Contemporary Music

Im Bett mit … Frank Spilker: Getanzte Depression

Warum die Disco ein Ort der Solidarität ist und wie man Depressionen tanzt: Frank Spilker über das neue Sterne-Album „24/7“

Carsten Schrader: Frank, mit dem neuen Album „24/7“ gibt es bei den Sternen unglaublich viele Neuerungen. Habt ihr auf die Krise der Musikindustrie reagiert, indem ihr euer altes Label Materie Records reaktiviert habt?

Frank Spilker: Das stand schon seit Jahren als Option im Raum. Eigentlich haben wir ja alle Erfahrungen gemacht, die man so machen kann. Wir waren ein kleines selbstverliebtes Idealistenprojekt, dann waren wir beim angesagten Indielabel und schließlich beim Major. Und jetzt sind wir diesen Weg auch komplett wieder zurückgegangen. Wir haben ganz lange hin und her überlegt, was es für Optionen gibt und wie die Marktentwicklung ist. Dabei haben wir bemerkt, dass wir es zum Teil ganz und gar nicht besser finden, was die kleinen Labels so machen. Das sind notwendigerweise fast alles 360°-Deals, weil durch CDs nicht mehr genug Einnahmen kommen. Da haben wir uns dann eben gesagt, dass wir die 360° lieber selber machen. Das Label gab es ja schon, und wir haben im Grunde nur noch einen Vertriebsdeal mit Rough Trade gemacht.

Carsten Schrader: Dann habt ihr jetzt mehr Freiheiten?

Frank Spilker: Ja, tatsächlich. Es ist zwar ein Stück mehr Verantwortung, weil man etwa die Ausgaben fürs Marketing selbst verantwortet. Das hat aber auch den Vorteil, dass man mit Geldgebern nicht über jeden Quatsch diskutieren muss. Es gibt viele Entscheidungen, die trifft man aus dem Bauch raus, und die kann man nicht wirklich begründen. Warum man zum Beispiel einen bestimmten Videoregisseur besser findet, oder warum man meint, an einem bestimmten Punkt noch mal Geld ausgeben zu können oder zu müssen. Im Grunde ist es ein unkomplizierteres und schnelleres Arbeiten. Ob es auch erfolgreicher ist, wird sich zeigen. Aber es fühlt sich gut an, und wir fühlen uns auch nicht unsicher, weil es im Grunde alles Sachen sind, die wir schon immer zumindest mitentschieden haben.

Carsten Schrader: Eigentlich wäre es ja logisch gewesen, das neue Album wie auch schon die EP „Der Riss“ bei Gomma zu veröffentlichen. Deren Chef Mathias Modica alias Munk war als Produzent ja wieder aktiv an dem Album beteiligt.

Frank Spilker: Wir haben uns da mit der EP sehr wohl gefühlt, aber beim Album fand ich es einfach nicht nötig. Es war eine Entscheidung mit Bezug auf die Zukunft: Wir werden mit den Sternen ja nicht eine Gomma-kompatible Platte nach der anderen machen. Der Plan ist, das Label längerfristig aufzubauen. Und vielleicht machen wir sogar andere Veröffentlichungen, das ist dann ja alles möglich.

Carsten Schrader: Dann siehst du „24/7“ aber schon als radikalen musikalischen Einschnitt?

Frank Spilker: So radikal fühlt sich das gar nicht an. Als wir damals noch zu viert waren, hatten wir bereits ein Konzept gefunden, bei dem das Wichtigste ein Echogerät auf dem Gesang war. Wir wollten die Gitarre weglassen und dadurch einen Groovebezug bekommen. Und schließlich war da das Vorhaben, alle Stücke gemeinsam zu entwickeln. Irgendwann haben wir angefangen, mit Modica zu produzieren. Unserem Keyboarder Richard von der Schulenburg war das dann zuviel Konkurrenz in der Band, und er wollte das neue Konzept nicht mittragen. Wir anderen wollten das aber unbedingt machen und es lieber zu dritt weitertragen statt wieder einen Schritt zurück zu gehen. Das war der Einschnitt, ab dem wir wirklich neue Wege gegangen sind. Zu Gunsten der Ästhetik haben wir auf eine Tradition verzichtet. Man muss die Geschichte mit Richard aber eigentlich länger erzählen: Es war nicht nur dieser eine Konflikt, auch vorher war es schon schwierig. Wir haben nicht ohne Grund drei Jahre gebraucht, bis wir wieder zu einem Konzept gekommen sind. Es war da dieses Gefühl, dass Richard sich ein bisschen zu einem Hemmschuh entwickelt hat. Er hat sehr dogmatisch im Sinne seiner Ästhetik und seiner Ideen entschieden und wenig Spielraum für die anderen zugelassen. Im Laufe der Jahre wurde das immer schlimmer, und letztlich hat es unweigerlich dazu geführt, dass man die Notbremse ziehen musste.

Carsten Schrader: Den Bandcharakter hat diese Trennung aber nicht in Frage gestellt?

Frank Spilker: Vor allem ist es ja keine Elektronikplatte. Es ist anders als „Wo ist hier?“ (1999), wo wir das Pferd andersrum aufgezäumt haben und von der Produktionsseite rangegangen sind. Die neue Platte ist eine Bandplatte: Wir haben erstmal gespielt, und die Platte kann ja auch live so gespielt werden. Wir haben Gitarrenflächen oder Tricks, die man mit der Gitarre macht, laut-leise und so weiter, durch Keyboardtricks ersetzt. Auf der einen Seite ist es eine kleine Veränderung, auf der anderen Seite bekommt es einen ganz anderen Charakter, wenn man es hört. Das finde ich toll, wenn man solche Sachen mit einer Band machen kann.

Carsten Schrader: Waren Gomma-Bands wie Who Made Who für euch Ideengeber?

Frank Spilker: Who Made Who habe ich erst später kennen gelernt, da waren wir schon tief in dem Prozess der Produktion verstrickt. Ich bewundere das sehr, was die machen, aber die gehen ja andersrum vor. Die Schnittstelle ist natürlich interessant: Musik wird auf dem Laptop komponiert, und dann kommen Musiker dazu. Sie schmücken das wahnsinnig aus und spielen perfekt zu den Klicks. Mit den Sternen könnten wir das gar nicht so machen, weil wir als Indieband zu schrammelig sind. Der Trick würde bei uns nicht funktionieren, auch wenn ich das toll finde. Wir müssen einen anderen Weg suchen, und ich finde es ja auch immer ganz wichtig, für sich einen Weg zu suchen, und nicht zu sagen, ich will genau das machen, weil ich das bei jemand anderem ganz toll finde.


Carsten Schrader: Dann werden die neuen Songs auch bei Konzerten keine Löcher reißen?

Frank Spilker: Nee, es sind ja eigentlich Livestücke. Ich vermute einen Schnitt wie bei anderen Sterne-Alben auch. Es gibt immer die Stücke, die auf Platte besser funktionieren als live. Das stellt sich erst im Laufe der Zeit raus, und die werden dann eben aussortiert. Im Sinne von Liveaufführbarkeit und Liveappeal ist es eine ganz normale Sterne-Platte. Es gibt echte Kracher wie „Himmel“ und „Gib mir die Kraft“, die eigentlich für Auftritte konzipiert sind, und bei denen wir eher das Problem hatten, sie für die Aufnahme in eine zurechtgekürzte Version zu bringen. Sachen, die live funktionieren, sind bei der Aufnahme oft zu lang.

Carsten Schrader: Was genau war denn nun aber eigentlich der Auslöser für den radikalen Richtungswechsel? Wart ihr mit den Indiegitarren unzufrieden, die eure letzten Alben dominiert haben?

Frank Spilker: Es gab eine gewisse ästhetisch-musikalische Unzufriedenheit nach dem letzten Album, das wir alle toll fanden, bei dem uns aber auch ganz klar war, dass wir das nicht noch mal machen wollten. Uns war klar, das wir uns einen deutlichen Schritt in eine andere Richtung bewegen wollten. Das hat auch immer viel damit zu tun, dass sich die musikalische Landschaft um einen herum verändert. Als wir „Räuber und Gedärm“ gemacht haben, erschienen uns deren Ästhetiken als neu, aufregend und spannend. Als die Platte rauskam, war das schon ein bisschen weniger der Fall. Und plötzlich haben dann so unglaublich viele Bands all das ausgebeutet, was an den Ästhetiken der frühen 80er gut war. Alles war komplett im H&M-Stil ausgehöhlt und durchgenudelt worden, und man konnte damit einfach nicht mehr kommen. Diese Situation war wirklich nicht einfach, und wir haben zwei Jahre gebraucht, um ein Konzept zu finden.

Carsten Schrader: Warum hat euer Zugriff auf Clubmusik diesen starken Retrobezug, der ans Ende der 80er andockt?

Frank Spilker: Es gibt ja keine Clubmusik, die nicht einen Retroaspekt hat. Das ist momentan ein ganz starker Trend: Egal, was du hörst, es verweist auf etwas. Und es kommt mir immer darauf an, worauf Bezug genommen wird. Bei Who Made Who und LCD Soundsystem mag ich die Sachen eben, auf die verwiesen wird. Und so sind wir das auch angegangen. Der Danceaspekt ist bei den Sternen ja ein alter Hut. Die Sterne sind aus der Idee geboren, diesen Schrammelrockkosmos zu verlassen und im Grooverockbereich herumzustümpern. So war das ja schon bei „Fickt das System“, das auch auf der Tanzfläche funktionieren sollte. Diese Groovebezogenheit ist ein Stück unserer Identität, und es war gut, wieder darauf zurückzukommen.

Carsten Schrader: Hat der neue alte Sound auch die Texte beeinflusst? Mit den Beats haben sie starke Konkurrenz, trotzdem stehen sie meiner Meinung nach deutlicher im Vordergrund, sie sind durch das musikalische Umfeld betonter.

Frank Spilker: Was die Texte deutlich beeinflusst hat, war die Verwendung des Echogeräts. Wir haben es von Anfang an im Übungsraum gehabt und nicht als nachträglichen Effekt benutzt. Und das hatte Auswirkungen auf die Texte: Es betrifft gar nicht so sehr die Inhalte, sondern eher das Tempo, mit dem man spricht. Wenn man rappt, dann geht das beispielsweise mit dem Echo nicht. Auch ganz schnelle Passagen funktionieren nicht. Deswegen bestehen die meisten Texte aus wenigen Worten. Wobei ich auch sagen muss, dass ich gern aus nur wenigen Worten eine Geschichte stricke. Dass der Gesang mehr heraussticht, liegt natürlich vor allem am Sound. Eine Gitarre konkurriert viel stärker mit dem Gesang als eine Fläche vom Keyboard. Die Gitarren machen mehr Lärm, der in der gleichen Frequenz liegt.

Carsten Schrader: Hemmt es den Texter, wenn er weiß, dass die Wörter stärker betont werden?

Frank Spilker: Ich finde nicht schlimm, wenn der Gesang verständlich ist. Leider ist es immer noch sehr stark bei Produzenten und Masteringleuten verbreitet, dass der Gesang so weit aus der Musik herausgehoben wird, dass es klingt wie deutscher Schlager aus den 70ern. Das entscheidet oft nur eine Nuance. Die Hamburger Schule der zweiten Generation und einige Punkbands aus den 80ern haben es als erste Generation geschafft, Gesang so zu integrieren, dass Musik nicht mehr nur Illustration des Gesangs ist. Das ist ja die europäische Tradition, aus der unsere Liedermacher kommen. Wenn du in die 20er Jahre zurückgehst, dann hörst du ganz deutlich, dass Musik immer nur illustriert. Da wird eine Geschichte erzählt, und die Musik spielt mit der Melodie darum herum. In erster Linie geht es um den Text und die Geschichte. Es war schwer genug, dieses Illustrative zu verlassen, und ich habe immer Angst davor, mit dem Gesang zu laut zu werden. Für mich ist noch immer der Beat das entscheidende, nicht der Gesang.

Carsten Schrader: Hört man auf die Texte, stellt man fest, dass ihr mit den Sternen zum ersten Mal eher ein Ich-Album als ein Wir-Album gemacht habt.

Frank Spilker: Stimmt, das Wir interessiert mich immer weniger, vor allem dieses Szene-Wir, diese eingebildete Szene-Community, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Carsten Schrader: Geht es inhaltlich um einen Rückzug, der mit einem kritischen Bewusstsein von bestimmten Dingen vollzogen wird, hinter dem aber mehr der Antrieb steht, irgendwie durch den Tag zu kommen statt aufzubegehren?

Frank Spilker: Es ist ein Bemühen um Solidarität. Das mit dem Rückzug höre ich seit Jahren. Ich will nicht sagen, dass es ein Missverständnis ist, aber für mich ist es die etwas fehlgeleitete Interpretation von einem vorsichtigen Fordern, das in den Texten steckt. Schon in den ersten Sterne-Songs wird gesagt, dass Parolen nichts nützen, wenn man nicht selber mitgeht oder die Dinge greifbar macht. Ich versuche, so naturalistisch und greifbar wie möglich zu sein. Das bringt einen natürlich manchmal an die Grenze zur Zaghaftigkeit. Aber ich glaube, dass es im Endeffekt stärker und wirksamer ist als Parolen wiederzuerfinden, die man eh schon alle gehört hat.

Carsten Schrader: Dann verstehst du auch den Club oder die Disco nicht als Rückzugsort?

Frank Spilker: Puh, ich weiß nicht. Die Disco ist sozusagen Utopie. Sie ist ein Ventil für die Wirklichkeit, eine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu überstehen und auszuhalten. Gleichzeitig steckt darin eine Forderung: Wenn man ein Ventil braucht, dann stimmt auch mit der Wirklichkeit etwas nicht. Jedenfalls lese ich das so aus den Danceteria-Geschichten der Gayszene von New York. Gerade in repressiven Gegenden werden diese Fluchtorte ja besonders stark gesucht, und sie bilden sich dann in urbanen Zusammenhängen. Die Leute ziehen aus den repressiven Dörfern in die Stadt und suchen sich da die Clubs und Bars, um überhaupt irgendwo leben zu können. Diesen Zusammenhang zu beschreiben, darum ging es mir.

Carsten Schrader: Aber ist das nicht ein kleinerer Schritt als die Parolen, die bei euch ja auch schon mal da waren?

Frank Spilker: Im Nachhinein finde ich es das Wichtigste, dass du aus einem vagen Gefühl etwas machst, was Nachvollziehbarkeit schafft. Daraus können dann Solidarität und Mitgefühl entstehen. Es geht um das Gefühl, dass man mit dem Problem nicht allein ist. Und ich glaube, dass eben daraus die Kraft entsteht, sich zu bewegen oder sich zu wehren. Nicht aus den Parolen.

Carsten Schrader: Gibt es in der Clubmusik denn deiner Meinung nach wirklich dieses demokratische Element, von dem oft die Rede ist?

Frank Spilker: Wenn damit die soziale Funktion über ein emotionales Erleben gemeint ist, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl im Club, dann finde ich das total wichtig. Oft ist es aber sehr sprachlos. Ich finde es meistens noch viel besser, wenn man es bei Konzerten erlebt. Wenn man über die Musik hinaus noch ein konkreteres Sprachrohr findet und es sich politisch ein wenig mehr konkretisiert. Die Clubkultur der 90er war ja emotional sehr stark, aber mit klaren Aussagen leider sehr vage. Dadurch war sie dann auch letztlich in so einer Breite wie der Loveparade völlig wirkungslos. Politisch hatte das keine Bedeutung.

Carsten Schrader: Liegt es daran, dass man diese Gefühle einfach nicht in Worte fassen kann?

Frank Spilker: Ich glaube, dass die Massen diesem Wunsch nach Eskapismus verspüren, diesen Wunsch nach einem anderen Leben, das erträglicher ist als das, was sie führen. Aber die wenigsten wollen sich darauf einlassen, darüber eine Diskussion zu führen. Man gilt ja quasi schon als Loser, wenn man nur diese Diskussion führt. Das ist eben nicht massenkompatibel. Aber ich suche definitiv nach einem Weg, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Und ich denke, es suchen auch noch einige andere.

Carsten Schrader: Es gibt aber die Gefahr, dass sich das kritische Bewusstsein in abstrusen Drogenfantasien oder esoterischem Geschwafel verliert …

Frank Spilker: Es gibt unterschiedliche Gründe, Drogen zu nehmen und unterschiedliche Gründe, Musik zu hören. Natürlich kann alles versanden und nach hinten losgehen: exzessiver Eskapismus, der zu einer Ausweglosigkeit führt. Aber als Künstler versucht man ja eher, den anderen Weg zu finden. Es geht immer darum, was bestenfalls passieren könnte. Dass das auch schiefgehen kann, ist klar. Es gibt ja auch unterschiedliche politische Interessen, die immer die gleichen Mittel benutzen. Wodurch auch Sachen, die erstmal vielversprechend sind, ganz schnell entwertet werden. Was H&M in der Mode macht, passiert natürlich auch in der Musik. Die einzige Möglichkeit ist da immer, schon einen Schritt weiter zu sein. Das weiß Munk, und das wissen ja auch viele andere im Kulturbetrieb. In dem Moment, wo jetzt alle auf Disco einsteigen, sind Gomma dabei, auf Neohippierock einzusteigen. Das ist die einzige Möglichkeit, die man hat, um Entwertung zu überwinden.

 

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