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Sarah Kuttner: Das zweite Gesicht

Mit ihrem überzeugenden Debütroman „Mängelexemplar“ etabliert sich Sarah Kuttner endgültig als Multitalent. Aber natürlich gibt es doch eine Sache, bei der selbst sie sich hässlich, doof und unbegabt fühlt.

Carsten Schrader: Sarah, du hast dich immer dagegen gewehrt, eine Identifikationsfigur zu sein. Jetzt hast du mit „Mängelexemplar“ deinen ersten Roman geschrieben, in dem es um eine junge Frau geht, die nach Jobverlust und Trennung depressiv wird und eine Therapie macht. Dir liegt ein Thema am Herzen, du schreibst ein Buch darüber und kannst darauf vertrauen, dass sich viele Leute mit dem Thema auseinandersetzen werden …

Sarah Kuttner: Ich wollte niemandem etwas sagen. Ich habe einfach dieses Buch geschrieben und dabei nicht über eine mögliche Botschaft nachgedacht. Was vielleicht hängen bleibt ist natürlich: Macht was, lasst euch helfen, wenn ihr Hilfe braucht! Aber das war nicht der Ausgangspunkt, sondern das ist dann das, was übrig bleibt.

Carsten Schrader: Du musst damit rechnen, dass viele das Buch als autobiografischen Roman lesen.

Sarah Kuttner: Als meine MTV-Sendung vorbei war, haben mich die Leute immer wieder auf meine Arbeitslosigkeit angesprochen und gefragt, ob es mir damit schlecht geht. Auch jetzt ziehen Viele Vergleiche zwischen meiner Romanheldin Karo und mir: Wir sind angeblich beide arbeitslos geworden und in ein Loch gefallen. Aber ich war weder arbeitslos noch bin ich in ein Loch gefallen. Ich hatte nach MTV nahtlos sehr viel zu tun. Ich habe einen Film synchronisiert, Hörbücher eingelesen, an neuen Sendungen gearbeitet und bin auf Lesetour gegangen.

Carsten Schrader: Wie bist du dann zu dem Therapiethema gekommen?

Sarah Kuttner: Ich habe in den letzten Jahren einfach viel Zeit mit Menschen verbracht, denen es genauso ging wie Karo. Mir wurde plötzlich bewusst, dass mein Umfeld zwar aus lauter coolen, schlauen und normalen Menschen besteht, die aber zu einem gewissen Zeitpunkt ihres Lebens mit einem psychischen Problem zu kämpfen hatten. Das sind ja keine verrückten Leute. Es kann jeden treffen, und es dauert auch nicht für immer. Ich selbst hatte vor mehreren Jahren auch mal für eine kurze Zeit Panikanfälle. Allein in diesen relativ kurzen Momenten merkte ich, wie schlimm das ist. Ich habe mir gedacht: Wie beschissen muss es sein, wenn du eine dauerhafte Angststörung hast und dann auch noch eine Depression dazukommt? Ich habe Freundinnen bei mir Zuhause beherbergt, die überhaupt nicht mehr klarkamen. Das ist schon wie im Krieg sein. Mit denen redet man ja, und mit denen bin ich auch beim Therapeuten gewesen. Ich habe also nicht out of the blue geschrieben.

Carsten Schrader: Aber wenn wir alle Leute in unserem Freundeskreis haben, die eine Therapie machen, dann muss man doch nicht mehr für größere Akzeptanz kämpfen und vermitteln, dass Depressionen eine Krankheit sind wie jede andere auch.

Sarah Kuttner: Das möchte man meinen! Aber dann sitze ich mit einer Freundin, der es scheiße geht, beim Psychiater und merke, wie unangenehm mir das ist. Ich hatte Angst, die Leute könnten denken, ich wäre verrückt, und ich habe alles getan, um zu zeigen, dass ich nur Begleitung bin. In diesem Moment fand ich mich selbst zum Kotzen! So aufgeklärt wir auch alle sind, keiner stellt sich ohne Probleme irgendwo da draußen hin und sagt: „Übrigens, ich gehe zur Therapie, ich bin depressiv!“

Carsten Schrader: Brechen die guten, aufrichtigen Gespräche mit den besten Freunden nach und nach weg? Oder wie erklärst du dir den Therapieboom der letzten Jahre?

Sarah Kuttner: Vielleicht haben sich auch die Probleme verändert. Ich kann mir schon vorstellen, dass es die Leute überfordert, so viele Möglichkeiten zu haben. Man trifft ja heute häufig auf eine Art Lähmung. An einen direkten Zusammenhang mit den Freunden glaube ich dabei allerdings nicht. Depression ist eine Krankheit, da helfen Gespräche mit Freunden nicht mehr. Ein Therapeut hilft dir, diese Krankheit zu therapieren. Mit Freunden ist das eher eine Befindlichkeitsgeschichte. Man will sich aufgehoben fühlen. Und meistens geht es dabei auch gar nicht darum, was sie sagen, sondern nur darum, dass jemand da ist, der zuhört.

Carsten Schrader: Die Unterscheidung ist oft schwer: Geht es mir auf relativ normalem Level schlecht, oder habe ich bereits eine Depression?

Sarah Kuttner: Als ich 18 war, hat mir meine Hausärztin angeboten, mich für eine Woche krank zu schreiben, weil ich schlimmen Liebeskummer hatte. Obwohl es mir damals richtig schlecht ging, habe ich abgelehnt, aber ich finde die Haltung meiner Ärztin auch heute noch ganz zauberhaft. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Liebeskummer die schlimmste seelische Belastung ist, die man, abgesehen von dem Tod eines sehr nah stehenden Menschen, haben kann. Insofern bin ich Fan davon, auch Liebeskummer nicht zu bagatellisieren. So schwierig die Unterscheidung vielleicht manchmal ist, ich glaube schon, dass man das merkt. Wenn du Liebeskummer hast, dann weißt du, warum du traurig bist, und du wirst auch immer dann traurig, wenn du daran denkst. Wenn du aber ohne Grund immer wieder traurig bist und dadurch richtig stark beeinträchtigt wirst, dann weißt du, dass mit dir irgendwas nicht stimmt.

 

„Ich bin sehr viel konservativer und fast im negativen Sinne massentauglicher als Charlotte Roche.“

 

Carsten Schrader: Schon als ihr beide noch bei Viva wart, musstest du dir oft den Vorwurf anhören, du würdest Charlotte Roche kopieren. Wenn du jetzt ein Jahr nach dem sensationellen Erfolg von „Feuchtgebiete“ deinen ersten Roman veröffentlichst, werden die Stimmen vermutlich nicht gerade leiser.

Sarah Kuttner: Wahrscheinlich, aber es stört mich auch gar nicht so sehr, weil ich sie ja total gut leiden kann. So viele Parallelen gibt es im Endeffekt auch gar nicht: Wir sind gleichaltrig, und nach außen hin sind wir beide aus diesem Wust von Moderatorinnen herausgestochen. Aber ich habe eine ganz andere Sendung gemacht als sie. Und jetzt habe ich ein Jahr nach ihr einen Roman veröffentlicht. Das ist dann also die Parallele: Fernsehmoderatorinnen, die schreiben. Dann gehören aber auch Andrea Kiewel und Giulia Siegel zu dem Club.

Carsten Schrader: Moderatorinnen wie Andrea Kiewel und Giulia Siegel sind die Antithese zu dir und Charlotte.

Sarah Kuttner: Aber untereinander sind wir wiederum auch sehr unterschiedlich. Ich bin sehr viel konservativer und fast im negativen Sinne massentauglicher als Charlotte. Ich passe viel besser in Sachen rein und mache auch Projekte, die Charlotte vermutlich nicht machen würde. Aber gut, wenn man natürlich die restlichen 80 Millionen Deutschen dazunimmt, dann könnte man vermutlich sagen, dass wir sehr nah beieinander stehen. Dann sehe ich das auch als Kompliment, denn Charlotte ist ja schon ein toller Typ, und ich möchte natürlich lieber in dieser Richtung verortet werden als dass alle sagen: Sonya Kraus und Sarah Kuttner, das ist ja ein Typ Frau! Zudem sind die Bücher von Charlotte und mir auf angenehme Art so was von überhaupt nicht miteinander zu vergleichen, dass ich mir keine Sorgen mache. Wenn Charlotte ein ähnliches Thema gehabt hätte, dann wäre es mir selber so vorgekommen, als sei ich auf einen Zug aufgesprungen.

Carsten Schrader: Hat Sarah Kuttner eigentlich auch mal Selbstzweifel?

Sarah Kuttner: Beim Buch total! Mein Vater hat mir immer wieder gesagt, ich solle doch mal schreiben, und jedes Mal habe ich patzig geantwortet: „Mach doch selbst, ich weiß nicht, wie man das macht!“ Und dann saß ich eines Tages mit meinem Freund im Auto, und wir redeten darüber, dass ein Freund von ihm gerade ein Buch schreibt. Plötzlich war ich total neidisch, und mir fiel auch gleich der erste Satz ein: „Eine Depression ist ein fucking Event!“ Dieser Satz stammt tatsächlich von einem richtigen Psychiater. Später habe ich meinen Freund ins Bett gelegt und zugedeckt und dann habe ich mich bei ihm Zuhause aufs Sofa gesetzt und noch an diesem Abend die ersten vier Seiten geschrieben. Insofern bin ich da reingezischt, wie man aus Versehen in Kacke tritt. Wichtig war auch, dass ich keinen Druck hatte. Kaum jemand wusste, dass ich einen Roman versuche, schon gar nicht mein Verlag, ich hätte jederzeit alles hinschmeißen können.

Carsten Schrader: Aber als du dann erst mal angefangen hattest, warst du gleich von dir überzeugt?

Sarah Kuttner: Nicht immer. Ich hatte immer Angst, dass das Ganze vielleicht nicht gut ist, weil es mich nicht übermäßig angestrengt hat. Ich habe zweieinhalb Monate geschrieben, als ich mein Thema hatte, ging es plötzlich irrsinnig schnell und floss nur so raus. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, also sollte ich vielleicht lernen, dass Sachen nicht immer anstrengend erarbeitet sein müssen, damit sie gut sind.

Carsten Schrader: Gibt es denn auch Sachen, vor denen du total Angst hast und die du niemals machen würdest? Schauspielern vielleicht?

Sarah Kuttner: Lustig, dass du gerade dieses Beispiel nennst, denn vorm Schauspielern habe ich richtig Angst. Ich habe Angst, weil ich das nicht kann. Vor einiger Zeit habe ich für „Lulu und Jimi“ mein erstes Casting hinter mich gebracht. Oskar Röhler rief an und musste mich dann bei einem Kaffee regelrecht zum Casting überreden. Es war das Schlimmste, was mir je passiert ist. Ich fand es so schlimm, jemand anders und nicht der Regisseur zu sein, dass ich fast geweint hätte. Mir fiel es so schwer, einen Text zu vermitteln, der nicht aus meinem Sprachduktus kommt. Schon in der Nacht davor hatte ich richtig beschissen geschlafen, während des Castings merkte ich, dass ich vermutlich die schlechteste Schauspielerin der Welt bin, und hinterher fühlte ich mich hässlich, doof, untalentiert. Ich werde nie lässig genug sein, um das zu können. Und eigentlich ist das schade, weil es bestimmt großen Spaß macht.

 

Check-Brief

Name Sarah Kuttner

Berufe Moderatorin, Autorin, Kolumnistin

Alter 30

Faneinschätzung Alleskönnerin

Selbsteinschätzung Faulpelz

Bester Grund, warum sie keine Identifikationsperson sein will Mag das Rauchen nicht aufgeben, nur um jungen Menschen ein Vorbild zu sein

Aktuelles Buch „Mängelexemplar“

 

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