Contemporary Music

Schuss und Schluss

Natürlich kann man sich um den Frontmann von Iceage, Elias Bender Rønnenfelt, Sorgen machen. Nur sollte man die Texte vom neuen Album „Beyondless“ der dänischen Postpunk-Band auch nicht allzu wörtlich nehmen.

Elias Bender Rønnenfelt ist ein schwieriger Typ: So wie es schon mal vorkommt, dass er auf der Bühne zu weggeschossen für seine Einsätze ist, hasst der Iceage-Sänger nichts mehr, als seine Kunst zu erklären – was die Chancen nicht schlecht stehen lässt, dass er sein Gegenüber anmuffelt oder Interviews gleich ganz ausfallen lässt. Doch Rønnenfelt war gerade mal 18 Jahre alt, als Iceage im Jahr 2011 mit „New Brigade“ ein alles niedermachendes Debütalbum veröffentlichen und die vier Postpunks daheim in Dänemark binnen kürzester zu Helden der Antihaltung avancieren. Schnell sind internationale Plattenverträge unterzeichnet, auch in den USA geht ihr Postpunk durch die Decke, während gleichzeitig hanebüchene Gerüchte die Runde machen: Iceage würden mit rechtsradikalen Inhalten sympathisieren. Kein Wunder, dass Rønnenfelt da überfordert ist. Kein Wunder aber auch, dass man an dem vermeintlich arroganten Sänger trotzdem dranbleibt: Während der Vorgänger „Plowing into the Field of Love“ vor drei Jahren völlig zu recht Vergleiche mit The Gun Club und The Birthday Party eingeheimst hat, intensivieren Iceage auf dem neuen Album „Beyondless“ die musikalische Weiterentwicklung und erweitern ihre Arrangements um Bläser, Streicher und Xylophon, ohne dabei die Energie und die Wut der Vergangenheit zu verleugnen.

„Schon lange wollten wir eine größere Bandbreite an Emotionen mit unserer Musik abbilden – nur gibt es eben auch so viele abschreckende Beispiele, wie Rock und orchestrale Arrangements in der Vergangenheit zusammengebracht wurden“, lächelt Rønnenfelt, der sich als höflicher und bemühter Gesprächspartner entpuppt. Tatsächlich hat der mittlerweile 26-jährige Frontmann gut lachen, denn mit Songs wie dem punkigen Bluesrocker „Thieves like us“, dem Sky-Ferreira-Duett „Pain Killer“ und vor allem der schleifenden Übersingle „Catch it“ haben sie beachtliche Grenzgänge hingelegt. Noch erstaunlicher sind allerdings Rønnenfelts Texte, die mit literarischen Referenzen, altertümlichen Begriffen und Lautmalerei seine innere Zerrissenheit in apokalyptische Bilder überführen. „Einerseits werde ich mit der englischen Sprache immer sicherer. Andererseits ist es vermutlich ein Vorteil, dass ich nicht in meiner Muttersprache texte und durch diese Distanz einen unvorbelasteten und eher spielerischen Ansatz habe“, kommentiert er und zuckt die Schultern. Lediglich das Stück „Showtime“ erzählt eine lineare Geschichte – und die beschreibt ausgerechnet, wie sich der Protagonist eines Theaterabends auf offener Bühne selbst hinrichtet. „Ich glaube, es war eine Premiere in New York, die mich zu diesem Text inspiriert hat“, sagt Rønnenfelt und kontert den besorgten Blick mit einem Lachen. „Keine Angst, ich stehe viel zu gerne auf der Bühne, als dass ich unsere Konzerte mit diesem Song anzählen würde.“

Iceage „Beyondless“ ist bei Matador erschienen.

LIVE 31. 8. Hamburg, 13. 9. Heidelberg, 15. 9. Berlin

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