Contemporary Music

Perel: New York, das Erzgebirge und die Angst vor sich selbst

Eigentlich wollte Annegret Fiedler nur raus aus dem Erzgebirge. Jetzt nennt sie sich Perel und veröffentlicht ein Debütalbum beim renommierten New Yorker Elektrolabel DFA.

Carsten Schrader: Annegret, in deiner Jugend im Erzgebirge hättest du dir wahrscheinlich nie träumen lassen, dass du eines Tages als Perel ein Debütalbum beim New Yorker Label DFA veröffentlichen wirst, oder?

Perel: Mir war schon sehr früh klar, dass ich Musikerin werden will, aber ich bin ja nicht nur in einer ländlichen Region im Osten aufgewachsen, sondern meine Eltern waren auch noch bei den Siebenten-Tags-Adventisten: Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen, um zu einem selbstbewussten Menschen zu werden, der in die Welt rausgeht und das lebt, worauf er Bock hat. Ich weiß noch, wie ich meinem Vater in meiner HipHop-Phase mitgeteilt habe, dass ich Rapperin werden will. Er hat mich nur belächelt, weil er wie alle dort zu extremer Bescheidenheit erzogen worden ist.

Carsten Schrader: Ausgebrochen bist du aus diesen Strukturen aber erst, als du zum Studium nach Halle gegangen bist?

Perel: Es lag in meiner Natur, dagegen anzugehen – nur bin ich auch immer wieder eingeknickt, als ich gemerkt habe, wie sehr ich anecke. Irgendwann geht dir einfach die Kraft aus, wenn du immer wieder erklären musst, wer du bist. Also habe ich mich in Halle eingeschrieben, obwohl ich nie wirklich Soziologie machen wollte, und natürlich habe ich mich vor allem um die Musik gekümmert und bin feiern gegangen. Aber auch das Studium war extrem wichtig für mich: Als mir ein Freiraum gelassen wurde, habe ich sogar in den Matheprüfungen sehr gut abgeschnitten. Da fing es an, in mir zu rattern, und plötzlich waren da Risse in der Matrix: Wenn dir immer wieder gesagt wird, dass du Mathe nicht kannst und Jungen darin generell besser als Mädchen sind, fängst du an, es selbst zu glauben – und dann ist es natürlich auch so.

 

Carsten Schrader: Konntest du diese Erkenntnis auch auf das Musikmachen anwenden?

Perel: Das war der Grund, warum ich mit dem Clubding angefangen habe. Zuvor hatte ich ja auch diverse Indierockprojekte, wo ich gesungen, produziert und verschiedene Instrumente gespielt habe. Wenn wir live aufgetreten sind, wurde ich aber immer nur als Vocalmäuschen abgestempelt, und die Leute sind nach der Show zu den männlichen Kollegen gegangen, um sich für die Musik zu bedanken. Das tat weh. Aber mit Tech House hat sich dann die Möglichkeit aufgetan, als Musikerin und als Produzentin wahrgenommen zu werden.

Carsten Schrader: Mit deinem Umzug nach Berlin bist du in der Clubszene durch die Decke gegangen, und mittlerweile legt du regelmäßig in Läden wie der Panorama Bar, der Wilden Renate und dem ://about blank auf. Hat es in deiner DJ-Karriere auch Momente gegeben, in denen du dich von deinem künstlerischen Ausdruck entfernt und vor allem die Erwartungen des Publikums erfüllt hast?

wie eine Prostituierte gefühlt

Perel: Es gab schon zwei, drei Gigs, die zwar bombastisch gelaufen sind – nur habe ich mich nach denen auch wie eine Prostituierte gefühlt. Mit Kunst hatte das nichts mehr zu tun. Es ist ja auch ein sehr schmaler Grat, weil wir ja Entertainer sind und es mir auch Spaß macht, mit den Leuten zu feiern. Für mich ist es eine ganz große Kunst, die Leute zum Tanzen zu bringen, ohne sich dabei komplett auszuziehen.

Carsten Schrader: Trotz clubtauglicher Tracks ist dein Debütalbum „Hermetica“ weit davon entfernt, den klassischen Erwartungen der Techno- und House-Szene zu entsprechen.

Perel: Ich habe gezielt für diese Szene produziert, und es hat funktioniert – nur war ich auch extrem unglücklich. Irgendwann war ich an dem Punkt: Entweder du hörst auf, oder du scheißt komplett darauf, wie du zu klingen hast. Ich habe angefangen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, und der Titel weist ja auch darauf hin, dass das sehr schnell auf eine spirituelle Ebene gerutscht ist: Warum mache ich das, und worum geht es mir in meinem Leben?

Carsten Schrader: Haben dich die Leute bei DFA zu diesem Schritt ermutigt?

Perel: Die Tracks waren schon fertig, als der Kontakt zustande gekommen ist. Ich hatte bei der Radioshow „Beats in Space“ in New York gespielt, und nachdem mich Labelmanager Jonathan Galkin da gehört hat, war er an dem ganzen Material aus den letzten zwei Jahren interessiert. Für mich war es eine komplette Überraschung, dass er ein Album in Erwägung zog: Ich war zu nah dran, hatte keine Distanz zur Musik, weil ich mich ja ausschließlich nach der persönlichen Relevanz gerichtet hatte.

Carsten Schrader: Bei den Stücken „Alles“ und „Die Dimension“ singst du sogar wieder – auf Deutsch.

Perel: In einer Schublade war ich auf alte Gedichte gestoßen, die ich mit 17 oder 18 geschrieben hatte, und ich konnte kaum glauben, dass die wirklich von mir waren. Meine späteren Songtexte auf Englisch hatten nicht mal ansatzweise einen vergleichbaren künstlerischen Anspruch. Mir wurde klar, ich kann nur in meiner Muttersprache so assoziationsreich schreiben, dass mit einem Substantiv ganze Welten entstehen.

„Es kann nie schaden, wenn man ein bisschen Angst vor sich selbst hat.“

Carsten Schrader: Im Zusammenspiel mit den Wave- und Krautreferenzen, mit denen du deinen House-Sound durchsetzt, erinnert das an 80er-Acts wie DAF, Grauzone oder Liaisons Dangereuses.

Perel: Ein Sound, bei dem ich immer wieder lande. Eigentlich bin ich zu jung dafür, da ich ja erst in den 80ern geboren wurde. Aber da mein Bruder zwölf Jahre älter ist, sind es wohl seine ersten Platten, die bei mir eingesickert sind. Was ja keine schlechte Fügung ist, denn als ich Teenager war, drehte sich alles um Backstreet Boys und Spice Girls.

Carsten Schrader: Hast du Angst davor, mit einer Albumveröffentlichung bei DFA und der damit verbundenen Aufmerksamkeit wieder korrumpierbarer zu sein?

Perel: Bei DFA hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass sie meine Musik verstehen und mich als Künstlerin respektieren. Natürlich macht es mir Angst, dass ich einen Vertrag über drei Alben unterschrieben habe und jetzt noch nicht weiß, was es mit mir macht, wenn meine Musik sogar im Radio gespielt wird. Aber irgendwie vertraue ich darauf, dass ich aus meiner Geschichte gelernt habe. Und es kann nie schaden, wenn man ein bisschen Angst vor sich selbst hat.

Perel „Hermetica“ ist bei DFA erschienen.

LIVE  20. 5. Erfurt, 2. 6. Berlin, 7. 7. Augsburg, 10. 8. Göritz, 18. 8. Offenbach, 29. 8. Köln

Leseempfehlung