Michael Mittermeier, wofür werden Sie gehasst?

Jürgen Wittner: Herr Mittermeier, muss ein Entertainer auch Haltung haben? […]

Jürgen Wittner: Herr Mittermeier, muss ein Entertainer auch Haltung haben?

Michael Mittermeier: Nein. Es wäre schön, aber es muss nicht jede Person zwingend eine Haltung haben.

Jürgen Wittner: Sie haben sich aber von Beginn Ihrer Karriere an politisch geäußert.

Michael Mittermeier: Das ist eine menschliche Geschichte. Ich bin ein politischer Mensch, ich komme ja auch aus der Kabarett-Ecke schon Ende der 80er-Jahre. Nur wir Deutschen trennen Stand-up-Comedy von Kabarett. Uns hat das von Anfang an umgeben. Wenn du dich mit Skinheads kloppst wie ich privat auf der Straße damals, gehst du anders auf die Bühne. Und trotzdem ist mir ein lustiger Comedian, der zwei Stunden lang geile Witze über Gänseblümchen und Katzen erzählt, lieber als zwei Stunden dröges Kabarett.

Jürgen Wittner: Sie wollen politisch sein und komisch.

Michael Mittermeier: Ich befinde mich in einem Dilemma, das ich am besten mit einem Zitat des berühmten Kabarettisten Werner Finck umschreiben kann. „Das Dilemma eines Komikers ist: Wenn du die Leute zum Lachen bringst, nehmen Sie dich nicht mehr ernst. Wenn dich die Leute aber ernst nehmen, dann lachen sie nicht mehr.“

 

 

Jürgen Wittner: Im Jahr 2015 wurden Sie für Ihre Flüchtlingshaltung bepöbelt. „So schlimm war es noch nie“, sagten Sie damals. Wie ist es heute?

Michael Mittermeier: Die Beschimpfungskultur, die wir aktuell haben, diese Überhöhung der Aggression, hat es vor zehn Jahren nicht gegeben.

Jürgen Wittner: Allgemein wird der Begriff ,Hass‘ dafür benutzt. Ist das überhaupt der richtige Begriff für rechte Aggressivität?

Michael Mittermeier: Hass gibt es zunächst mal von Links und Rechts. Hass hat ja keine politische Ideologie. Schau dir Kaiser Xi an in China. Der glaubt tatsächlich, er sei ein Linker! Der ist einmal links durchgestartet, um die ganze Erde, und ist rechts angekommen. Er denkt aber immer noch, er sei Vorsitzender der großen chinesischen Volkspartei. Den Hass haben auch nicht die Rechtspopulisten erfunden. Schau ins Internet, jeder Trottel kann auf die Taste drücken und auf Facebook gehen.

Jürgen Wittner: Wann sind Sie Zielscheibe?

Michael Mittermeier: Auch Humor ist längst Zielscheibe des Hasses. Humor wird definiert, und dann heißt es plötzlich: Der Mittermeier macht jetzt Sexistenwitze. Ich habe eine lustige Abhandlung über den Bachelor, die Bitches, den Bitchelor. Und wenn das Sexistenwitze sind, Freunde, dann haben wir ein ganz, ganz anderes Problem in diesem Land. Immer wieder versucht man, Grenzen für Humor festzulegen, aber Humor hat keine Grenzen. Die einzige Grenze für jeden sollte sein, dass man nicht nach unten tritt.

Jürgen Wittner: Der Polemiker Maxim Biller schrieb vor kurzem: ,Der Internet-Hass und der Hass eines bösartigen, wahrheitsliebenden, stringent argumentierenden und maßlos schimpfenden Publizisten haben absolut nichts miteinander zu tun.‘

Michael Mittermeier: Der Begriff ,Hass‘ wird in der Tat belegt von irgendwelchen geistigen Eunuchen, die puren Hass in seiner kompletten Form und ohne Argumentation pflegen, vor allem aber auch gegen Schwächere. Wer sagt, er hasst Ausländer, der hasst Menschen. Eigentlich müssten die ja auch alle Väter hassen, denn wie viele Väter haben ihre Kinder missbraucht! Oder Onkel! Am Ende des Tages aber sind wir alle Menschen.

Jürgen Wittner: Die auch mal durchatmen sollten.

Michael Mittermeier: Ich muss nicht zweieinhalb Stunden lang auf der Bühne über die schwierigsten Dinge der Welt sprechen. Ich spreche auch nicht hauptsächlich über Politik. Ich spreche über die Realität, über den Alltag. Und über die erweiterte Realität. Ich nehme etwas, das ich gesehen habe, und füge etwas dazu. Dann wird es komisch, weil ich es in eine Schieflage gebracht habe.

 

Checkbrief

Name Michael Mittermeier

Beruf Komiker und Autor

Geboren 1966 in Dorfen, Oberbayern

Studium Politologie und Amerikanistik

Abschlussarbeit über amerikanische Stand-up-Comedy

Legende vom ersten Auftritt und Erweckung 1987 im Konzert von U2, als er beim Song „People Get Ready“ Gitarre spielen darf

Ausland Regelmäßige Auftritte in den USA, Kanada, England und Schottland

Mitbesitzer des Quatsch Comedy Clubs, in dem er in seiner ganzen Karriere immer wieder aufgetreten ist.

Politik Mittermeier ist bekennender Wähler der Grünen

Neues Bühnenprogramm „Lucky Punch – Die Todes-Wuchtl schlägt zurück“

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