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Maren Eggert – Ein sexy Nichts

Auf der Bühne gibt Maren Eggert die düstere Erotikerin, kalt und hart. Man bekommt ein wenig Angst, sich mit ihr zu treffen. Zu recht?

Cool. Das erste, was man denkt, wenn man Maren Eggert auf Bühne oder Leinwand sieht: Gott, ist die cool! Wie sie als Polizeipsychologin Frieda Jung den Kieler „Tatort“-Kommissar zwischen Distanz und Anziehung zappeln lässt. Wie sie als eiskalte Marquise de Merteuil in den „Gefährlichen Liebschaften“ das Hamburger Thalia Theater in aasige Erotik taucht. Schauspiel als Machtspiel, man erwartet, einen Menschen zu treffen, der nie die Zügel aus der Hand gibt, man hat ein wenig Angst. Angstlust.

Aber dann zerquetscht man Eggert zur Begrüßung fast die Hand. Die 32-Jährige ist nicht cool. Sie ist nicht hart, nicht souverän, sie ist unglaublich unsicher. „Ich bin eigentlich ein nervöser Mensch“, sie spricht so leise, dass man fürchtet, das Aufnahmegerät könnte versagen.

Sie passt so perfekt in das Klischee der düsteren Erotikerin

Bei Schauspielern muss man immer aufpassen, sie nicht mit ihren Rollen zu verwechseln. Das weiß man, meistens macht man es aber doch. Und bei Eggert kann man gar nicht anders, weil sie optisch so perfekt in das Klischee der düsteren Erotikerin passt: dünn, groß, klassisches Profil, riesige braune Augen. Und weil ihre Regisseure um dieses Image wissen und sie deswegen immer Rollen spielen lassen, die geprägt sind von angedeuteter Erotik, Geheimnis, Melancholie. Sei es im Kinothriller „Das Experiment“, mit dem sie erstmals einem größeren Publikum bekannt wurde, sei es am Theater, sei es seit 2003 im NDR-„Tatort“.

Tatsächlich eint nur eines all diese Kunstfiguren mit der realen Maren Eggert: Sie halten sich ihr Gegenüber vom Leib. Die Figuren mittels ihrer Geheimnisse, Eggert mittels ihrer Unsicherheit. „Ich habe schon gerne Distanz zu Menschen“, charakterisiert die Schauspielerin sich selbst, „ich bin niemand, der sofort auf den anderen zuläuft.“ Als unnahbar würde sie sich zwar nicht bezeichnen, dennoch weiß sie, dass ihre Art bei vielen so ankommt. Sie sagt das mit einem Unterton, der verrät, dass sie nicht glücklich darüber ist.

„Manchmal wundere ich mich, dass ich diesen Beruf ergriffen habe.“

Im Laufe des Gesprächs gewinnt sie an Sicherheit, erzählt mehr über sich. Ihr privater Hintergrund, ihr Weg zum Schauspielerberuf: unspektakulär. Angestelltenkind im kleinstädtischen Hamburger Vorort Bergedorf, Theater-AG, Studium an der Münchner Falckenberg-Schule, nach kurzen Stationen in Zürich und Bochum kam sie 2000 zurück in ihre Heimatstadt, „ein bisschen früh“. Ganz klar wird nicht, ob ihr das Unglamouröse ihrer Biografie peinlich ist oder ob sie es angenehm findet, sich hinter dieser Normalität zu verstecken. „Manchmal wundere ich mich, dass ich diesen Beruf ergriffen habe, weil ich gar nicht so mitteilsam bin. Ich stelle mich nicht gerne aus.“

Wenn man nur wenig von sich Preis gibt, wird man schnell zur Projektionsfläche. Vor einem Jahr schrieb eine Hamburger Tageszeitung über Eggert – und porträtierte sie als formvollendete Spießerin, die schon seit Ewigkeiten mit dem Schauspieler Peter Jordan zusammen sei, ungern in Bars gehe und als größten Wunsch eine Reise nach New York habe. Freuen konnte sich Eggert über den Artikel nicht, auch wenn schlicht Fakten aneinander gereiht waren. „Ich lebe lange mit meinem Freund zusammen, aber ist das bieder?“ Tatsache ist: Eggert ist ruhig, sie ist ernst, sie ist erwachsen. Und sie sagt wenig.

Da ist eine Frau,  die ein ganz alltägliches Leben zu führen scheint – und die einem den Atem stocken lässt

Da ist eine Frau, die eine ganz alltägliche Biografie hat, die ein ganz alltägliches Leben zu führen scheint, die sich ganz alltägliche Gedanken macht. Da ist eine Frau, die einem den Atem stocken lässt, kaum legt sie ihre Rolle an – gerade weil Eggerts Spiel, bei Licht betrachtet, ähnlich unspektakulär ist wie ihr Leben. Wenn andere Schauspieler sich mit vollem Körpereinsatz in ihre Rollen werfen, deutet sie gerade einmal einen Blick, ein Zittern der Stimme an: Minimalismus, ein sexy Nichts.

Die Leerstelle zwischen unspektakulärem Leben und sexy Nichts als Künstlerin füllt jeder anders: Wer die Spießerin in Eggert erkennen will, findet sie, wer ein Geheimnis möchte, findet das. „Man sitzt eine halbe Stunde zusammen, und der Mensch gegenüber nimmt das mit, was er sehen will.“ Nein, Eggert ist nicht glücklich damit, im Mittelpunkt zu stehen. Dass das ihre atemberaubende Präsenz als Künstlerin ausmacht, kann man als das Erfolgsrezept dieser Schauspielerin sehen. Wenn man will.

Das Interview führte Falk Schreiber 2007 für die Zeitschrift uMag.

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