Contemporary Music

Musikalischer Minimalismus aus Frankreich

In seiner Heimat Frankreich ist Julien Doré längst ein Star. Deswegen fällt es ihm leicht, bei seinem fünften Album „Vous & moi“ auf Showglitzer und Rockattitüde zu verzichten.

Seinem Album ein Zitat Henry David Thoreaus voranzustellen, könnte Julien Doré als kalkuliert ausgelegt werden. Schließlich gedeihen der Minimalismus- und Zurück-zur-Natur-Trend derzeit so gut, dass sich sogar ein Magazin nach Thoreaus „Walden“ benannt hat.

Auch der äußere Eindruck des Franzosen droht mit dem Klischee: wilde Mähne, tätowierte Unterarme, abwesender Blick – Naturburschenimage zwischen Surfbrett und Hütte im Wald. Aber Doré meint es ernst. Er schert sich nicht um Erwartbares. Das hat der 35-Jährige schon bewiesen, als er 2007 die Castingshow „Nouvelle Star“ für sich entscheiden konnte – mit Coverversionen von Madonna, Britney Spears oder Soft Cell. Beworben hatte er sich beim TV-Casting eigentlich nur, um seine eigene Rockband bekannt zu machen. Das ist ihm gelungen. Und noch viel mehr: In der französischsprachigen Welt ist er längst ein Star – ein Star, der seiner Musik den einfachen, weil direkten Weg verweigert.

 

Dorés fünftes Album „Vous & Moi“ verzichtet gänzlich auf Showglitzer oder Rockattitüde. Stattdessen erschafft der Franzose zusammen mit seinen Mitmusikern an Klavier, Gitarren, dezenter Percussion und wenigen digitalen Effekten ein introvertiertes Stück Pop, das atmet. Denn wo andere Musiker sich mit Akustikgitarre in verträumte Songwriter verwandeln, verfolgt Doré selbstbewusst seine Vision: Sein Gesang ist stets klar, ungekünstelt, ohne Chichi. In der Camargue, unweit seines Geburtsortes, dort, wo die Naturelemente direkt auf das Leben der Bewohner einwirken, hat Doré seine neuen Songs entstehen lassen. Ein langsamer Prozess, in dem die Nuancen eines jeden Moments zählen.

Viele Musiker sagen von sich, ihre Kunst entspringe ihrem Innersten. Bei Doré spürt man das nicht nur, wenn er „Like a Virgin“ interpretiert, sondern – natürlich – noch viel mehr in seinen eigenen Stücken, deren Simplizität nicht der Einfachheit sondern der Reduktion geschuldet sind: sehr viel auf sehr wenig runterbrechen, um zur Essenz zu gelangen. So, wie Thoreau einst im einfachen Leben die Fülle gefunden hat.

 

Julien Doré „Vous & Moi“ erscheint am 11. 5.

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