„Voll verschleiert“: Rassismus zum Wohlfühlen

Französische Komödien sind noch immer sehr erfolgreich – oftmals mit menschenverachtenden Schenkelklopfern und ethnischen Stereotypen.

„Solange ihr euer Land nicht einzäunt, kommen wir wieder, auch ohne Papiere!“, feixt ein Schwarzer hämisch aus dem Fenster des Fahrzeugs, das ihn zu seiner Abschiebung bringen soll. Das ist kein Pegida-Propagandavideo, sondern die Schlusspointe der französischen Komödie „Alles unter Kontrolle!“ – ein Buddyfilm, in der auch Folter irgendwie komisch ist, wenn Grenzpolizist José den afghanischen Geflüchteten Karzaoui über Nacht an eine Heizung fesselt und ihn mit einem Stück Seife knebelt. Am nächsten Morgen kommen Blubberblasen aus seinem Mund. Darüber wird man ja wohl noch mal lachen dürfen!

Seit dem Millionenerfolg von „Monsieur Claude und seine Töchter“ bringt Regisseur Philippe de Chauveron regelmäßig Komödien über Migration und Multikulturalismus ins (Arthouse-)Kino, und er ist nicht der einzige. Die iranischstämmige Cutterin Sou Abadi etwa rechnet in ihrem Regiedebüt „Voll verschleiert“ mit dem fundamentalistischen Islam und seinem Männlichkeitsbild ab: Der Franzose Armand verkleidet sich im ersten Film von Sou Abadi mit einem Niqab, um seine Freundin Leila treffen zu können, die von ihrem radikalislamischen Bruder Mahmoud unterjocht wird. Dass die Regisseurin mit der Travestiekomödie das wohl antiquierteste Genre überhaupt wieder ausgräbt – geschenkt. Schwerer wiegt da schon, dass Sou Abadi trotz ihres diskutablen Anliegens vor allem populistische Reflexe bedient und den Islam grundsätzlich als regressiv und männlich ausweist.

Spätestens mit „Monsieur Claude und seine Töchter“, der Rassismus auf perfide Art und Weise relativierte, begann die schrittweise Normalisierung rechtsgerichteten Gedankenguts unter dem Deckmantel leichter Bespaßung, auffallend oft mit Christian Clavier in der Hauptrolle. So spielte Clavier in „Nur eine Stunde Ruhe“ einen Jazzliebhaber, der endlich seine neue Schallplatte hören will, doch ständig funkt ihm jemand dazwischen – neben hysterischen Frauen vor allem eine Flüchtlingsfamilie („Wie in der Dritten Welt ist das hier!“) und der nichtsnutzige ausländische Handwerker („Ich nix verstehen, ich arbeiten!“). Das Schlimmste: Das hier ist nicht die Bloßstellung eines Wohlstandsegomanen – Clavier ist die Identifikationsfigur.

In „Hereinspaziert!“ wiederum nimmt ein linksliberaler Autor (Clavier) auf den Druck der Öffentlichkeit hin eine zehnköpfige Roma-Familie bei sich auf. Am Ende bricht Regisseur de Chauveron zwar pflichtschuldig eine Annäherung übers Knie, bis dahin aber zeichnet er das karikatureske Bild einer unzivilisierten, dreckigen Schmarotzer-Sippe. „Rassistisch!“, urteilte nicht nur der Zentralrat der Sinti und Roma – es scheint, als wäre der Blick seit dem sichtbaren Erstarken des Front National wacher geworden. Zwar verlor Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl, dennoch erzielte die Rechtsaußen-Partei mit 11 Millionen Wählern ein historisches Ergebnis. Natürlich sind dafür nicht französische Komödien verantwortlich, aber in keinem anderen Genre lässt sich der Rechtsruck so genau nachvollziehen. Lachen baut Hemmungen ab – und potenzielle Rechtswähler dürften sich besonders amüsieren über parasitäre Roma-Familien und verwitzelte Selbstmordversuche in der Abschiebehaft. 2018 kommt der zweite Teil von „Monsieur Claude“ ins Kino, und in „Heirate mich, Alter“ (ab April) gibt sich ein Geflüchteter als schwul aus, um in Frankreich bleiben zu dürfen. Wir ahnen Böses.

Text: Siegfried Bendix

„Voll verschleiert“ läuft seit dem 28. 12. im Kino

„Hereinspaziert!“ ist ab 26. 1. auf DVD erhältlich

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