Guevara oder James Bond.”

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