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Tilman Rammstedt, der Lügenbaron

Tilman Rammstedt hat sich den Bachmannpreis erschwindelt – mit einer gefälschten Reisegeschichte. Seine Rechtfertigung: Um miteinander leben zu können, brauchen wir die Lüge.

Carsten Schrader: Tilman, müssen Autoren besonders gute Lügner sein?

Tilman Rammstedt: Das hat ja schon Aristoteles gesagt: Alle Dichter sind Lügner, und alle Fiktion ist eine Lüge. Wenn man das unterschreibt, kann man natürlich sagen: Je besser ein Schriftsteller ist, ein umso besserer Lügner ist er auch. Ich würde bei Fiktion aber nicht von Lügen sprechen, schließlich gilt ja der Konsens, dass eine Geschichte erzählt und dabei der Wahrheitsgehalt vergessen wird.

Carsten Schrader: Aber lügst du nicht, wenn du mit „Der Kaiser von China“ einen Roman über eine Chinareise schreibst, selbst aber noch nie in dem Land gewesen bist?

Tilman Rammstedt: Ganz und gar nicht. In dem Buch habe ich mich ja doppelt abgesichert. Mein Erzähler täuscht eine Chinareise vor, er erfindet einen Reisebericht. Ich hätte diese Erzählerfigur nicht haben können, wenn ich selbst schon einmal in China gewesen wäre. Der Roman ist ja ein Spiel mit ausgedachtem und angelesenem Wissen. Wäre ich selbst mal dort gewesen, dann wären da vermutlich Eindrücke gewesen, gegen die ich mich nicht hätte wehren können. Außerdem gebe ich ja auch offen zu, dass ich China nicht kenne. Also: Der Erzähler lügt, der Autor nicht.

Carsten Schrader: Was hat dich daran gereizt, über einen Lügner zu schreiben?

Tilman Rammstedt: Ich finde Lügengeschichten extrem unterhaltsam, und sie bieten einen guten Erzählanlass: Es ist eine Not da, weswegen man glaubt, eine Lüge erfinden zu müssen. Außerdem ergibt sich ein unglaublich dynamisches Element. Wenn man behauptet, die Wahrheit abzubilden, kann man sie mit allen Unerklärlichkeiten stehenlassen. Bei der Lüge ist man aber viel pedantischer, andauernd muss geglättet werden.

Carsten Schrader: Brauchen wir Lügen, um überleben zu können?

Tilman Rammstedt: Wir brauchen Lügen wohl nicht so dringend wie Luft, Wasser, Kleidung, Essen und vielleicht noch drei oder vier andere Dinge. Ich glaube aber, dass Lügen als Gesellschaftsstütze immens wichtig sind. Wir brauchen die Lüge, um miteinander leben zu können.

Carsten Schrader: Das konkurriert mit der Erkenntnis, dass die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt.

Tilman Rammstedt: Auch wenn diese postmoderne und subjektivistische Prämisse in vielen Bereichen etwas sehr Reinigendes mit sich bringt, halte ich sie in voller Konsequenz für gefährlich. Natürlich wurde dadurch das kritische Bewusstsein gestärkt, nicht jede scheinbare Wahrheit als Wahrheit anzunehmen. Aber man kommt sehr schnell in Teufels Küche, wenn man sagt: Die Wahrheit ist, dass jeder seine eigene Wahrheit hat. Die Konsequenz darf nicht sein, dass alles erlaubt ist und alles behauptet und getan werden darf. Das sind weder gute noch folgerichtige Konsequenzen. Man braucht etwas, woran man sich festhalten kann.

Carsten Schrader: Ist nicht das größere Problem, dass wir in unserem Alltag zu oft vergessen, dass es keine objektive Wahrheit gibt?

Tilman Rammstedt: Natürlich glauben wir viel zu oft, was wir in der Zeitung lesen, was wir im Internet sehen und was wir im Fernsehen oder auf der Straße hören. Vielleicht ist das ein über Jahrhunderte eingebläuter Reflex, dass man erst mal naiv ist und glaubt. Es ist immer nötig, alles zu hinterfragen, und dazu ist jegliches kritische Handwerkszeug wichtig. Aber wenn man dieses Handwerkszeug an nichts mehr festmachen kann, wenn das auch noch herumschwirrt, dann ist es auch kein Handwerkszeug mehr. Dann hat man nur noch Schulterzucken.

Carsten Schrader: Erklärt diese Wahrheitsskepsis den starken Zulauf, den die Religionen in den letzten Jahren verzeichnen konnten?

Tilman Rammstedt: Religion war früher vor allem dafür da, unerklärliche Dinge zu erklären. Sie sollte Erkenntnis liefern und Bedrohung nehmen, indem behauptet wurde, dass hinter allem ein Gott steht. Heute ist sie eher dafür da, das Unerklärliche selbst zu sein. Man möchte endlich mal wieder nicht verstehen, was passiert. Deswegen wird auch nur noch selten ein Gottesbeweis versucht, was ja früher sehr en vogue war. Man will das nicht mehr hinterfragen, weil man ja schon alles andere hinterfragen muss und hinterfragen soll. Das ist wohl das Attraktive an Religiosität heute.

Carsten Schrader: Auf der Suche nach etwas, an dem wir uns festhalten können, landen wir aber trotzdem bei christlichen Werten und Moral.

Tilman Rammstedt: Ein Wert wird aber nicht nur durch eine Wahrheit konstituiert. Man kann nicht sagen: Du sollst nicht stehlen, weil man das nicht tut. Oder: Du sollst nicht stehlen, weil du dann in die Hölle kommst. Das ist ein sehr einfaches Beispiel, das man meiner Meinung nach aber auf alle Werte beziehen kann. Werte sind jetzt als das ausgegeben, was sie eigentlich schon immer waren, nämlich pragmatische soziale Übereinkünfte. Das ist ja ein anderer Wahrheitsbegriff: Hier wird nicht die unauslöschbare Wahrheit behauptet, sondern es geht darum, dass das Zusammenleben so am besten und nur so funktioniert.

Carsten Schrader: Gegen eine andere weitgehend anerkannte Setzung gehst du an: Du sollst nicht lügen. Du arbeitet ja quasi für eine Imageaufbesserung des Lügens.

Tilman Rammstedt: Da muss man unterscheiden. Ich glaube schon, dass es in den allermeisten Situationen sehr gut ist, nicht zu lügen. Aber natürlich gibt es auch Lügen, die die Gemeinschaft stärken. Das sind etwa die zwischenmenschlich stärkenden Lügen: In Freundschaften und vor allem in Liebesbeziehungen ist es sehr wichtig zu lügen. Komplimente sind ja häufig Lügen. Und dann gibt es da noch große Lügen, die etwas vollbringen, was die Wahrheit nicht vollbringen kann: Dank ihrer kann man mit einer Sache abschließen. Genauso wie es beim Verlieben um verzerrte und verlogene Bilder geht, kommt man bei einer unerwiderten Liebe oder einer Trennung besser mit einem gelogenen Bild vom Partner zurecht als mit einem authentischen.

Carsten Schrader: Durch interaktive Plattformen im Internet sind wir inzwischen bestens darauf trainiert, in eigener Sache zu lügen.

Tilman Rammstedt: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass man lügt, wenn man sich verschiedene Profile oder Avatare zulegt. Es kann sehr befreiend sein, dass man auch mal anders auftreten kann, als man es gemeinhin tut. Das heißt ja nicht, dass man sich verstellt. Wahrscheinlich traut man sich im Internet sehr oft Sachen, die man sich sonst nicht traut, und vielleicht kommt man im Internet der Wahrheit sogar näher als außerhalb.

Carsten Schrader: Sind Internetportale nicht auch die zeitgemäße Form vom Lügengeschichtenerfinden?

Tilman Rammstedt: Stimmt, solange das innerhalb des Virtuellen bleibt, ist es eine Realität, die niemandem schadet und mit der alle zufrieden sind. Klar, wenn man sich doch in echt trifft, wird es oft unangenehm, und es kann zu Enttäuschungen kommen.

Carsten Schrader: Würdest du totale Ehrlichkeit, etwa ein veröffentlichtes Tagebuch, eigentlich als Kunst bezeichnen?

Tilman Rammstedt: Es gibt ja wohl nichts, was mit der Wahrheit weniger zu tun hat als ein Tagebuch. Da wird gelogen, beschönigt und dramatisiert. Es gibt ja diese so genannten aufrichtigen Bücher, die von gewissen Herren gern nach der Midlifecrisis geschrieben werden. Die behaupten dann: Ich schreibe jetzt autobiografisch, das bin ich, und ich schreibe mit all meinen ekelhaften Fantasien, Zweifeln, Perversionen. Das wird dann gern als unglaublich ehrliches Buch angenommen, aber meiner Meinung nach wird da auch nur gelogen. Wenn ich in meinem Roman einen Lügenerzähler wollte, dann zum einen, weil mir das Spaß gemacht hat, zum anderen aber auch, weil es einfach ist. Wenn wir autobiografisches Schreiben mal außen vor lassen: Ein Charakter, der in einem sozialen Zusammenhang steht und immer ehrlich ist, wäre interessant – aber auch schwierig. In der wechselhaft guten Sitcom „Friends“ war mit Phoebe am Anfang ein Charakter angelegt, der von sich behauptet hat, nie zu lügen. In den ersten Folgen war es auch so, dass sie immer das gesagt hat, was sich kein anderer sonst getraut hat. Aber das wurde nicht durchgehalten.

Carsten Schrader: Kapituliert man wegen der Reaktionen von außen? Oder weil man es selbst nicht mehr erträgt?

Tilman Rammstedt: Man merkt einfach, in wie vielen Situationen man lügt. Das betrifft ja auch ganz belanglose Lügen wie ein „Ja“ auf die Frage, ob es geschmeckt hat, oder ein Lächeln, wenn man eigentlich nicht lächeln möchte. Ein Mensch, der nicht mehr lügt, würde sich so sehr mit dem Wahrheitsagen aufhalten, dass nichts anderes mehr in seinem Leben passieren könnte.

Carsten Schrader: Bright-Eyes-Sänger Conor Oberst wird häufig vorgeworfen, seine Songtexte seien zu persönlich und zu ehrlich, weil er darin etwa unumwunden seine Depressionen thematisiert.

Tilman Rammstedt: Ich finde es sehr erfrischend, wenn jemand etwas ausspricht, was sonst immer verschwiegen wird. Allerdings glaube ich, dass es bei Depressionen auch schon häufiger gemacht wurde als etwa bei skurrilen Wunschvorstellungen. Es ist mutig, aber ob es ehrlich ist? Vielleicht, aber nicht in dem Sinn, dass alle anderen lügen. Und man sollte im Einzelfall immer genau hinsehen: Es gibt eine Art von Ehrlichkeit, mit der man sich angreifbar macht, und es gibt die Art, mit der man sich unangreifbar macht. Sehr häufig macht man sich durch dieses Entblößen unangreifbar. Das ist entwaffnende Ehrlichkeit, ein scheinbares Kleinmachen, was diese Person aber gleichzeitig auch total überhöht. Und man kann nichts dagegen sagen – außer, dass es zu ehrlich ist.

Check-Brief

Name Tilman Rammstedt
Alter 33
Berufe Schriftsteller, Mitglied der Musik- und Literaturgruppe Fön
Geburtsort Bielefeld
Sein Vater ist der Bielefelder Soziologe und Georg-Simmel-Herausgeber Otthein Rammstedt
Lebt mit Freundin und Sohn in Berlin
Studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Tübingen, Berlin und Edinburgh
Wichtigste Auszeichnungen Gewinner des 9. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin 2001, Jury- und Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2008, Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis 2008
Lieblingsautoren Dave Eggers, Kinderbuchautor Peter Bichsel
Ruf Wurde wegen der immer wieder verschobenen Abgabe seines aktuellen Romans als „Autor mit der berühmtesten Schreibkrise seit Wolfgang Koeppen“ bezeichnet
Aktuelles Buch „Der Kaiser von China“

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