Der krasseste lebende Songwriter – ist gar keiner?

Sebastian Krämer gewinnt Kabarettpreise, singt Chansons und wird von Comedian Oliver Polak in den Songwriterhimmel gehoben. Da will er zwar nicht hin – aber Hauptsache kein Deutschpop!

uMagazine: Sebastian Krämer, „der krasseste lebende Songwriter“ nannte sie Comedian Oliver Polak, und der muss es wissen, ist er doch Experte für krasse Auftritte. Wie gehen Sie mit dieser Beschreibung um?

Sebastian Krämer: Komplimente machen einen immer verlegen. Man freut sich darüber, aber „Jawoll, so isses!“ kann man auch nicht sagen. Man macht einen Knicks und dankt verschämt. Das Schöne an diesem Kompliment aber ist, dass man ihm anmerkt, dass es von Herzen kommt und nicht aus der eigenen Presseabteilung. Es stimmt schon: Viel mehr als ich ist Oliver Polak selbst auf Krassheit abonniert. Aber wenn man ihn näher kennt, weiß man, dass er auch fürs Leise und Sentimentale eine Ader hat. Es ist sehr anrührend, zu lesen, wie er über Udo Jürgens schreibt. In seinen Augen habe ich da nun gewissermaßen ein Erbe anzutreten. Und das finde ich dann wieder krass, nicht nur, weil ich mich anderen Traditionen weit mehr verpflichtet sehe.

uMagazine: Sie grenzen sich vom Deutschpop ab, der „sich in der Exaltierung von Emotionen gefällt“. Weshalb ist es für Sie persönlich so wichtig, Contenance zu wahren?

Sebastian Krämer: Weil Kunst nichts anderes ist. Und seit ich kein Baby mehr bin, das auf dem Topf sitzt und schreit, versuche ich mich darin, Kunst herzustellen, das heißt: Formen zu erfinden, die an die Stelle unmittelbarer Gefühlsausbrüche treten. Leid, Mühsal, Angst und Trauer in etwas Schönes zu überführen. Aber nicht nur die Emotionen und Gegenstände werden zur Form, man selbst wird es. Rilke nennt diesen Anspruch, „hart sich in die Worte zu verwandeln, wie sich der Steinmetz einer Kathedrale verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut“.

uMagazine: Hoho, Deutschpop als Geschrei eines auf dem Topf sitzenden Babys! Schön. Wie wichtig ist Ihnen die Fallhöhe zwischen Form und Inhalt im Lied?

Sebastian Krämer: „Fallhöhe“ ist ja ein Begriff aus der Humortheorie. Schauen wir uns das Spannungsverhältnis zwischen verschiedenen Ebenen im Lied an, geht es aber um viel mehr als nur um Gags. Anders gesagt: Man kann in unterschiedliche Richtungen fallen. Es gibt eine Stelle in meinem neuen Programm, wo ich in die Runde frage, ob denn auch Zuschauer zugegen seien, die kein Deutsch verstehen (natürlich frage ich das auch auf Englisch), um denen nun, ganz exklusiv, ein fröhliches Lied in Aussicht zu stellen. Denn für alle anderen sei es todtraurig. Das Lied handelt übrigens von einer Mutter, die um ihren toten Sohn trauert. Musikalisch ist es eine flockige Swing-Nummer.

uMagazine: Wohin geht die Reise im neuen Programm? Das Programm „Tüpfelhyänen“ widmete sich noch den Möglichkeiten menschlichen Denkens und Handelns, dann lieferte „Lieder besseres Wissen“ ein Gegenprogramm zu Einsicht und Vernunft.

Sebastian Krämer: Ja, ich wandere so durch die Epochen. Nach Aufklärung und Romantik kommt nun ganz konsequent … nochmal Romantik. Denn einmal Romantik, immer Romantik. Man verfällt ihr, unkündbar. Allerdings handelt es sich diesmal um jene Art, die allgemein auch als Moderne bekannt ist. Romantik plus, wenn man so will, angereichert durch den Aspekt des Absurden.

Ich werde mich mit Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Ernst Barlach, Franz Kafka und Quentin Tarantino – gut, der ist schon postmodern – auseinandersetzen. Stilistisch wird es Ausflüge in die Zwölfton- und in die Salonmusik der 20er geben. Das Metropolis Orchester Berlin, das bei der Premiere am 13. 10. mitspielt und auch dem Album ein Klanggewand verleihen soll, ist hierfür genau die richtige Truppe. Ein wichtiges inhaltliches Motiv ist dabei der Fatalismus, das süße Gefühl der Machtlosigkeit, das uns mit jener Epoche verbindet. Natürlich habe ich in meinen Liedern versucht, dafür heutige Bilder zu finden. Ein Beispiel: Wenn Sie unter einem prachtvollen Sternenhimmel stehen, dann gibt es ein entscheidendes Kriterium, um herauszufinden, ob Sie direkt mit den Urgewalten des Kosmos verbunden sind oder im Planetarium: das weiß-grüne Notausgangsschild. Wenn es fehlt, dann ist es die echte Welt.

Interview: Jürgen Wittner

Checkbrief
Name Sebastian Krämer
Geboren 1975 in Bad Oeynhausen

Studium Musikwissenschaft (abgebrochen)

Ausbildung Friedberger Akademie für Musik und Dichtung SAGO (Christof Stählin)

Berufe Chansonnier/Liedermacher, Kabarettist (fraglich), Künstlerischer Leiter des Zebrano-Theaters Berlin

Erste abendfüllende Kabarettprogramme im Theatercafé Freiburg (1992–1995)

Umzug nach Berlin 1996

Auszeichnungen Förderpreis „Jugend kulturell“ in der Sparte Kabarett (1994), Deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister (2001 und 2003), Sieger in der Sparte Chanson des Bundeswettbewerbs Gesang (2003), Deutscher Kleinkunstpreis (2009), Deutscher Kabarettpreis (2012), Deutscher Musikautorenpreis (2017)

Regelmäßig in Berlin:

Sebastian Krämers Club Genie und Wahnsinn jeden 1. So. im Monat

Die Dienstagspropheten jeden 2. Di. im Monat

Die nächsten Termine mit dem neuen Programm „Im Glanz der Vergeblichkeit“: ab 18. 1.

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