Contemporary Music

Matias Faldbakken: Ich bin ein Vandale!

Seine Romane voller Sex, Gewalt und Tabubrüche provozieren Diskussionen. Doch der norwegische Autor Matias Faldbakken („Unfun“, „The Cocka Hola Company“) will mit den Gefühlen seiner Leser gefälligst nicht belästigt werden.

„Slaktus packt meine Unterhose und reißt sie hoch, so dass ich jetzt mit meinem in der Luft hängenden Arsch daliege. Dann zieht er sie zur Seite und fängt an, mich mit den Fingern zu ficken, keine Ahnung, mit welchen Fingern, und auch nicht, mit wie vielen, es sind einige, so viel steht fest. Er steckt mir den Daumen in den Arsch, genau wie Taiwo vor ein paar Tagen. Hier liege ich wieder einmal, in diesem ewigen Six-Pack-Griff – den Kopf auf dem Boden und den Arsch in der Luft – das alte Weib, das ich bin, hier liege ich, mein Arsch im Fokus, meine Fotze im Fokus, das alte Weib, das ich bin, nun komm schon, stopf das Ding rein, rein damit in das alte Weib.“*

Bei Lesungen aus seinem Roman „Unfun“ schockt Matias Faldbakken unvorbereitete Zuhörer mit Textpassagen wie dieser. Unvorbereitet meint: Man hat die beiden Vorgängerbücher nicht gelesen. Man wusste ja nicht, dass „Unfun“ eine Trilogie mit dem Übertitel „Skandinavische Misanthropie“ abschließt. Und dass der 35-jährige Norweger gerne als „der anarchistischere Michel Houellebecq“ bezeichnet wird, hat man irgendwie auch nicht mitgekriegt.

Matias Faldbakken selbst nimmt’s gelassen, wenn seine Bücher Irritation, Ablehnung oder Empörung hervorrufen. „Der Tabubruch und die Provokation waren doch schon immer wichtige Elemente in der Kunst und der Literatur. Man packt die Leute und zerrt sie raus aus ihrem konventionellen Denken“, befindet er. Um nach kurzer Pause zu ergänzen: „Auf der anderen Seite ist es nicht besonders schwierig, Menschen wütend zu machen. Wenn du es darauf anlegst, ist es überhaupt kein Problem, zu provozieren.“ Für den Inhalt seiner zwischen 1998 und 2008 verfassten Bücher hätte Faldbakken glatt eine Auszeichnung als Tabubrecher des Jahrzehnts verdient: Da werden Beziehungen zwischen Zwölfjährigen und Erwachsenen gesellschaftlich nicht nur toleriert, sondern auch für cool befunden. Mit tatöwierten Nazisymbolen rebelliert der Underground gegen die Konsumwelt. Und Drillinge werden kurz nach ihrer Geburt gewaltsam zu Zwillingen minimiert, weil drei Nachkommen „die Symmetrie kaputt machen“ würden. Allerdings: Faldbakken würde den Tabubrechertitel dankend ablehnen. Genauso wie er von sich weist, einer der radikalsten Gesellschaftskritiker der Gegenwart zu sein, der mit Geschichten voller Sex und Gewalt die Brüchigkeit unseres Wertesystems aufzeigt. „Wenn Literatur so einen bestimmten Tonfall hat, dann wird sie eben als kritisch bezeichnet“, winkt er ab. „Ich selbst habe meine Bücher nie so gesehen. Bisweilen habe ich sie als den Versuch betrachtet, Klischees zu unterwandern oder zu zerstören. Und Klischees hängen natürlich mit bestimmten Werten zusammen. Bei Michel Houellebecq ist die Stimmung ähnlich, aber er ist konsequenter: Er dekonstruiert in seinen Romanen ganz gradlinig einen Wert nach dem anderen. Im Vergleich dazu bin ich ein Vandale. Ich zerstöre blindwütig.“

„Man kann ohne Weiteres behaupten, dass viele Menschen im Westen ihr ganzes Leben hart und zielgerichtet arbeiten, nur um bei Kollegen und Konkurrenten mit einem Lebenslauf, der verglichen mit ihrem solider ist, ein kleines bisschen Neid und Unterlegenheitsgefühl zu wecken. Deshalb ist Erfolg als solcher inexistent; Erfolg funktioniert nur umgekehrt proportional zum Selbstwertgefühl der anderen. Wenn jemand das Gleiche wie du zustande gebracht hat, hast du nicht wirklich Erfolg. Wenn dir jemand deinen Erfolg gönnt, hast du auch keinen Erfolg. Du hast Erfolg, wenn deine Konkurrenten am Boden liegen. Wer sind die Konkurrenten? Alle.“*

Wenn Passagen wie diese, von denen die Orgien in Faldbakkens Romanen umrahmt werden, nicht astreine Gesellschaftskritik sind – was bitteschön ist das dann? „Kunst!“, lautet die spontane Antwort. Der schlaksige Autor, der in T-Shirt, Jeans und ausgelatschten Turnschuhen aussieht wie ein hängengebliebener Skater, ist hauptberuflich Bildender Künstler. Sprich: Er malt, er realisiert Installationen, er macht Foto- und Videoprojekte und ist damit international erfolgreich. „Ich nehme mich selbst nicht als Schriftsteller wahr“, sagt er deshalb, „sondern ich verstehe mich als Künstler, der sich die Form des Romans von Zeit zu Zeit ausleiht.“ Analog dazu definiert er seine Bücher nicht als Literatur; sie sind eher so etwas wie Reagenzgläser, in die er Gedankenschnipsel und aufgeschnappte Theorien wirft, um dann zu beobachten, wie alles miteinander reagiert.

Die Selbstdefinition des Autors als Künstler ist natürlich ein lausiger Trick, um sich vor literaturkritischen Fragen zu drücken – einerseits. Andererseits stimmt es einfach: Matias Faldbakkens Romane sind keine inhaltlich und stilistisch ausgefuchsten Geschichten. Sie sind Experimente, die in einem abgeschotteten Labor durchgeführt werden. „Ich konstruiere da eine Welt, in der alles bizarr ist, in der jeder Wert ausgehebelt und das Innere nach außen gestülpt ist“, erklärt er. Seine Figuren aber leben in dieser Welt, sie kennen nichts anderes. Innerhalb der Romane irritiert es deshalb niemanden, wenn 40-Jährige mit Minderjährigen Hand in Hand durch die Stadt laufen. „In diesem amoralischen Universum ist jeder offen für alles“, so Faldbakken, „und der riesengroße Regelverstoß ist schlichtweg keiner mehr.“ Der einzige, der schockiert ist, ist der Leser – weil er mit seinen eigenen Moralvorstellungen auf die Handlung blickt und sie bewertet. Und da „Unfun“ und Co. gespickt sind mit Tabus und Kontroversen, die der Skandinavier skrupellos aus der Realwelt klaut, gibt es Reibungspunkte en masse. „So erklärt sich auch der Titel meiner Trilogie“, schließt er den Kreis: „Die Misanthropie wird von mir, dem Autor, als Normalität gesetzt. Nicht die einzelnen Figuren sind menschenfeindlich, sondern ihr gesamter Kosmos ist es. Und nur als Betrachter von außen kann man feststellen: Das hier ist eine Welt der misanthropischen Grundstimmung.“ Ein geschickter Schachzug. Wen die Kunstwelt der Romane nämlich irritiert, abstößt oder wütend macht, der darf nicht ihren Urheber, sondern muss sich selbst fragen: Warum kann ich den gewalttätigen Superintellektuellen in „Unfun“ nicht achselzuckend als Fiktion abtun, wie es mir mit den Hauptfiguren jedes blöden Actionthrillers doch auch gelingt? Was für ein Problem habe ich eigentlich damit, dass harmonische Liebesbeziehungen in der Matias-Faldbakken-Welt schlichtweg nicht existieren und sie deshalb auch niemand vermisst? Obwohl Faldbakken keinen Hehl daraus macht, dass seine Werke in einem frei erfundenen Wertevakuum spielen, wirken sie beim Lesen wie eine nur um einen winzigen Tick weitergedrehte Version der Realität. Nicht die Texte lassen Rückschlüsse auf unsere Gesellschaft zu – sondern es sind die Reaktionen darauf, die Grund zum Grübeln liefern.

„Technisch gesehen kann eine Frau einen Mann begehren, bevor der Geschlechtsverkehr stattfindet, aber das hat nichts mit dem Begehren zu tun, das man vom männlichen Geschlecht kennt. Kopulation ist für eine Frau nicht dieselbe Lösung wie für einen Mann. Es ist keine Lösung, penetriert zu werden. Es ist keine Lösung, von der Natur so geschaffen zu sein, dass die physischen Grenzen des Körpers überschritten werden müssen, um teilhaben zu können. Der Frau wird die Möglichkeit verwehrt, das wirklich Private zu bewahren, solange sie einen Schlitz zwischen den Beinen hat, in den Männer hineinstoßen, weil sie sowohl mental als auch physisch dazu geschaffen sind.“*

Sein Reagenzglasprinzip ermöglicht es Matias Faldbakken, in „Unfun“ feministische Theorien aus den 70er-Jahren ungehemmt zu verknüpfen mit halbwahren Geschichten über ein skurriles afrikanisches Bergvolk oder die schrittweise Entwicklung eines rassistischen Egoshooters. Und weil das Ganze eh im erflunkerten Niemandsland spielt, kann er seine Protagonisten zwischen Fitnessstudio- und Restaurantbesuch auch noch extrem kluge Lebensweisheiten raushauen lassen, die dann undiskutiert im Raum stehen. Das Interpretieren überlässt er anderen, ums Antwortengeben geht es bei der „Skandinavischen Misanthropie“ nicht. Trotzdem wird Matias Faldbakken bei seinen Lesungen ständig gefragt, welche Lösungen er denn für die vielen Probleme habe, die seine Bücher aufwerfen. Er antwortet ausweichend oder gar nicht. „Es gibt sie einfach nicht, die eine und glasklare Moral von der Geschichte“, verteidigt er sich. Auch das hängt mit seinem Selbstverständnis als Künstler zusammen. „Ich beschreibe meine Kunst oft als den Versuch, durch Eliminierung Neues zu entdecken. Ich versuche herauszufinden, was ich will, indem ich ganz einfach aufzeige, was ich nicht will. Insofern ist meine Arbeit eine Serie aus Neins: das nicht. Das nicht. Das nicht. Das auch nicht. Ich sage nie: ja, das hier! Die Trilogie ist so etwas wie eine Litanei der Negationen. Ich versuche, etwas Unbestimmtes einzukreisen, in dem ich alles drumherum ausschließe.“

Faldbakken geht in seinen Romanen hin und sagt Nein – zu überkommenen Werten, verlogener Moral, komischen Konventionen. Was übrig bleibt, ist ein beiläufig dahingeworfenes Angebot an seine Leser: Wenn du willst, dann nutze dieses anarchische Etwas als Spiegel für deine eigene kaputte Welt. Sei wütend über das, was du siehst. Sei traurig. Sei irritiert. Lache. Heule. Schreie. Fange an, etwas zu verändern. Nur verschone mich, den Autor, mit deinen Gefühlen. Ich will hier nämlich einfach nur in Ruhe ein bisschen Kunst machen.

*Alle Textstellen aus: Matias Faldbakken: „Unfun“, Blumenbar Verlag, 2009

Check-Brief

Name: Matias Faldbakken
Alter: 35
Lebt in: Oslo
Arbeitet als: Bildender Künstler und Autor
Kommt aus: einer Familie voller Künstler: Sein Vater ist Schriftsteller, die Mutter Bildende Künstlerin, der Bruder Regisseur.
Studierte: 1996 und 1997 in Frankfurt am Main und spricht deshalb ein bisschen Deutsch
Vertrat: 2005 Norwegen auf der Biennale in Venedig
Nannte sich: als Autor in Norwegen zunächst Abo Rasul (übersetzt: Vater Arschloch) – um sich von seinem Vater Knut Faldbakken zu distanzieren
Veröffentlichte aktuell: den Roman „Unfun“, nach „The Cocka Hola Company“ und „Macht und Rebell“ der letzte Teil seiner Trilogie namens „Skandinavische Misanthropie“

 

Matias Faldbakken: Ich bin ein Vandale! • Weitere Beiträge

Sziget Festival 2019: Erste Acts bestätigt

Das waren die fünf spannendsten Neuentdeckungen beim Le Guess Who? 2018

Denise Mina

Denise Mina: Schotten halten dicht

Minitopia Projekt öko

Minitopia: Autark ist stark!

Endstation Endstation?

Zurück zu den Wurzeln

Wes’ wunderbare Welt

Weniger ist yeah!

Leseempfehlungen

Denise Mina: Schotten halten dicht

James Baldwin: Böser schwarzer Mann?