Contemporary Music

Esbjörn Svensson: Bis in alle Ewigkeit

Der Pianist Esbjörn Svensson findet Mittel und Wege, um die gegenwärtige Jazzszene zu definieren – auch zehn Jahre nach seinem Tod

Piano-Trios gibt es in Europa mittlerweile mehr als Indiebands in Berlin – aber vermutlich würden Gruppen wie GoGo Penguin oder Brandt Brauer Frick ganz anders klingen, wenn es e.s.t. nicht gegeben hätte. e.s.t., diese Abkürzung stand 15 Jahre lang für das Esbjörn Svensson Trio: Die Band aus Schweden brachte Jazz einem Publikum nahe, das zuvor nie gedacht hätte, solche Musik mögen zu können.

Bandleader Svensson, der sich für sein 1993 ins Leben gerufenes Klavier-Trio zunächst an Größen wie Keith Jarrett orientiert hat, sagte einmal, e.s.t. seien eine Rockband, die Jazz spielt. Den Drive und die fulminanten Rhythmen hatten sich der Pianist und seine Mitstreiter, Bassist Dan Berglund und Drummer Magnus Öström, vom Rock’n’Roll geborgt. „Esbjörns Sinn für Melodien machte ihn so besonders“, sagt Öström zurückblickend. „Er hatte schon immer eine Ader für Pop. Dan dagegen liebte hartes Zeug wie Black Sabbath; ich hatte einen Jazzrock-Hintergrund. Und wir alle hörten klassische Musik. Das war einfach ein großartiger Mix!“ Der traurige Grund, der Öström dazu veranlasst, die Vergangenheitsform zu wählen: Im Juni 2008 ist Esbjörn Svensson bei einem Tauchunfall in den Schären Stockholms gestorben. Erst kurz zuvor waren e.s.t. in Sphären angekommen, von denen die meisten Jazz-Formationen nur träumen können: Das achte Studioalbum „Viaticum“ aus dem Jahr 2005 hatte mehr als 100 000 Exemplare verkauft – und war damit eine der erfolgreichsten Jazzplatten ihrer Zeit. Kurz darauf konnten die Skandinavier sogar die USA erobern: 2006 waren sie die ersten Europäer auf dem Cover des renommierten Downbeat Magazine.

Wenn nun anlässlich des zehnten Todestages von Svensson ein neues Doppelalbum mit einem Konzertmitschnitt aus dem Mai 2005 erscheint, ist das nicht bloß eine der üblichen Archivplünderungen, wie Plattenfirmen sie seit dem Tod von Jimi Hendrix lieben. Es gibt zwar bereits eine gelungene Live-CD aus dem Jahr 2006: „e.s.t. live in Hamburg“. Doch die Setlist des neu veröffentlichten Konzertes weicht deutlich von der späteren Aufnahme ab: Auf „e.s.t. live in London“ zeigt sich die Kunst der Band, die Grenzen eines Songs eine Viertelstunde auszuloten, ohne auch nur eine Sekunde zu langweilen. Das liegt an der grenzenlosen Einfallskraft des Bandleaders, aber auch an Dan Berglund, seinen Wah-Wah-Pedalen und Verzerrern. Magnus Öström bewies Kreativität, in dem er seine Snare Drum mit den Fingern spielte. „Wir hatten nie Setlists“, sagt der Schlagzeuger, „und über unsere Musik haben wir kaum geredet. Wir wussten, was wir wollten – und wir waren für alles offen.“

 

„e.s.t. live in London“ ist bei ACT erschienen.

Leseempfehlungen

Nik Bärtsch: Präzision und Höflichkeit

Tord Gustavsen Trio: The other Side