Roland Spranger: Oberfränkischer Albtraum

Regionalkrimi mal anders: Roland Sprangers „Tiefenscharf“ ist bitterböser Noir statt der üblichen Provinzposse mit viel Lokalkolorit und einer Prise Mord. Dafür ging’s auch gleich auf die Krimibestenliste im April auf Platz 7.

Eine geladene Ceská-Pistole im Hosenbund verführt schnell mal zu unbedachten Problemlösungen: Max knallt die Bullen bei der Verkehrskontrolle einfach ab. Er will ja nicht mit dem Crystal Meth erwischt werden, das er wieder mal aus Tschechien importiert hat. Max ist eine Art Salesmanager für die Drogenszene der Region – nur laufen die Geschäfte gerade alles andere als cremig. Max muss liefern, denn schon die letzte Fuhre ging blöderweise neben der Autobahn im Schnee verloren, weil seine Nerven blank lagen. Jetzt muss er an die fette Knete rankommen, damit er endlich mit Freundin Kira nach Neuseeland abzwitschern kann. Bloß nicht hier in Oberfranken mit den zugedröhnten Nazikumpels und der debilen Königspython vor der Glotze versauern.

Auch Sascha droht der Boden unter seinen Füßen zu entgleiten. Der freie Videojournalist jobbt für einen Trashsender und muss Körpermatsche nach Autounfällen filmen, damit die Grusel-Quote zur Primetime stimmt. Er betäubt den Frust mit Alkohol, baut einen Crash, verliert Führerschein und Job – alles auf Zero. Ausgerechnet jetzt, da es doch mit Freundin Lydia und der gerade geborene Tochter so richtig mit dem Leben losgehen sollte. Vielleicht kann ihm ja sein Freund Bullen-Björn helfen oder Bloggerin Alina, seine neue Bekanntschaft. Doch als Sascha Wind von dieser Drogensache bekommt und sich die falschen Wege kreuzen, läuft alles erst recht aus dem Ruder …

Die Loser in Roland Sprangers grandiosem Kriminalroman haben längst die Kontrolle über ihr Leben verloren. Sie sind in einer Welt gefangen, die durch ihre eigenen Entscheidungen und Handlungen immer enger werden lassen: Unaufhaltsam steuern sie auf ein tragisches Scheitern zu. Damit steht der sehr filmisch und klischeearm erzählte Noir von Glauser-Preisträger Roland Spranger ganz in der Tradition des sozialkritischen französischen Polars, der ab etwa 1968 das gesellschaftliche Umfeld der Figuren in den Focus holte und dessen herausragender Autor Jean-Patrick Manschette war. Solche unbequeme Erzählungen kann man auch heute noch in Deutschland finden, glaubt der Herausgeber des Polar-Verlags Wolfgang Franßen und startet mit Autoren wie Spranger seine neue Reihe „Deutscher Polar“. Denn in Kriminalliteratur müssen keine Antworten auf Fragen zu Ursache und Schuld gegeben werden. Sie sollte vielmehr erreichen, dass wir wie der Fuchs in Sprangers Roman gar nicht anders können, als gebannt in das Licht des Scheinwerfers zu starren, das in die Dunkelheit leuchtet.

Roland spranger Foto: Hendrik Ertel

 

Roland Spranger „Tiefenscharf“ ist im Polar Verlag erschienen.

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