Noseholes: Britisch geadelter Postpunk aus Hamburg

Postpunk ist eigentlich ein gute Schublade finden die Hamburger Noseholes – aber bitte nicht so eng machen, dass dabei Spaß und Innovation flöten gehen!

„Man muss kein Instrument spielen können, man muss nur eins besitzen“, sagt Gitarrist T.H., und auch wenn seine Bemerkung halb scherzhaft gemeint ist, bringt es die Essenz der Noseholes doch ganz gut auf den Punkt. Den Saxofonunterricht hat Bassist Steve Somalia nach nur einer Stunde wieder abgebrochen, weil sein Lehrer ihm ein Notenblatt vorgelegt hat – auf das Debüt des Hamburger Quartetts hat es das Instrument dennoch geschafft, sogar sehr exponiert beim wunderbar schrägen Albumabschluss „Aspirin Nation“.

Während Postpunk aus Deutschland immer sehr berechenbar und mit Pathos behaftet ist, experimentieren die Noseholes in ihren skelettierten Songs mit Fake-Jazz und Tanzbarkeit. Im schlurfigen „Yelzin’s Affair“ sprechsingt ZooSea Cide in ihrer eigenen Version der russischen Sprache, und bei „Lush Box“ gibt sie die Parole für eine coole Underground-Disco aus, wie es sie vermutlich selbst in New York nicht mehr gibt: „Honey in the mouth, cocaine in the brain.“ Apropos New York: Natürlich drängen sich Vergleiche zur No-Wave-Bewegung Ende der 70er auf, was Steve Somalia zumindest für ihren Ausgangspunkt als Kompliment empfindet: „Klar, so wie die damals wollen wir mit den Konventionen des Punk brechen.“

Angebissen hat auch Sleaford-Mods-Manager Steve Underwood: Während „Danger Dance“ hierzulande beim bandeigenen Label ChuChuRecords erscheint, kommt das Noseholes-Debüt in England über das Sleaford-Mods-Label Harbinger Sounds. Was zu der absurden Situation führt, dass die Noseholes nach nur fünf oder sechs Konzerten plötzlich – als Support der Sleaford Mods – in Venues wie der Berliner Columbiahalle spielen: „Wir würden mit keiner anderen Band auf so große Bühnen gehen, aber Harbinger-Chef Steve Underwood ist einfach ein Exbusfahrer in den 50ern, der schon immer Punk gelebt und mit seinem Label gefördert hat.“

 

Carsten Schrader: Ihr seid schon viele Jahre in der Punk-Szene unterwegs und habt in verschiedenen Bands gespielt. Plötzlich bekommt ihr mit den Noseholes wahnsinnig viel Aufmerksamkeit: Nach der Debüt-EP aus dem letzten Jahr wird jetzt auch das Album „Danger Dance“ überall euphorisch besprochen. Ist euch das überhaupt recht?

Steve Somalia: Mit den Bands früher ist das mehr so im Underground abgelaufen: Da hattest du deine 100 Leute, die du erreicht hast. Diesmal haben wir gesagt, dass wir einfach mal alles mitnehmen und gucken, was passiert.

TH: In früheren Bands haben wir uns durchaus auch ganz bewusst gesperrt: Bis hierhin und nicht weiter.

Steve Somalia: Wir wollten jetzt Musik machen, die ein bisschen mehr Groove und mehr Inhalt hat, die ein bisschen funky und auch rhythmisch cooler ist.

Carsten Schrader: Genau deswegen werdet ihr gern mit der No-Wave-Szene Ende der 70er/ Anfang der 80er in New York in Verbindung gebracht. Nervt diese Verortung?

 

Steve Somalia: Ich nehme das als Kompliment. Klar, so wie die damals wollen wir mit den Konventionen des Punk brechen.

ZooSea Cide: Ich empfinde es auch als Kompliment, andererseits nervt es auch ein bisschen, dass man immer sofort diesen Stempel bekommt, wenn die Musik schwer zuzuordnen ist. Ich würde mich auch mal über andere Assoziationen freuen.

Hank Haiti: Wir kommen ja eher aus dem Postpunk, und dann hat sich das einfach weiterentwickelt mit Jazz-Einflüssen und diesen No-Wave-Bezügen.

Steve Somalia: Der Begriff Postpunk ist ja eigentlich ganz schön, denn er besagt, dass man auf einen Musikstil zurückgreift, den aber auch gleichzeitig verändert, indem man sich weiterentwickelt. Das ist eine Schublade, in die ganz viel reinpasst. Aber klar, in Deutschland wird der Begriff schon sehr einspurig benutzt. Selbst unter den Punks werden wir hier manchmal belächelt, weil wir so vermeintlichen Arty-Farty-Scheiß machen. Hierzulande ist Postpunk immer mit so einem gewissen Pathos behaftet. Bands wie Fehlfarben, Die Nerven oder Gewalt sind schon sehr berechenbar und klar zuordenbar: düstere Texte, düstere Musik und dann ist alles cool.

 

„Wir versuchen, komplizierte Strukturen einfach zu machen.“

Steve Somalia

 

Carsten Schrader: Ihr arbeitet dagegen extrem minimalistisch und skelettiert eure Songs regelrecht.

Steve Somalia: Wir sind alle keine guten Musiker und konnten unsere Songs auch nur so aufbauen. Hank muss ja auch mit dem Schlagzeug hinterherkommen. (lacht) Nee, aber wir sind alle keine Techniker. Wir versuchen, komplizierte Strukturen einfach zu machen und sie auf das runterzubrechen, was möglich ist. Beim Saxofon war es auch so: Ich wollte Unterricht nehmen, aber dann kam der Typ gleich in der ersten Stunde mit einem Notenblatt an – und dann war es bei mir auch schon wieder vorbei.

TH: Man muss kein Instrument spielen können, man muss nur eins besitzen.

Steve Somalia: TH und ich kokettieren auch schon lange mit der Vorstellung, wie schön es wäre, mit 50, 60 in einem kleinen Laden vor sechs Taxifahrern ein bisschen Jazzmusik zu spielen. Wahrscheinlich wird das auch noch kommen.

ZooSea Cide: Ich werde Ziehharmonika lernen und am Hafen dann irgendwo Seemannslieder spielen.

Hank Haiti: Und ich werde Taxifahrer.

Carsten Schrader: Wie kam es denn zustande, dass eure Platten in England beim Sleaford-Mods-Label Harbinger Sound erscheinen?

Steve Somalia: Hank und ich machen hier in Hamburg das Label ChuChu Records. Uns war klar, dass wir unsere EP auf jeden Fall veröffentlichen werden, aber wir wollten noch jemanden, der uns dabei unterstützt, um mehr Reichweite zu bekommen. Ein Bekannter von uns kannte Steve Underwood, den Manager der Sleaford Mods und Harbinger-Sound-Chef, und er hat uns ermuntert, ihm die EP auf jeden Fall zu schicken. Tatsächlich fand er unsere Sachen auch geil, und dann habe ich ihn irgendwann in Stuttgart getroffen. Steve Underwood ist einfach ein supersympathischer Typ, der sehr bescheiden ist und einfach auf alles scheißt, obwohl er jetzt mit den Sleaford Mods den Durchbruch geschafft hat.

Carsten Schrader: Durch diese Verbindung befindet ihr euch jetzt auch in der absurden Situation, dass ihr nach nur fünf oder sechs Konzerten zwei Shows für die Sleaford Mods eröffnet: in der Berliner Columbiahalle und im Hamburger Uebel und Gefährlich.

Steve Somalia: Wir würden mit keiner anderen Band auf so große Bühnen gehen. Steve Underwood ist einfach ein Exbusfahrer in den 50ern, der schon immer Punk gelebt und mit seinem Label gefördert hat. Er hat mit Sleaford Mods den großen Durchbruch geschafft, trotzdem checkt der immer noch, was Leute wie wir so machen. Und Sleaford Mods sind zwar berühmt und groß, aber trotzdem auch geil. Mal sehen, wir wissen ja auch noch gar nicht, ob das auf einer so großen Bühne Spaß macht.

ZooSea Cide: Es wird schon funktionieren, auch wenn das natürlich eine Herausforderung ist. Aber es passt auch ein bisschen zu unserer Musik – die ja für die Hörer manchmal auch eine Herausforderung ist.

Carsten Schrader: Wieso? Der Titelsong oder auch „Lush Box“ sind doch regelrechte Hits …

Steve Somalia: Wir wollen aber, dass immer auch einer oder mehrere Songs dabei sind, die den Leuten ein bisschen auf die Nüsse gehen. „Aspirin Nation“, das Saxofonstück am Ende der Platte kann natürlich auch nervig sein.

TH: Ich persönlich mag es ja auch ein bisschen, wenn es wehtut.

Steve Somalia: Mir tut es gar nicht weh, sondern ich finde es geil – aber ich weiß, dass es Leuten wehtun kann.

ZooSea Cide: Gleichzeitig haben wir aber auch wahnsinnige Freude daran, wenn sich plötzlich eine Melodie rausschält und es einen minimalen Popmoment gibt.

Steve Somalia: Den Popmoment bitte rausstreichen.

ZooSea Cide: Stimmt, mit Pop wollen wir nichts zu tun haben.

Carsten Schrader: Nichtsdestotrotz dürfte eure Platte für die alte Punk-Szene mitunter schon eine Herausforderung sein.

Steve Somalia: Es gibt nichts Schlimmeres als konservative Punks, die ihre 77er-Punkband abfeiern und auch nur zu den alten Säcken aufs Konzert gehen. Dafür gibt es zu viel Neues und auch zu viel Gutes, um sich immer noch mit den UK Subs zu beschäftigen.

 

Noseholes „Danger Dance“ ist bei Harbinger Sound/Cargo erschienen.

Live (als Support der Sleaford Mods): 3.5. Berlin, 11.5. Hamburg, Tickets erhältlich z. B. bei Eventim.

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