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Sebastian Schipper, ein absoluter Gigant

Sebastian Schipper macht Filme über Menschen, die ihren Platz im Leben suchen. Jetzt spielt er im neuen Tykwer-Film eine Hauptrolle. Und sucht seinen Platz im Leben.

Wenn man mit Sebastian Schipper spricht, muss man auf der Hut sein: Der Regisseur der Kumpel-Klassiker „Absolute Giganten“ und „Ein Freund von mir“ redet gerne und viel und schweift nur allzu gerne ab. Zurzeit redet Schipper viel über sein Debüt als Hauptdarsteller in Tom Tykwers neuem Film. Mal vor, mal hinter der Kamera: Ist sie das, die Unentschlossenheit, die uns heutzutage alle umtreibt, die Freiheit, alles ausprobieren zu können, dürfen, müssen? Schipper, dessen Outfit aus Stoffhose, grauem Pullover und braunen Halbschuhen von seinem Panzerarmband und seinem schiefen Grinsen konterkariert wird, wirft seine Teetasse fast zurück auf die Untertasse und schlägt die Hände vors Gesicht.

Vor kurzem hätte er diese Frage noch so zurückgewiesen: „You gotta be kiddin’! Wann hab’ ich denn meinen letzten Film als Schauspieler gemacht? Ich bin Filmemacher und Schluss!“ Aber seit der Hauptrolle in „Drei“ muss er das revidieren, ja, sogar zugeben, dass ihm das Spielen das erste Mal Spaß gemacht hat, dass er vorher nur einen Monolog aus der Schauspielschule gemocht und sonst vor der Kamera immer gelitten hat. Die Rolle in „Drei“ entsprang weniger der Unentschlossenheit als der Verlockung, „was Großes mit Tykwer zu drehen“. Und aus ganz banalen finanziellen Gründen: „Ich war in Not“, erklärt Schipper. „Vom Regie führen alleine kann man nicht leben. Da muss man schon ziemlich dicke oder zahlreiche Dinger wegkloppen.“ Schipper selber hat in zwölf Jahren gerade einmal drei Filme weggekloppt, zuletzt 2008 die Beziehungsballade „Mitte Ende August“ mit Marie Bäumer. Da hält man sich dann auch mal mit Werbespots für Elektrogroßmärkte über Wasser. Auch, wenn der Hauptdarsteller Mario Barth heißt.

Und – zack! – einmal nicht aufgepasst, ist es passiert. Schipper kurvt im Gespräch zum Themenfeld Kumpels (das auch nicht das eigentliche Thema war) und beginnt einen fünfminütigen Exkurs zum Grundproblem der Linken als solche (immer nur gegen etwas sein, nie für etwas), zu seinem Lieblingsclub SV Werder (er ist in Oldenburg aufgewachsen), dem ewigen Scheitern des HSV und unfreiwillig komischen Fußballersprüchen. Schipper bewegt sich dabei auf der lederbezogenen Bank wie ein Einwechselspieler, der unbedingt aufs Feld will. Er ist ein verbaler Dribbler: Er nimmt die jede Frage wie einen Ball auf und fummelt, wuselt und wirbelt sich quer über den Platz, bis er merkt, dass es da ja auch noch ein Tor gibt, in das er den Ball schießen könnte. Würde man mit ihm jetzt ein Bier öffnen, man käme vor einer halben Kiste nicht nach Hause. Wäre Schipper ein Fußballer, er wäre eher Robbben als Schweinsteiger; einer, der verrückte Dinge macht, dem man aber Freiheiten zugesteht, weil man weiß: Er hat doch immer irgendwann eine geniale Idee. Manchmal muss man ihn dennoch umgrätschen und ihm den Verbalball abnehmen.

Also zurück zum Thema. In „Drei“ stößt ein kinderloses Paar um die 40 nach einer langjährigen Beziehung fast alles um, als sich beide in denselben Mann verlieben. Was verführt uns eigentlich dazu, das ganze Leben wichtige Entscheidungen – Kinder? Ehe? Neuer Job? Neue Stadt? Neues Ich? Oder gar nichts davon? – gerne auf die lange Bank zu schieben? Schipper zieht eine Grimasse. „Die beste Antwort, die ich geben kann, ist: keine Ahnung. Die nächstbeste, die mir einfällt, ist: Wir werden immer älter. Ich glaube, es war lange angesagt, nicht alt zu werden, seit den 60ern, wahrscheinlich sogar seit dem Nationalsozialismus. Alt werden war Verrat an den Idealen, denn dann ist man Fascho wie sein Vater. Auch unsere Väter und Mütter sind ja schon nicht mehr wie Väter und Mütter, sie wollen auch gerne Kumpels und Vertraute sein. Keiner will erwachsen werden, jeder zögert das so lange wie möglich hinaus – und geht das commitment, die Zusage, das Unumstößliche so spät wie möglich ein.“ Schippers norddeutscher Akzent dehnt ein Wort hinüber zum nächsten. Eine Frage aus dem Jetzt streckt er innerhalb eines Gedankenganges problemlos zu den 68ern und dem Dritten Reich und wieder zurück.

Gegentheorie: Es ist nicht der Faschopapa, es ist die vermaledeite Freiheit, die man ohne Ehe, Nachwuchs und Hypotheken genießt; die 500 Sorten Dosensuppe im Leben, die man alle probieren müsste, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, welche man essen will. Schipper schüttelt den Kopf mit den grau melierten, immer noch dunklen Haaren und dem Dreitagebart. „Die Antwort liegt nicht in der Suppe. Es geht nicht um das richtige Shoppen.“ Und ab geht die Schippersche Assoziationsmaschine: „Eigentlich sind wir heute alle Selbstbekümmerer. Wir kaufen uns die richtigen Sachen, es ist uns wichtig, dass wir das jetzt auch auf Vinyl haben“, er sagt das mit betont nasaler Etepetete-Stimme, „und wir wollen natürlich wissen, ob der Tee im Café im Beutel ist oder frisch. Und ich spreche nicht über Fremde, ich rede über mich. Ich bin so. Ich konnte zum Beispiel gerade noch einem neuen Handy widerstehen. Was sich genau dahinter verbirgt, weiß ich auch nicht, vielleicht bin ich einfach zu eitel, um bei meiner Eitelkeit erwischt zu werden. Was ich eigentlich brauche, ist, dass genau die richtige Vinylplatte auf dem richtigen Plattenspieler zur richtigen Zeit mit dem richtigen Tee dazu läuft. Ich ertappe mich ganz oft dabei.“ Schipper trinkt einen Schluck Tee, er hatte beim Bestellen den Kellner gefragt: Beutel oder frisch?, und lächelt über den Tisch. Sein Blick ist erfüllt von kindlicher Begeisterung. „Ich habe regelmäßig meine Freundinnen wahnsinnig gemacht, weil ich im Urlaub immer auch noch den nächsten Strand erkunden wollte. Ich denke oft, wenn alles richtig ist, dann geht’s mir gut. Aber es ist umgekehrt: Wenn es mir gut geht, ist mir alles egal, also ist alles richtig.“

Blutgrätsche: Woher weiß man denn, wann was richtig ist, welche Abzweigungen empfehlenswert, welche Abkürzungen unratsam sind? In jedem von Schippers Filmen mussten oder wollten die Figuren ihre bisherigen Lebensentwürfe, in denen sie sich eingerichtet hatten, umwerfen und suchten auf ein Neues ihren Platz im Leben. Schipper freut sich ehrlich, wenn man seine Filme durchschaut, und verändert zum x-ten Mal
seine Sitzposition. Er findet Wegmarkierungen im Leben vor allem bei Beziehungen mit Freunden oder Frauen. „Ich mag den Begriff perfekt überhaupt nicht, ich mag den Begriff komplett. Perfekt schließt das Ereignis aus. Das ist wie eine Urlaubsreise, bei der alles so funktioniert, wie ich’s mir zuhause am Tisch ausgedacht habe. Das ist das Schlimmste und Lebloseste, was passieren kann. Der Moment, in dem ich damals mit meinem verdammten VW-Bus steckengeblieben bin, war ein verdammter Scheißmoment. Aber drei Stunden später, nachdem vierzehn betrunkene portugiesische Fußballfans mich und meine Freundin aus dem Sand geschoben hatten, war es einer der großartigsten Momente des ganzen Urlaubs. Komplett heißt: Alles kommt vor, was in einem drin ist. Und die Beziehungen zu Freunden und Frauen, die am tollsten waren, waren die, wo am meisten von mir vorkommen konnte. Wo ich keine Sorge hatte, meinen Schmerz, meine Verwirrung und meine Schwächen zuzugeben, und wo der Schwachsinn und das Alberne und das nicht Anspruchsvolle auch Platz hatten.“

Wenn man Sebastian Schipper zuhört, muss man Geduld haben; die Puzzleteile seiner Sätze setzen sich am Schluss meist zu einem sinnfälligen Bild zusammen. Komplett leben – lebt man so richtig? Schipper setzt sich in ironische Denkerhaltung: „Ich weiß es nicht, logischerweise. Aber ich weiß eine Sache, die wichtig ist. Das ist die Ebene me, myself und I. Auf Deutsch: Wenn man sich im Spiegel in die Augen guckt. Sich dann nicht zu bescheißen und nicht anzufangen, sich selber was zu erzählen, weil man denkt, das müsste jetzt so sein. Ein paar Leute im Leben zu haben, wo man das nicht muss, das ist ganz wichtig. Je älter man wird und je mehr verfickten Ballast man mit sich rumträgt an Wut und Kränkungen und Enttäuschungen, desto wichtiger ist es, seinen verfickten Scheißkeller aufzuräumen.“ Wie bei den meisten offenen, extrovertierten Menschen braucht es auch beim Filmregisseur Sebastian Schipper drastisches Vokabular, um drastisch wichtige Dinge ausdrücken. „Leuten vergeben, sich selber vergeben. Ich habe vorhin noch einem alten Freund, mit dem ich wegen ,Ein Freund von mir’ zehn Monate im Schneiderraum saß, was unsere Freundschaft nicht ausgehalten hat, eine Nachricht auf Facebook geschrieben, mit den Schlussworten: ,Wanna be Friends?’ Man muss vor so was viel weniger Angst haben, als man denkt.“

Vor was hat Sebastian Schipper wohl Angst? Jedenfalls nicht davor, seine Filme erkennbar seinen persönlichen Erlebniswelten anzupassen. Es spielen oft Männer die Hauptrolle, die immer Jungs bleiben wollen. Coole Autos kommen vor, Männerfreundschaften, die von äußeren Einflüssen, seien es Frauen oder unerfüllte Sehnsüchte, getestet werden, eine generelle Wehmut und die Erkenntnis, dass man im im Strom des Lebens auch gut vorankommt, wenn man sich über weite Strecken treiben lässt. Schipper bestellt noch einen Tee und stimmt zu, das sei zwar inhaltlich nicht gerade autobiografisch, aber in der emotionalen Welt schon. Sein nächster Film wird unpersönlicher und doch noch persönlicher: Er hat gerade einen Paranoiathriller zu Ende geschrieben, der im Wesentlichen auf zwei wiederkehrenden Albträumen beruht, die er als Kind und Jugendlicher hatte. Anders als persönlich ginge es auch gar nicht. „Man kann sich nicht komplett etwas ausdenken. Das ist, als würde man sich eineinhalb Stunden mit jemandem unterhalten, ohne etwas Persönliches zu sagen, nur Sachen, die man für farbenfroh hält. Das ist ja Horror. Was soll denn das für ein Typ sein?“, fragt er erregt.

Und bricht einfach mal aus in einen enthusiastischen Monolog darüber, worum es beim Fußball wie im Leben wirklich geht: „Dass sich elf Mann wie einer bewegen. Und je besser sie das tun, desto mehr Erfolg haben sie. Für jeden, der rausrennt und etwas Großes im Leben erreichen will, wird es immer interessant sein zu wissen, wie die anderen das denn machen. Man sagt ja schon als kleiner Junge: ,Ey, hör mal auf zu fummeln! Gib mal ab!’“
Sebastian Schipper fummelt dann noch ein bisschen rum (Fußball ist Moral, Fußballer sind Fatalisten, Louis van Gaal ist empfindlich, und weil die Bayernfans glauben, sie müssten nicht so viel Schmerz wie die Fans anderer Vereine ertragen, freuen sich alle, wenn die Bayern einen reingewürgt kriegen). Er behält den Ball, bis er das Café verlässt und chippt ihn mit einem freundlich-knappen „Na, dann, in diesem Sinne!“ rüber. In welchem Sinne nochmal? Ach ja, es ging um Werder Bremen …

Check-Brief
NAME: Sebastian Schipper
BERUF: Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler
ALTER: 42
WOHNORT: Berlin
GEBURTSORT: Hannover
FILME ALS DARSTELLER: „Kleine Haie“, „Der englische Patient“, „Der Krieger und die Kaiserin“ (Auswahl)
FILME ALS REGISSEUR: „Absolute Giganten“ (1999, Deutscher Filmpreis in Silber), „Ein Freund von mir“ (2006), „Mitte Ende August“ (2008)
NEUER FILM (ALS SCHAUSPIELER): „Drei“ von Tom Tykwer, Kinostart 23. Dezember
NEUER FILM (ALS REGISSEUR): ein Paranoiathriller, Drehbuch gerade beendet

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