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Männer, die auf Mädchen starren: „Bordertown“ von J. M. Ilves

Die reißerische TV-Serie „Bordertown“ war ein voller Erfolg. Doch die Romanvorlage bietet viel mehr als nordische Thriller-Standards.

Sehr viele Männer machen es: Sie sehen minderjährigen Mädchen beim Schlafen zu. Manche aus väterlicher Fürsorge, manche um ihrem Fetisch zu frönen. Somnophilie heißt dieser Trieb, der je nach Ausprägung auch die Grenze zwischen Voyeurismus und Vergewaltigung überschreiten kann. Noch ahnt Kari Sorjonen nicht, dass er sich damit bald auseinandersetzen muss: Wenn er neben seiner schlafenden Tochter sitzt, ist er froh, sie überhaupt mal zu sehen. Zwar sind die beiden von Helsinki in eine Kleinstadt an der finnisch-russischen Grenze gezogen, um mehr voneinander zu haben, doch auch hier schafft es der Top-Ermittler nicht, bei seinem Job kürzer zu treten und mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Noch nicht ganz angekommen, muss Sorjonen seine ganze Erfahrung bei der Provinz-Sondereinheit einbringen, denn die Leiche eines russischen Mädchens in einem See gibt Rätsel auf. Kari wird von seiner Nekrophobie ausgebremst, die ihm Herzrasen und Übelkeit beschert. Doch dank Aspergersyndrom punktet er bei den weiteren Ermittlungen mit genialen Kombinationsvermögen und findet die Spur zu einem speziellen Hinterhof-Startup, dessen riskante Geschäftsidee vermutlich bald zu einem weiteren toten Mädchen führen wird. Und das könnte ausgerechnet die Tochter einer russischen FSB-Agentin sein …

 

Natürlich greift auch das finnische Autorenduo J. M. Ilves auf die bekannten Versatzstücke des Nordic-Thrillers zurück, die wahrscheinlich schon in sämtlichen Stieg-Larsson-Kinderkrippen Skandinaviens abgefragt werden können. Aber der Erfolg gibt den beiden Recht: Die Bordertown-TV-Serie wurde in fast jeder Sauna Finnlands geguckt. Wieder diese typisch graublaue Ästhetik, die dunkle Winternächte so schön klirren lässt. Wieder diese ausgefeilte Hell-Dunkel-Dramaturgie, die das Blut gefrieren lässt, wenn Mädchen wie weggeworfene Puppen erscheinen. Die visuelle Überinszenierung war zwar fernsehgerecht, doch erst bei der Romanfassung wird das eigentliche Thema dieses Noir deutlich – und das ist nicht der Spaß an schlummernden buttermilchhäutigen Jungfrauen. „Bordertown“ ist vielmehr Kritik am Zerfall der Gesellschaft: Abseitige Lebensentwürfe, Andersartigkeit und Abkehr vom Karrieredenken werden immer stärker als Bedrohung empfunden und mit Aus- und Abgrenzung beantwortet. Das erfährt nicht nur die Fetischszene, sondern das erfahren auch Kari Sorjonen und seine Familie. Es ist der große Verdienst dieses Romans, dass er es schafft, Andersartigkeit zu thematisieren, differenziert darzustellen und in eine glaubwürdige Krimihandlung zu übertragen. Die Zeit der Seriengemetzels ist vorbei.

J. M. Ilves „Bordertown – Der Puppenmeister“ ist ihm Suhrkamp Verlag erschienen.

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