Hippe Helfer aus dem Handy

Apps sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken – aber oft eben auch nur Spielerei. Eine Berlinerin hat sich jetzt drangemacht, das zu ändern, und etwas wirklich Lebensveränderndes erfunden.

Es klang wie eine Revolution, als Google seine Pixel Buds vorstellte: Kopfhörer, die dem Nutzer Übersetzungen in Echtzeit ins Ohr flüstern sollen. Endlich keine Sprachbarrieren mehr, fließende Unterhaltungen weltweit, der Jubel war groß. Dass auch bei dieser Device nur mit Wasser gekocht wird, war zu erwarten. Die Pixel Buds sind sicherlich praktisch für Reisende, aber auch nicht die Lösung für eines der größten Probleme der Menschheit: Kommunikation. Über Sprachgrenzen hinweg. Aber auch über Barrieren hinweg, die vielleicht nicht immer so offensichtlich sind.

 

Greta flüstert ins Ohr, Starks spielt Untertitel zum Film aufs Handy

 

Seneit Debese überwindet solche Grenzen schon seit ein paar Jahren. Mithilfe des kostenfreien App-Duos Greta & Starks ermöglicht sie Seh- und Hörgeschädigten den Kinobesuch: Greta flüstert ihnen Audiodeskription ins Ohr, Starks spielt Untertitel zum Film aufs Handy. Inzwischen gibt es sogar ein entsprechendes Headset, sodass man nicht mehr zwischen Kinoleinwand und Handy hin- und herswitchen muss. Eben wurde Debeses Arbeit das Siegel „Berlin‘s Best“ der Kreativplattform Creative City Berlin verliehen – eine Auszeichnung für Unternehmen, die einen Mehrwert für andere schaffen. Für Seneit Debese ist ihre Art der Inklusion ein Schritt zu einer besseren Welt: „Wir denken oft, das Unbekannte ist ganz anders als ich. Dadurch ist unser Blick verstellt für die viel größere Schnittmenge der Gemeinsamkeiten. Wir möchten helfen, den Horizont zu erweitern. Zum Beispiel im Kino, wo Menschen aller Hautfarben, aller Religionen, aller Sprachen, mit und ohne Behinderung gemeinsam über den gleichen Witz lachen und in den Dialog treten können.“

 

Devio Demenzworkshop-Kit Stefan Meister und Alexander Bothe/Devio Demenzworkshop-Kit

 

Auch Stefan Meister und Alexander Bothe werben für Kommunikation und besseres Verständnis. Die beiden Absolventen der Hochschule Mainz haben den Devio Demenzworkshop-Kit entwickelt. Mithilfe einer Augmented-Reality-Brille und spezifischen Rollenspielen sollen sich Angehörige oder Pfleger von dementen Personen in die Welt ihrer Schützlinge einfühlen und sich bewusst machen können, wie es eigentlich sein muss, wenn das Gehirn nicht mehr so will, wie es soll. Ein multimediales Empathietraining, das wegen seiner tollen Optik und seiner gesellschaftlichen Relevanz mit dem Lucky Strike Junior Designer Award ausgezeichnet wurde. Noch gibt es nur einen Prototyp, doch das Kit könnte künftig für viele Betroffene einen echten Unterschied machen.

 

Hilfs-Apps bald so selbstsverständlich wie Pizzaschneider?

 

Seneit Debese ist schon ein paar Schritte weiter. Greta & Starks haben inzwischen mehr als 280 000 barrierefreie Kinobesuche ermöglicht, und die Erfinderin hofft, dass die Apps bald so etwas werden wie ein Pizzaschneider, der ursprünglich erfunden wurde, um Menschen mit nur einem Arm beim Schneiden zu helfen: „Heute nutzt fast jeder diesen Pizzaschneider, ohne darüber nachzudenken.“ Künftig wird es für Greta & Starks auch fremdsprachige Fassungen geben, allerdings kostenpflichtig. Ein Markt mit großem Potenzial – und eine große interkulturelle Chance.

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