Michael Wollny: „Ich hadere mit Entscheidungen.“

Zwei Alben auf einen Streich? Ist Jazzpianist Michael Wollny übermenschlich? Nein, eher: übersinnlich. Und fast 40.

Jan Paersch: Michael, mit „Oslo“ und „Wartburg“ bringst du zwei Alben an einem Tag heraus. Da hat man fast das Gefühl: Jetzt will er seinen Status als Ausnahmemusiker untermauern.

Michael Wollny: Ja, ich kann das eben! (lacht) Nun, das war so nie der Plan. Es gab schon Cover-Entwürfe für ein Trio-Album, es sollte „Farbenlehre“ heißen. Dann ist aus dem Material heraus etwas anderes entstanden. Wir hatten mehrere, sehr unterschiedliche Sessions: im Studio in Oslo, mit dem Norwegian Wind Ensemble, und bei einem Live-Konzert auf der Wartburg. Wir hatten keine Ahnung, was wir damit anstellen sollten. Es war dann die Idee meines Produzenten Siggi Loch, zwei Alben daraus zu machen. Das war einfach konsequent.

Jan Paersch: Du wirst im Mai 40. Ist das ein Einschnitt?

Michael Wollny: Meine Standardantwort ist: Es spielt weniger die Zahl eine Rolle als bestimmte Ereignisse, Vater werden zum Beispiel. Zeit wird kostbarer. Man ist von immer mehr Leuten und Ideen umgeben. Es kostet Zeit, das anzunehmen, aber auch, sich davon abzugrenzen. Nein zu sagen fällt mir nicht leicht.

 

Jan Paersch: Du bist also kein entschlussfreudiger Mensch?

Michael Wollny: Ich hadere mit Entscheidungen. Das ist vielleicht auch der Grund, dass mir Improvisation so liegt: Bis zum letzten Moment kann ich mich nicht entscheiden. Und wenn es dann so weit ist, dann passiert halt irgendwas. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nur dann den Mut habe, bestimmte Sachen zu tun, wenn es auf der Bühne vor einem Publikum stattfindet. Weil das der Moment ist, in dem Energie stattfindet.

Jan Paersch: Was ist das für eine Energie?

„Man spürt die Anwesenheit von etwas Drittem.“

Michael Wollny: Man kann es in einem Gespräch spüren. Wenn plötzlich Inspiration kommt, kann man das an der Körperspannung oder in den Augen erkennen. Musikalisch ist das genauso. Die ganze Band merkt: Jetzt haben wir alle im selben Moment das Gleiche gedacht. Das öffnet eine Tür. Es ist ungeplant und vielleicht nur in diesem ganz bestimmten Moment richtig. Für mich hat das etwas von Ekstase: Man spürt die Anwesenheit von etwas Drittem.

Jan Paersch: Klingt beinahe unheimlich. Apropos: Du interessierst dich auch Horrorfilme.

Michael Wollny: Das Schaurige und das Gruselige hat seit meiner Kindheit eine enorme Anziehungskraft auf mich. Zeitgenössische Kunst arbeitet oft mit der Verstörung, dem Gespenstischen, dem Seltsamen. Schon in der Romantik war Horror ein bestimmendes Thema. So hat Franz Schubert sehr oft Schauermotive benutzt und in den Texten wie ein Regisseur inszeniert: der Leiermann, der Erlkönig, der Tod und das Mädchen. So etwas inspiriert mich für meine Kompositionen. Ich arbeite aber nicht ergebnisorientiert. Ich gebäre Engel und Monster, die ein Eigenleben haben.

Michael Wollny „Oslo“ und „Wartburg“ sind bei ACT erschienen.

Michael Wollny spielt live:  12. 5. Bonn, 29. 5. Berlin, 31. 5.–2. 6. Hamburg. Karten dafür gibt es z. B. über Reservix oder Eventim.

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