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Gerd Gigerenzer: Der Bauch irrt auch!

Hör auf dein Gefühl! Aber bitte nicht immer. Der Psychologe Gerd Gigerenzer sagt, warum wir uns beim Verlieben auf unsere Intuition verlassen können, beim Verachten dagegen nicht.

 

Juliane Rusche: Prof. Gigerenzer, wie viele Entscheidungen haben Sie heute schon getroffen?

Prof. Gerd Gigerenzer: Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Wahrscheinlich sind es um die 1 000 gewesen – aber von den meisten habe ich nichts mitgekriegt. Und Ihnen wird es genauso gehen. Intuitiv treffen wir alle permanent irgendwelche Entscheidungen.

Juliane Rusche: Was genau meinen Sie mit intuitiv?

Prof. Gerd Gigerenzer: Ich definiere Intuition durch drei Kriterien: Intuition ist ein Urteil oder Gefühl, das sehr schnell da ist, dessen Ursache wir nicht kennen, und das dennoch stark genug ist, uns zum Handeln zu bewegen. Sprich: Der Mechanismus, der hinter intuitiven Entscheidungen steckt, ist uns per Definition nicht zugänglich. Wir wissen nicht, warum wir uns verliebt haben. Wir wissen nicht, warum wir ein ganz bestimmtes Auto in einer ganz bestimmten Farbe haben wollen. Im Nachhinein kann man sich eine Geschichte dazu ausdenken – aber die hat mit den wahren Beweggründen oft wenig zu tun.

Juliane Rusche: Der Begriff Intuition wird oft gleichgesetzt mit Hellseherei oder mysteriösen Vorahnungen …

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja, ein ewiges Thema. Wenn jemand zum Beispiel immer denselben Bus nimmt, jeden Morgen. Und an einem Morgen entscheidet er sich, ausnahmsweise mit dem Fahrrad zu fahren – und genau da wird der Bus in einen schweren Unfall verwickelt. Dann wird plötzlich von Intuition gesprochen. Dabei nehmen so viele Leute so oft mal einen anderen Bus, und keiner denkt darüber nach! Das ist ein Fall, in dem die Intuition quasi als Hellseherei interpretiert wird. Dabei kann man mit ihr nicht nur spekulative Geschichten erzählen, sondern wirklich spannende Dinge untersuchen.

Juliane Rusche: Zum Beispiel?

Prof. Gerd Gigerenzer: Zum Beispiel das Verhalten von Autofahrern. Autofahren ist eine Aktivität, die hochautomatisiert ist. Eine fantastische Sache, dass wir so etwas können. Viele Leute wissen spontan nicht einmal, wo das Gaspedal im Auto ist, ob die Kupplung links oder rechts ist. Aber es funktioniert, wenn man erst mal im Auto sitzt – die Fähigkeit ist unbewusst da. Wenn ein erfahrener Autofahrer aber plötzlich im Ausland unterwegs ist, in einer anderen Umgebung, mit anderen Regeln und Straßenschildern, dann funktioniert der automatische Ablauf plötzlich nicht mehr. Der Fahrer fängt an, über etwas nachzudenken, was er intuitiv eigentlich beherrscht. Das sind interessante Mechanismen!

Juliane Rusche: Kann man sagen, dass die Entscheidungen, die man spontan trifft, die besseren sind?

Prof. Gerd Gigerenzer: Es ist nicht so, dass die Intuition generell besser ist als die Ratio! Aber wenn man ein Experte auf einem Gebiet ist, dann hat man ein gutes Recht darauf, dem ersten Eindruck zu vertrauen. Wenn Sie ein Neuling oder Anfänger sind – dann sollten Sie das lieber nicht tun.

 

„Die Botschaft darf nicht sein, dass Bauchentscheidungen immer besser sind als rationale Entscheidungen.“

 

Juliane Rusche:  Was eine Intuition ist, haben Sie bereits erklärt. Aber wie entsteht so ein Bauchgefühl?

Prof. Gerd Gigerenzer: Wir gehen davon aus, dass intuitive Entscheidungen nicht auf der Basis hochkomplexer Berechnungen getroffen werden. Sondern viele unserer Bauchentscheidungen basieren auf ganz simplen und uns trotzdem nicht bewussten sozialen Strategien: Imitiere andere. Folge dem Rat anderer. Vermeide Konflikte. Oder auch: Wähle das, was du kennst.

Juliane Rusche: Gibt es Situationen, in denen es absolut falsch wäre, die Intuition über das logische Denken zu stellen?

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja, natürlich. Stellen Sie sich vor, wir hätten das Jahr 2002, und Sie würden in New York leben. Sie haben immer noch die Bilder des 11. Septembers 2001 vor Augen. Jetzt wollen Sie von New York nach Washington reisen. Fliegen Sie? Oder nehmen Sie das Auto?

Juliane Rusche: Puh …

Prof. Gerd Gigerenzer: Viele Amerikaner haben nach dem 11. September aufgehört, mit dem Flugzeug zu reisen – und zwar aus einem Angstgefühl heraus, das nicht logisch durchdacht ist. Die Konsequenzen sind: Die gefahrenen Kilometer auf amerikanischen Autobahnen sind enorm gestiegen, was innerhalb eines Jahres ungefähr 1 500 Amerikaner das Leben gekostet hat. Sie haben ihr Leben beim Versuch verloren, das Risiko des Fliegens zu vermeiden. Das ist eine große Zahl – viel mehr Menschen, als in den vier am 11. September entführten Flugzeugen zusammen. Hier haben Sie ein Beispiel dafür, dass ein Angstgefühl, das aus dem Bauch heraus kommt, in die Irre führt.

Juliane Rusche: Bauchentscheidungen können also Fehlentscheidungen sein.

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja. Die Botschaft darf nicht sein, dass Bauchentscheidungen immer besser sind als rationale Entscheidungen. Die Botschaft darf auch nicht sein, dass rationale Entscheidungen immer besser sind als Bauchentscheidungen. Es muss ein gesundes Verhältnis zwischen beiden geben.

Juliane Rusche: Sie selbst haben enorm viel Geld verdient mit einem Aktienportfolio, das Sie aufgrund der spontanen Tipps von Passanten zusammengestellt haben. Wann sind die Entscheidungen von Laien besser als die von Experten?

Prof. Gerd Gigerenzer: Der Aktienmarkt ist schwer vorhersagbar, er ist sehr nahe am Zufall. Die Experten in diesem Bereich wissen zwar mehr über Aktien, weil Sie die Vergangenheit kennen und auswerten. Aber das hilft ihnen wenig, um die Zukunft vorherzusagen! Und darum geht es ja beim Aktienkauf. Das ist ein Fall, indem sehr komplexes Wissen nicht besser ist als ganz einfache Intuition.

Juliane Rusche: Sie wollen sagen, dass man Aktien am Besten nach dem Bauchgefühl fremder Menschen kauft?

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja, zumindest dann, wenn man die richtigen Leute fragt! Wichtig ist: Man braucht Leute, die Halbwissen haben. Die fragt man: Haben Sie von der Aktie gehört? Nein. Von der? Ja. Und so weiter. Es geht also nur um Namenserkennung – eine der Strategien, auf denen Intuition basiert. Am Ende erstellt man ein Portfolio mit den Aktien, die die meisten der Halbignoranten gekannt haben. Es hat sich gezeigt: Diese Aktienpakete, die von ganz gewöhnlichen Passanten zusammengestellt werden, sind mindestens genauso gut und oft sogar erfolgreicher als die von Experten. Das ist ein interessanter Punkt: Halbwissen kann besser sein als Expertenwissen. Das hört nur nicht jeder gerne.

 

„Als Laie können Sie den Experten austricksen. Wenn Sie nämlich wissen, wie Intuitionen funktionieren.“

 

Juliane Rusche:  Weil wir lieber Menschen sein wollen, die logisch begründete Entscheidungen treffen.

Prof. Gerd Gigerenzer: Genau. Man muss natürlich unterscheiden können zwischen Experten, bei denen das Wissen zur Vorhersage gut ist, und solchen, bei denen das nicht der Fall ist. Die Welt ist zum großen Teil unvorhersagbar, das muss man sich einfach klar vor Augen führen. Aber selbst, wenn Sie in einer Situation als Laie mit ihrem fehlenden Wissen schlechter dastehen als der Experte, können Sie den Experten austricksen. Wenn Sie nämlich wissen, wie Intuitionen funktionieren. Spielen Sie Tennis?

Juliane Rusche: Nein.

Prof. Gerd Gigerenzer: Okay, dann nehmen wir einfach an, Sie spielten Tennis. Ihre Partnerin hat heute eine ganz starke Vorhand, und Sie kommen damit nicht zurecht. Ich sage Ihnen, was Sie hier tun könnten.

Juliane Rusche: Ich bin gespannt.

Prof. Gerd Gigerenzer: Es ist im Grunde genommen dasselbe wie mit dem Autofahren. Wenn Sie die Seiten wechseln, und Ihre Partnerin geht an Ihnen vorbei, dann sagen Sie zu ihr: „Mensch, du hast heute eine solche Vorhand, wie machst du denn das?“ Dann haben Sie eine gute Chance, dass sie anfängt, darüber nachzudenken – und schon ist ihre Vorhand nicht mehr so gut. Eine gute Vorhand beim Tennis gehört zu den Dingen, die man am besten hinkriegt, wenn man seine Aufmerksamkeit nicht darauf lenkt.

Juliane Rusche: Sie haben erwähnt, wie wichtig Gruppenzugehörigkeit für unsere Intuition ist. Wie weit geht diese Orientierung denn?

Prof. Gerd Gigerenzer: Oh, sehr weit! Nehmen Sie zum Beispiel eine Gruppe Rechtsradikaler. Die meisten Rechtsradikalen sind nicht gegen Ausländer, weil sie so viel über sie wissen. Sondern sie entschließen sich zu einem Fremdenhass, weil die Freunde, Eltern oder Kollegen genauso denken. Dahinter steckt das Prinzip: Man möchte einer Gruppe angehören. Also imitiert man das Verhalten ihrer Mitglieder.

Juliane Rusche: Und übernimmt auch ungefragt deren Werte?

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn Sie Leuten auf der Straße spontan Fragen stellen. Zum Beispiel: „Dürfen Homosexuelle Kinder adoptieren?“ Viele Leute sagen ohne nachzudenken: „Nein.“ Das sind moralische Bauchentscheidungen. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr schnell getroffen werden. Aber wenn man nachfragt: „Warum sind Sie denn der Meinung, dass Homosexuelle keine Kinder adoptieren dürfen?“ Dann kommen viele ins Stottern. Man sollte sich selbst ab und zu fragen: Warum sind mir die Werte, die ich habe, eigentlich wichtig? Warum lehne ich Atomstrom ohne großes Nachdenken ab? Vielleicht nur, weil die anderen Mitglieder der eigenen Gruppe auch dagegen sind?

 

„Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der sich bei der Liebe auf rationales Durchrechnen verlassen hat. Der ist heute geschieden.“

 

Juliane Rusche: Es gibt Menschen, die lernt man kennen und kann sie von der ersten Sekunde an nicht leiden. Beruht Sympathie auch auf Intuition?

Prof. Gerd Gigerenzer: Das ist auch eine sehr spontane Reaktion – man hat das Gefühl sofort, und man weiß oft nicht, warum man es hat. Aber man handelt danach. Es ist eine interessante Frage, wie das zustande kommt. Oft sind es ganz einfache Signale: Jemand vermeidet zum Beispiel Augenkontakt. Schwierig, denjenigen zu mögen! Fast alle Leute, die im Lichte der Öffentlichkeit stehen, wissen intuitiv, welche die richtigen Signale sind. Ein Rockstar wird mit ausgestreckten Armen auf der Bühne stehen und nicht zusammengesunken wie Woody Allen. Mit solchen Gesten kann man Massen relativ leicht beeinflussen.

Juliane Rusche: Was ist mit Liebe? Verlieben wir uns intuitiv?

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja. Ich kenne zumindest nur sehr wenige Leute, die sich bewusst hinsetzen und über ihre Gefühle nachdenken. Stellen Sie sich einen Mann vor, der zwei Freundinnen hat. Eine zu viel. Und er weiß nicht, für welche er sich entscheiden soll, er quält sich. Also beschließt er, nach einem ganz rationalen Prinzip vorzugehen. Er schreibt sich auf, was für die eine spricht und was für die andere spricht. Und dann versucht er zu gewichten. Wie wichtig ist es, dass sie gut zuhört? Dass sie mich in Ruhe arbeiten lässt? (lacht) Was auch immer. Er versucht also, die ganzen rational durchdachten Punkte gegeneinander aufzurechnen. Und am Ende sieht er: Welche Beziehung hätte den größeren Nutzen? Ein Bekannter von mir hat es genau so gemacht, und Folgendes ist passiert: Der Mann hat das Ergebnis gesehen, und plötzlich wusste er ganz genau: Das ist nicht richtig. Er hat gemerkt, dass sein Herz und sein Bauch unbewusst schon lange eine Entscheidung getroffen hatten. Ich kenne nur einen einzigen Menschen, der sich bei der Liebe auf rationales Durchrechnen verlassen hat. Der ist heute geschieden.

Juliane Rusche: Wie unromantisch.

Prof. Gerd Gigerenzer: Da haben Sie den Punkt: Sie finden dieses Durchkalkulieren unromantisch. Aber warum sollte man das eigentlich nicht so machen – ist doch eine wichtige Entscheidung, oder? Warum trifft man so wichtige Entscheidungen nicht bewusst und durchdacht? Das ist die spannende Frage. Fakt ist: Ohne Intuitionen könnten wir nicht auskommen.

Juliane Rusche: Es gibt aber Situationen, in denen man intuitives Verhalten verflucht. Ein Beispiel: Jemand gefällt einem, aber immer, wenn man ihn oder sie trifft, reagiert man automatisch so, dass man wegguckt. Und hinterher denkt man: Verdammt, ich wollte doch freundlich lächeln! Kann man so ein automatisiertes Verhalten ändern?

Prof. Gerd Gigerenzer: Man kann sich bemühen und die Situation antizipieren: Jetzt gehe ich los, und wenn ich dem tollen Kerl oder der tollen Frau begegne, dann schaue ich ihm oder ihr schön lange in die Augen. Aber vielleicht sind Sie besser beraten, wenn Sie einfach nicht lange nachdenken!

Juliane Rusche: Sie glauben, dass das klappt?

Prof. Gerd Gigerenzer: Ja. (lacht) Probieren Sie es einfach mal!

Prof. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Er veröffentlichte unter anderem das Sachbuch „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“.

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