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Unendlicher Spaß beim Auseinandernehmen von David Foster Wallace

Wallaces neuestes und letztes Buch ist eine sprachliche Schatzkiste. Doch 1 547 Seiten sind viel. Wir zerlegen das Ziegelstein-Buch für euch in seine Einzelteile: „Unendlicher Spaß“ in 30 Zitaten!

Es ist das wichtigste Buch des Jahres – und es ist verdammt dick. Ein Jahr nach seinem Selbstmord ist nun endlich das Hauptwerk von David Foster Wallace in deutscher Übersetzung erschienen. Sein Roman „Unendlicher Spaß“ ist zugleich treffsichere Gesellschaftsanalyse und humorvolle Gegenwartsbetrachtung, vor allem aber ist er eine sprachliche Schatzkiste. Wer in Sachen Literatur noch mitreden können will, muss möglichst schnell durch die 1 547 Seiten kommen. Ihr habt in den nächsten Wochen aber auch noch anderes zu tun? Auf einer extra eingerichteten Internetseite bietet der deutsche Verlag Lesehilfe an. Unterstützt von Autoren wie Tilman Rammstedt und Thomas Meinecke soll man in 100 Tagen durch den Roman kommen. Wer es noch schneller und vor allem einfacher will:

[*Hier bekommt ihr „Unendlicher Spaß“ in 30 Tagen und 30 Zitaten. U_mag-Autor Carsten Schrader zerlegt das Ziegelstein-Buch vom 1. – 31. Oktober 2009 in seine Einzelteile.*]

David Foster Wallace: 30 Zitate an 30 Tagen

[*Tag 30c*]

„Ich möchte darauf hinaus, dass manche Menschen Angst davor haben, echten Schmerz, echte Trauer oder richtigen Zorn auch nur mit der großen Zehe anzustupsen. Das bedeutet, sie haben Angst vor dem Leben. Sie sind in etwas eingesperrt, glaube ich. Innerlich eingefroren, gefühlsmäßig. Warum das so ist? Das weiß niemand, Spätzchen. Manche Leute nennen das ,Suppression'“, wieder mit den Gänsefüßchenfingern. „Dolores meint, das geht auf Kindheitstraumen zurück, aber meiner Meinung nach stimmt das nicht immer. Es kann sein, dass manche Menschen eingesperrt auf die Welt kommen. Die Ironie ist dabei natürlich, dass sich gerade das Eingesperrtsein, das den Ausdruck der Trauer verhindert, höchst traurig und schmerzhaft anfühlen muss. Für den infrage stehenden Menschen. Es kann sein, Mario, dass es auch hier an der Academy traurige Menschen gibt, die so sind, und du spürst das vielleicht. Du bist nicht gerade unsensibel, was andere Menschen angeht.“
(S. 1101)

[*Kommentar:*]
Mario fragt seine Mutter nach der Traurigkeit, weil er sich um Hal sorgt. Ohne zu wissen, dass sie über ihren eigenen Sohn spricht, zeichnet Avril ein sehr stimmiges Psychogramm von Hal und verdichtet damit das zuvor von Wallace entwickelte Bild einer Welt auf Anhedonie.


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[*Tag 30b*]

„Interessanterweise behandeln die darstellenden Künste der millennialen USA Anhedonie und innere Leere als hip und cool. Vielleicht ist das ein Überbleibsel des von der Romantik verklärten Weltschmerzes. Vielleicht liegt es daran, dass der größte Teil der Künste hier von kultivierten, aber schwermütigen älteren Leuten produziert, aber von jüngeren Leuten konsumiert wird, die Kunst nicht einfach nur konsumieren, sondern sie nach Hinweisen darauf absuchen, wie Coolness und Hipness gehen – und man darf nicht vergessen: Hipness und Coolness sind für Kinder und Jugendliche gleichbedeutend damit, bewundert, akzeptiert, aufgenommen und Unallein zu sein. Den sogenannten Gruppenzwang kann man vergessen. Eher geht es um Gruppengier. Oder? In der spirituellen Pubertät geht uns auf, dass der große transzendente Horror die Einsamkeit ist, die Ausgeschlossenheit, die Einsperrung im Selbst. In diesem Alter würden wir alles dafür geben oder nehmen, jede Maske anlegen, um zu passen, um dazuzugehören, nicht allein zu sein, wir Jungen. Die US-amerikanischen Künste sind unser Führer zur Aufnahme. Ein Leitfaden. Wir bekommen gezeigt, wie man Masken der Ernüchterung und der resignierten Ironie formt, und das in einem Alter, wo das Gesicht noch plastisch genug ist, um jede beliebige Form anzunehmen. Und dann ist er nicht mehr wegzukriegen, der missmutige Zynismus, der uns vor schmalzigem Gefühl und unkultivierter Naivität bewahrt. Auf diesem Kontinent (zumindest seit der Rekonfiguration) ist Gefühl gleichbedeutend mit Naivität. Kultivierte Betrachter haben an J.O. Incandenzas ,Das amerikanische Jahrhundert aus der Sicht eines Pflastersteins‘ immer seine Holzhammerthese gemocht, dass Naivität in der Theologie des millennialen Amerika die letzte wahrhaft schreckliche Sünde ist. Und da man über Sünde nur im übertragenen Sinne sprechen kann, drehte sich die dunkle Kurzpatrone von ihm Selbst natürlich hauptsächlich um einen Mythos, den seltsam hartnäckigen US-amerikanischen Mythos nämlich, Zynismus und Naivität schlössen einander aus. Hal, der leer, aber nicht blöd ist, postuliert insgeheim, dass das, was sich als hippe zynische Transzendenz des Gefühls ausgibt, In Wahrheit Furcht vor dem echten Menschsein ist, denn ein echter Mensch (zumindest so, wie er ihn begreift) ist wahrscheinlich unvermeidlich sentimental, naiv, schmalzanfällig und ganz allgemein erbärmlich, er ist in seinem innersten Inneren lebenslänglich infantil, ein irgendwie nicht ganz richtig aussehendes Kleinkind, das sich anaklitisch über die Karte schleppt, mit großen feuchten Augen, froschweicher Haut, riesigem Schädel und schmalzigem Dummschwätz. Wirklich amerikanisch an Hal ist wahrscheinlich seine Verachtung dessen, was in Wahrheit so einsam macht: sein abscheuliches inneres Selbst, bedürfnis- und gefühlsinkontinent; das unter der hippen, leeren Maske der Anhedonie winselt und sich windet.“
(S. 997/998)

[*Kommentar:*]
Wallace enttarnt nicht nur Hal und so ziemlich jede Jugendkultur oder Szene, sondern auch sich selbst, denn natürlich speist sich „Unendlicher Spaß“ auch in der Enttarnung aus der Anhedonie. Wallace wurde in den letzten zehn Jahren für seine Cleverness verehrt und völlig zu Recht zum größten US-amerikanischen Gegenwartsautor erklärt, doch seine Schwäche wurde dabei oft und gern übersehen.


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[*Tag 30a*]

„Hal Incandenza hat zwar auch noch keine Ahnung, warum sein Vater im Jahr der Dove-Probepackung in Wahrheit den Kopf in eine speziell manipulierte Mikrowelle gesteckt haben könnte, aber er ist ziemlich sicher, dass der Grund keine US-amerikanische Standart-Anhedonie war. Hal selbst hat seit Winzlingstagen kein intensives Innenlebengefühl mehr gehabt; Begriffe wie Lebensfreude oder Wertschätzung sind für ihn wie Variablen in erlesenen Gleichungen, und er kann sie gut genug handhaben, um jedermann zufriedenzustellen bis auf ihn selbst, der da drin ist, als Mensch in seiner eigenen Hülle – aber in Wirklichkeit ist er weit robotischer als John Wayne. Eines seiner Probleme mit der Moms ist, dass Avril Incandenza ihn als Menschen, und zwar als guten Menschen in- und auswendig zu kennen glaubt, während in ihm, wie Hal weiß, in Wirklichkeit praktisch gar nichts ist. Seine Moms Avril hört ihre eigenen Echos aus ihm heraus, glaubt aber, ihn zu hören, und das gibt Hal das einzige Gefühl, das er seit einiger Zeit bis Oberkante Unterlippe fühlt: Er ist einsam.“
(S. 996)

[*Kommentar:*]
Hal als Held unserer Zeit und Identifikationsfigur für all die Massen mit leichter Depression, Anhedonie oder einfache Melancholie genannt. Und damit ist er auch unser Prototyp für Coolness, oder?


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[*Tag 30*]

„Zärtlichkeiten, Liebkosungen, die irgendwie zu weit gingen, weiter als die Zuneigungen eines wahren, irischen Vaters, die emotionale Freigiebigkeit eines Mannes ohne Green Card, der sich Tag für Tag krumm und lahm schuftete, damit seine Familie zu essen hatte. Liebkosungen, die auf diffuse Weise zu weit gingen, das und die emotionale Freigebigkeit von etwas anderem, betrunken, wenn alle Stimmungsregeln außer Kraft gesetzt waren und man nie wusste, ob man im nächsten Augenblick geküsst oder geschlagen würde – unmöglich zu sagen oder gar zu wissen, warum was zu weit ging. Aber sie gingen zu weit, die Liebkosungen. Zärtlichkeiten, Liebkosungen, leiser, weicher, süßlicher, heißer Mundgeruch, leise Entschuldigungen für irgendwelche Wutausbrüche oder Bestrafungen des Tages. Dieses Streicheln von kissenwarmer Wange und Kiefer mit der hohlen Hand, der riesige kleine Finger in der Höhlung zwischen Kehle und Kiefer. Matty schreckte zurück: sind wir schüchtern, haben wir Angst? Matty schreckte noch zurück, als er längst wusste, dass die zurückschreckende Angst Teil dessen war, was Da anmachte, was Da wütend machte: Vor wem haben wir denn da Angst? Wer sind wir denn, ein Sohnemann, der vor seinem eigenen Da Angst hat? Als wäre der Da, der sich Tag für Tag krumm und lahm schuftete, nichts als ein. Kann ein Da seinem Sohn keine Liebe zeigen, ohne dass er gleich als. Als könnte Matty hier liegen mit seinem Essen im Bauch und unter einer Bettdecke, die er bezahlt hatte, und seinen Vater für nichts als einen. Ist es denn ein Fiek, wovor du Angst hast. Du glaubst, ein Da, wo zu seinem Sohn kommt, mit ihm sprechen, ihn in den Arm nehmen will, so ein Da hat nichts als einen Fiek im Kopf? Als wäre sein Sohn eine Vierzigdollarhure von den Docks? Als wäre der Da ein. Dafür hältst du mich. Dafür hältst du mich also. Matty wich in ein zusammengedrücktes Kissen zurück, das der Da bezahlt hatte, die Federn des Bettsofas erklangen unter seiner Angst; er zitterte. Na dann, also dann hätte ich nicht übel Lust, dir genau das zu verpassen, wovor du Angst hast. Wofür du mich hältst. Matty wusste schon früh, dass seine Angst die Sache nur anheizte, seinen Da anmachte. Er schaffte es nicht, keine Angst zu haben. Es versuchte es immer wieder, verfluchte sich als Feigling, der nichts Besseres verdient hatte, aber er konnte seinen Vater nicht als. Erst Jahre später kam er dahinter, dass sein Da ihn in jedem Fall in den Aasch gefiekt hätte.
(S. 983/984)

[*Kommentar:*]
Wallace gibt die Erinnerungen des 23-jährigen Strichers Matty Pemulis wieder, der von seinem Vater seit Mattys zehnten Lebensjahr sexuell missbraucht worden war, und Wallaces Tonfall wechselt abrupt: Mit großer Sensibilität benennt und kennzeichnet er gleichzeitig das Unaussprechliche und zeichnet ein eindringliches Psychogramm jenseits von Beroffenheitspathos und skandallüsterner Empörung.


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[*Tag 29*]

„Und dann der doppelte Schlag“, sagte Steeply. „1983 v. SZ. Da ist meine Erinnerung klar. Die Mumkinsky öffnete einen alarmierenden Brief von Rechtsanwälten von CBS und 20th Century Fox. Aufrechte Okaylinge irgendwelcher Feldpostabteilungen hatten gewisse Briefe anscheinend an die Fox weitergeleitet. Der Alte Herr hatte mit verschiedenen M*A*S*H-Figuren aus Vergangenheit und Gegenwart zu korrespondieren versucht. Briefe, die die Familie nie zu Gesicht bekommen hatte, deren Inhalt aber, wie die Rechtsanwälte schrieben, Zitat Anlass zu großer Sorge geben und Zitat langwierige rechtliche Konsequenzen haben könnten.“ Steeply hob den Fuß vors schmerzverzerrte Gesicht und sagte: „Dann wurde die letzte Folge der Serie ausgestrahlt. Im Spätherbst 1983 v. SZ. Ich war bei einem ROTC-Marschkapellentrip nach Fort Ticonderoga. Meine kleine Schwester, die zu Hause inzwischen ausgezogen war, und wer könnte ihr das verdenken, berichtete, die Mumkinsky spräche ganz beiläufig und ohne ein Wort der Klage darüber, dass der alte Herr sein Arbeitszimmer nicht mehr verließe.“
„Also die finale Abkapselung und Isolation der Obsession.“
Steeply warf, unbeholfen auf einem Fuß, einen Blick über die Schulter, um Marathe geringschätzig anzusehen. „Nicht mehr verließ heißt, nicht mal, um das Badezimmer aufzusuchen.“
(S. 929/930)

[*Kommentar:*]
Ausgerechnet M*A*S*H! Um das Phänomen der perfekten und gleichzeitig tödlichen Unterhaltungspatronen verstehen zu können, erzählt Steeply von der Fernsehseriensucht seines Vaters aus der Zeit des prädigitalen Fernsehen. Zunächst will der Vater einfach nur keine neue Folge verpassen, dann muss er zwanghaft auch alle Wiederholungen der Serie auf abseitigeren Kanälen ansehen, schließlich fängt er, sein soziales Leben zu vernachlässigen und Briefe an Seriencharaktere zu schreiben – und so ganz genau ist es nicht auszumachen, wann er sich krasser verhält als durchschnittliche „24“- oder „Lost“-Junkies oder Hausfrauengruppen, die sich jede Woche zu „Sex and the City“ treffen.


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[*Tag 28*]

„Also schaut man privat, hinter herabgelassenen Jalousien im trauten Heim, sehr viel auf maßgefertigte Bildschirme. Eine haltlose raumlose Welt privaten Schauens. Ein neues tausendjähriges Reich unter Gentle und Lace-Forché. absolute Freiheit, Privatheit, Wahlmöglichkeit.
Hierin gründet auch die leidenschaftliche Live-Schaulust des neuen Jahrtausends. Ein ganzes diskret gehandhabtes Programm optischer Spektakel, „opti-Speks“, die unbezahlbare Gelegenheit, Teil einer schauenden Livemenge zu werden. Hierin gründen die Gafferblöcke bei Verkehrsunfällen, Faulgasexplosionen, Raubüberfällen, Handtaschendiebstählen und dem gelegentlichen Aufklatschen eines Imperialen M.E.V. mit unvollständigem Vektor in den periurbanen Agglomerationen und Plangemeinden am North Shore, wo die Leute dann ihre Haustüren sperrangelweit offen stehen lassen, herumwuseln und den Ring aus aufgeschlagenem Abfall anglotzen, der sachliche und interessierte Menschenmengen anzieht, die in Kreisen um den Abfall herumwuseln und in vollem Ernst Gedanken austauschen über das, was sie doch alle sehen.“
(S. 894)

[*Kommentar:*]
Das muss eigentlich nicht mehr kommentiert werden, denn niemand würde sich so richtig wundern, wenn „opti-Speks“ schon ganz bald Realität werden würde. Viel schlimmer aber: Wir sind schon drei vor 30!!!!!! Eigentlich sollte hier am kommenden Samstag das „Unendlicher Spaß“-Blog enden. Pffff …es hat aber noch so einige Buchseiten … Natürlich war uns klar, dass der Oktober 31 und nicht nur 30 Tage hat. Aber „30 Zitate an 30 Tagen“ klingt einfach besser als „31 Zitate an 31 Tagen“. Lassen wir doch einfach den Sonntag als Tag 30a laufen. 😉 Und wir dann immer noch nicht am Ende sind? Egal, denn das Alphabet hat ja noch einige Buchstaben zu bieten.


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[*Tag 27*]

„Die ersten Sendungen von Madame Psychosis hatte Mario lieb gewonnen, weil er das Gefühl hatte, einer traurigen Frau zuzuhören, die aus vergilbten Briefen vorlas, die sie an einem Regennachmittag aus einem Schuhkarton genommen hatte, Sachen über gebrochene Herzen, geliebte Menschen, die starben, und US-amerikanisches Weh, Sachen, die echt waren. Es wird immer schwerer, wahre Kunst über Sachen zu finden, die auf diese Weise echt sind. Je älter Mario wird, desto mehr verwirrt ihn die Tatsache, dass an der E.T.A. jeder, der älter ist als beispielsweise Kent Blott, echt echte Sachen unangenehm findet und sich geniert. Als gäbe es eine Vorschrift, dass echte Sachen nur erwähnt werden dürfen, wenn man gleichzeitig die Augen verdreht oder auf nicht glückliche Weise lacht. Heute hatte er da das schlimmste Gefühl beim Mittagessen, als Michael Pemulis ihm erzählte, er hätte da eine Idee für einen telefonischen Gebetsservice für Atheisten, wo der Atheist die Nummer anruft, und am anderen Ende klingelt es nur endlos, aber keiner geht ran. Der Witz war gut, und Mario verstand ihn; unangenehm war nur, dass Mario an dem großen Tisch der Einzige war, der glücklich lachte; alle anderen schlugen die Augen nieder, als lachten sie über einen Behinderten. Das ganze Thema war Mario viel zu hoch, und als er seine Verwirrung Lyle gegenüber ansprach, verstand er dessen Antworten nicht. Auch Hal war ausnahmsweise keine Hilfe, denn der schien sich noch unbehaglicher zu fühlen und sich noch mehr zu genieren als Marios Tischnachbarn, und wenn Mario auf echte Sachen zu sprechen kommt, nennt Hal ihn immer Trollo und tut so, als hätte er sich nassgemacht, und Hal würde ihm sehr geduldig beim Umziehen helfen.“
(S. 853)

[*Kommentar:*]
Schon klar inzwischen: Wallace ist unendlich clever, entlarvend, lustig, prophetisch. Doch auch nach gut 800 Seiten erwischt er seine Leser noch hinterrücks: Wieder einmal hält er uns und unserem Verhalten den Spiegel vor, doch völlig unerwartet und quasi nebenbei kann er mit seinen skurril gezeichneten Figuren auch noch Herzen brechen. Trotz oder vermutlich gerade weil Mario und Hal so unglaubliche Schrullis jenseits von Identifikation sind, sorgt ihre Bruderliebe für Kloß um Kloß in den Hälsen der Leser: „Mario liebt Hal so sehr, dass er davon Herzklopfen bekommt“ (S. 850); „Wenn er an Hal denkt, klopft sein Herz und seine dicke Stirnhaut wird ganz runzlig“(S. 852).


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[*Tag 26*]

„Sie haben in den sexten Gang geschaltet. Ihre Lider flattern; seine schließen sich. Konzentrierte taktile Zartheit. Sie ist linkshändig. Es geht nicht um Trost. Sie fangen mit dem Punkt gegenseitiges Aufknöpfen an. Es geht nicht um Eroberung oder Einnahme mit Gewalt. Es geht nicht um Drüsen, Instinkte oder die Sekundenbruchteile lang erschauernde Oknophilie des Selbstverlusts; auch nicht um Liebe und darum, wessen Liebe man im tiefsten Inneren ersehnt, von wem man sich verraten fühlt. Nie und nimmer um Liebe, die den mordet, der sie braucht. Der Punter hat eher das Gefühl, es geht um Hoffnung, die unermessliche Hoffnung, weit wie der Himmel, unter den flatternden Lidern eines jeden Subjekts etwas zu finden, das die Hoffnung günstig stimmen, ihr irgendwie Tribut zollen möge, das Bedürfnis, Sicherheit zu erlangen, dass er sie einen Augenblick lang hat, sie von jemand oder etwas anderem gewonnen hat, etwas anderem als ihm, aber dass er sie hat und der und nur der ist, den sie sieht, dass es keine Eroberung ist, sondern eine Kapitulation, dass er sowhl Angriffs- als auch Abwehrspieler ist und sie weder noch, nichts als diese ihre Liebe von einer Sekunde Dauer wirbelnd in seine Richtung funkt, nicht seine sondern ihre Liebe, dass er die hat, diese Liebe (er jetzt ohne Hemd, im Spiegel), dass sie ihn eine Sekunde lang mehr liebt, als sich ertragen lässt, dass sie ihn (wie sie spürt) haben muss, ihn in sich aufnehmen muss und sonst in Schlimmeres als nichts zergeht; dass alles andere fort ist: Ihr Sinn für Humor ist fort, ihre Wehwehchen, Triumphe, Erinnerungen, Hände, Karriere, Treubrüche, Tode von Haustieren – dass sie von einer Lebendigkeit erfüllt wird, der alles abgesaugt wurde bis auf seinen Namen: O., O. Dass er ihr Einziger ist, ihr A und O.
(Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ein Subjekt nie genug ist, warum eine Hand nach der anderen sich herabsenken muss, um ihn vor dem endlosen Sturz zu bewahren. Denn gäbe es für ihn jetzt nur die eine spezielle, dann wäre der einzige nicht er oder sie, sondern das, was zwischen ihnen wäre, die alles auslöschende Dreifaltigkeit von Dir und Mir zu uns. Orin hat das einmal empfunden, sich nie davon erholt und wird sich auch nie erholen.)“
(S. 816/817)

[*Kommentar:*]
Vielleicht liegt es an den allgegenwärtigen Drogen, vielleicht sind auch die Unterhaltungspatronen Schuld, aber für 1547 Seiten ist Sex erschreckend abwesend. Einzige Ausnahme: Orin. Während Hal sowohl über die rein körperlichen Dringlichkeiten als auch über kitschige Liebesvorstellungen erhaben scheint, wird sein älterer Bruder von einer alles andere zu Nebensächlichkeiten degradierenden Sexsucht getrieben.


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[*Tag 25*]

„Inzwischen ist der Verlust von mehreren B.U.D.-Testpersonen zu beklagen, Freiwilligen aus den Justizvollzugsanstalten von Bund und Militär, die versuchen sollten, den Inhalt der Patrone zu beschreiben. Die Patronen aus Tempe und New Iberia sind in Gewahrsam, unter Verschluss. Ein asozialer und geistig behinderter Lance Corporal aus Leavenworth, festgeschnallt, mit applizierten Elektroden und einem Headset-Diktaphon, konnte noch berichten, dass das Ding offenbar mit einer einnehmenden und erstklassigen Aufnahme einer verschleierten Frau begann, die durch die Drehtür eines großen Gebäudes ging und jemand anders in der Drehtür sah, bei dessen Anblick sich ihr Schleier bauschte, bevor der mentale und geistige Horizont des Probanden unvermittelt und selbst nahezu tödliche Stromstöße durch die Elektroden ihn nicht dazu bringen konnten, die Aufmerksamkeit von der Unterhaltung abzuwenden. “
(S. 792)

[*Kommentar:*]
Wallace zieht Bilanz und fährt Rodney Tine auf, den Chef des U.S.-Büros für Unspezifizierte Dienste, um den Erkenntnisstand bezüglich der perfekten, aber leider auch tödlichen Unterhaltungspatrone zu listen. Mehrere Kopien sind im Besitz von Tines Einsatztruppe, können aber natürlich nicht erforscht und gesichtet werden. Weil lediglich die Eingangsszene bekannt ist, entschädigt Wallace aber mit einer knackigen Nebenhandlung und enthüllt ein noch geheimeres Geheimnis aus Tines Leben: Seit seinem zwölften Lebensjahr misst er jeden Morgen mit einem speziellen metrischen Lineal seinen Penis und trägt die Ergebnisse in ein Ledernotizbüchlein ein.


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[*Tag 24*]

„Die Ratten wichen kaum von der Stelle, als Randy Lenz auf den Zehenspitzen seiner Loafer an sie heranschlich. Ihre Schwänze waren fleischig und kahl und zuckten quasi hin und her, zuckten ins gelbe Zwielicht und wieder hinaus. Der große Brocken landete mit der flachen Seite auf dem meisten von der einen Ratte und einem bisschen von der anderen. Ein fürchterliches Schnatterquietschen war die Folge gewesen, aber der größere Treffer auf der einen Ratte hatte auch ein sehr solides und vielsagendes Geräusch erzeugt, die akustische Kombination einer gegen eine Wand geworfene Tomate und einer mit einem Hammer zertrümmerten Taschenuhr. Aus dem Anus der Ratte trat Substanz aus. Die Ratte lag auf eine medizinisch Böses verheißende Weise auf der Seite, der Schwanz zuckte, und die Anussubstanz, und auf dem Schnurrbart waren Blutperlen, die im Licht der Natriumsicherheitslampen oben am Dach der Svelte Nail Co. Schwarz aussahen. Ihre Flanken bebten; die Hinterbeine bewegten sich, als liefe sie, aber diese Ratte lief nirgends mehr hin. Die andere Ratte war unter dem Müllcontainer verschwunden und hatte das Hinterteil nachgezogen. Überall lagen weitere Brocken aufgebrochenen Straßenbelags. Als Lenz davon noch einen auf den Rattenkopf niedersausen ließ, wurde ihm bewusst, was er in Augenblicken der Problemlösung gern sagte: ,Da.'“
(S. 779/780)

[*Kommentar:*]
Auch blutlüsterne Leser sind bei David Foster Wallace richtig, denn selbst wenn es um Blut- und Gedärmmatsch geht, findet er wesentlich eindrücklichere Bilder und Beschreibungen als so ziemlich jeder US-Thrillerautor. Der Patient Randy Lenz hat eine ganz eigene Methode, um mit den Wut- und Machtlosigkeitsgefühlen klarzukommen, die für Drogensüchtige in den ersten Monaten der Abstinenz typisch sind: Auf nächtlichen Streifzügen tötet er Tiere. Was mit Ratten beginnt, setzt sich mit Katzen und schließlich mit Hunden fort, die Lenz mit ausgefeilter Taktik anlockt. Und weil er auch die Tötungsrituale im Laufe der Zeit variiert, kann man sich über viele detailverliebte Beschreibungen freuen.


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[*Tag 23*]

„Don, ich bin vollkommen. Ich bin dermaßen schön, dass ich jeden fühlenden Menschen ganz einfach um den Verstand bringe. Sobald man mich gesehen hat, kann man an nichts anderes mehr denken, will man nichts anderes mehr sehen, vernachlässigt man seine sonstigen Verpflichtungen und redet sich ein, wenn man nur jederzeit mich um sich haben könnte, würde alles gut. Alles. Als wäre ich die Antwort auf das sabberndste Bedürfnis, mit der Vollkommenheit auf Tuchfühlung zu gehen.“
„Und jetzt dieser Sarkasmus.“
„Ich bin so schön, dass ich entstellt bin.“
„Und jetzt dieses respektlose Ausagieren von wegen Der-Typ-ist-echt-zu-blöd, weil er sie dazu bringen wollte, mit ihren Ängsten umzugehen und offen und ehrlich mit Nein zu antworten, wozu sie nicht bereit ist.“
„Ich bin vor Schönheit entstellt.“
„Möchtest du meine professionelle Personalmiene sehen? Hier hast du sie. Ich nicke und lächle, ich behandle dich als einen Menschen, den ich mit Geduld ertragen muss, mit Nicken und Lächeln, und hinter dieser Miene zeig ich einen Vogel: Mann, was für ne Dumpfdrossel. Wo ist der Kescher?“
„Glaub doch, was du willst. Ich weiß, dass ich das, was du glaubst, nicht beeinflussen kann.“
(S. 775/776)

[*Kommentar:*]
Sie war einst die Freundin von Orin, dann wurde Joelle van Dyne der Star in den Filmen seines Vaters – und inzwischen ist sie mit einem massiven Drogenproblem im Ennet House. Als Mitglied der L.A.R.V.E., der Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten, trägt sie einen Schleier, und wenn Gately seine Patientin nach den Gründen für ihre Vermummung befragt, stuft er ihre Antwort natürlich als Ausweichmanöver ein.


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[*Tag 22*]

„Wir haben schon ein paar verloren“, gab Sleeply zu. „In der Testphase. Nicht nur Freiwillige. Irgend so ein Heiopei von Praktikant in der Datenanalyse gab der Versuchung nach, wollte wissen, was das ganze Tamtam sollte, besorgte sich Flattos Zutrittserlaubnis zu I/O, ging rein und sah sie sich an.“
„Eine der vielen Read-Only-Kopien aus euren Beständen der Unterhaltung.“
„An und für sich kein tragischer Verlust – hat man halt einen Heiopei von Praktikanten weniger. C’est la guerre. Ein wahrer Verlust war es aber, dass sein Vorgesetzter hinterherging, um ihn rauszuholen. Der Chef unserer Datenanalyse höchstpersönlich.“
„Hoyne, Henri oder gesprochen ,Henry‘, zweiter Vorname beginnt mit F., mit Frau und mit Altersdiabetis, die er unter Kontrolle hat.“
„Hatte. Zwanzig Jahre dabei, Hank. Verdammt guter Mann. Er war ein Freund. Heute wird er im Bett fixiert. Durch Schläuche ernährt. Keine Wünsche mehr, kein auch nur minimaler Selbsterhaltungstrieb, der Wille beschränkt sich aufs Mehrsehenwollen.“
„Der Unterhaltung.“
„Ich wollte ihn besuchen.“
„Mit deinem ärmellosen Kleid und den verschiedenen Brüsten.“
„Ich hab’s nicht mal ausgehalten, im selben Raum zu stehen und ihn so daliegen zu sehen. Wie er um wenigstens ein paar Sekunden flehte – einen Trailer, ein Fitzelchen vom Soundtrack, egal was. Seine Augen eierten herum wie bei einem drogensüchtigen Neugeborenen. Konnte einem das Scheißherz brechen. Im Nachbarbett lag, ebenfalls fixiert, der Heiopei: Der gehörte zu den undisziplinierten, selbstsüchtigen Kindern, die du so gerne anführst, Rémy. Hank Hoyne war aber kein Kind. Ich habe gesehen, wie der Mann seine Diagnose erhielt und auf Zucker und Süßigkeiten verzichtete. Einfach weglegte und ging. Ohne ein Winseln oder einen Blick zurück.“
(S. 732)

[*Kommentar:*]
Wieder unterhalten sich Marathe und Sleeply. Und wieder geht es um die geheimnisvolle Unterhaltungspatrone, die dem Zuschauer größtmögliche Lust verschafft, aber auch einen sehr hohen Preis fordert.


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[*Tag 21*]

„Schtitt sieht sich um. Wie die meisten Deutschen außerhalb der Populärkultur wird er leiser, wenn er beeindrucken oder drohen möchte. (Eigentlich gibt es nur wenige schrille Deutsche.)“
(S. 665)

[*Kommentar:*]
Wenn er das Morgentraining mit dem deutschen Tennislehrer Schtitt beschreibt, lässt man Wallace natürlich auch eine eigentlich blöd pauschalisierende Bemerkung durchgehen. Erst will man lautstark protestieren, aber wenn man die Populärkultur abzieht, bleibt wirklich nicht so viel übrig, oder?


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[*Tag 20*]

„Aktenkundig ist aber, dass irgendwann zuerst Schulpsychologin Dolores Rusk von Ihm Selbst in ihrem Haus in Winchester angepiept wurde, dass dieses Anpiepen dann aber annuliert und stattdessen Lateral Alice Moore angepiept und aufgefordert wurde, postwendend Lyle aus dem Kraftraum cum Sauna ins East House zu holen, und zwar ein bisschen plötzlich, dass irgendwann nachdem sich Lyle vom Handtuchmagazin entlotust hatte und mit Lateral Alice (seitwärts) zum Notfall-Kriegsrat unterwegs war, dass irgendwann in diesem Intervall – vor Dr. James O. Incandenza und einem Mario, dessen winzige, geborgte und am Kopf befestigte Bolex H128, wie Incandenza Clipperton hatte einwilligen lassen, die ganze Krisenintervention digital aufzeichnete, um die E.T.A. vor den Auswirkungen der kafkaesken Vorschriften der O.N.A.N.T.A. in Bezug auf unimmatrikulierte Empfänger jeder Art von Beratung an US-amerikanischen Academies zu schützen -, dass irgendwann, als sich Lyle noch im Anmarsch befindet, Clipperton aius den verschiedenen Taschen seines nassen taschenreichen Mantels ein umfassend modifiziertes Exemplar der vierzehntäglichen Rangliste aus NAJT zieht, das vergilbte Hochzeitsfoto eines käseweißen Brautpaars aus dem Mittleren Westen sowie die scheußliche, stumpfläufige Glock 17 9mm Halbautomatik, die Clipperton, während die beiden Incandenzas die Arme gen Himmel streckten, an die rechte – nicht die linke – Schläfe ansetzt, also mit der guten rechten Stockhand, die Augen schließt, das Gesicht verzieht und sich das legitimierte Hirn à fonds perdu wegpustet, sich die Karte auslöscht; das gibt natürlich eine unchristliche Schweinerei, und die Incandenzas schwanken beziehungsweise wackeln grüngesichtig und rotnebelgesprenkelt aus dem Zimmer, und da Lyle und L.A. Moore gerade den Korridor im ersten Stock erreichen, als die Incandenzas in Kordit- und grässlichen Nebelmiasmen aus dem Zimmer taumeln, werden sie auf verschiedenen Schnappschüssen in ihrer Ähnlichkeit mit Hauern einer besonders grausigen Kohle festgehalten, denn die Nachricht, dass Lyle außerhalb des Kraftraums und aufrecht auf dem Gelände erschienen ist, hat sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet und zu gehöriger Aufregung und Schülerschnappschüssen geführt.“
(S. 625/626)

[*Kommentar:*]
Was Wallace als aberwitzige Anekdote beginnt, wandelt sich in ein hochtragisches Beispiel für das „Unverhofft-das-große-Ziel-erreicht-Trauma“. Der Tennisspieler Eric Clipperton taucht eines Tages mit seiner Glock-17-Halbautomatik auf dem Court auf und droht, dass er sich unmittelbar und in aller Öffentlichkeit selbst erschießen würde, sollte er jemals ein Spiel verlieren. Natürlich wollte keiner seiner Gegner die Verantwortung für Clippertons Freitod auf sich nehmen, und so gewinnt er Turnier um Turnier. Auf der Rangliste wird Clipperton trotzdem nicht erfasst, denn natürlich war den Verantwortlichen das eher unsportliche Erfolgsgeheimnis bekannt. Durch einen Fehler werden eines Tages aber plötzlich doch Clippertons Erfolge gewertet, er marschiert durch zur Nummer eins, taucht daraufhin im Internat auf … und wieder ist es Mario, der einen sehr extrovertierten Suizid aus nächster Nähe und mit allen psychischen Folgen ertragen muss.


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[*Tag 19*]

„Mit stilistischen Anklängen an jene mörderischen Mundspülungs-, Deodorant- und Anti-Schuppen-Shampoo-Szenarien, in denen die zufällige Begegnung eines Antihelden mit einem hochattraktiven Wunschobjekt wegen eines kinderleicht zu behebenden Hygienedefizits in Ekel und Scham endete, lag die niederdrückende emotionale Wucht der NoCoat-Spots in der übertriebenen Scheußlichkeit geradezu geologischer Sedimente grauweißer Beläge auf der Zunge des ansonsten ganz schmucken Fußgängers, der das kokette Angebot einer atemberaubenden Politesse annimmt, mal von der Eiswaffel zu lecken, die sie soeben bei einem onkelhaften Straßenhändler erstanden hat. Die ausgedehnte Großaufnahme einer herausgestreckten Zunge, die man belagsmäßig gesehen haben muss, sonst glaubt man’s nicht, belagstechnisch. Die zeitlupenhafte Halbtotale auf das Gesicht der Politesse, das vor Ekelerschlafft, während sie zurückprallt und die zurückgegebene Eiswaffel unbemerkt ihren abscheugelähmten Fingern entgleitet. Die albtraumhafte Zeitlupe, in der der beschämte Fußgänger davontaumelt und, den ganzen Arm vor den Mund geschlagen, im Straßenverkehr verschwindet, während das jetzt hassverzerrte Gesicht des onkelhaften Straßenhändlers hygienische Invektiven ausstößt.“
(S. 598/599)

[*Kommentar:*]
Ekelspots für Zungenschaber sind der Anfang vom Ende. Wallace referiert – natürlich in aller Ausführlichkeit – eine von Hals Forschungsarbeiten über den Siegeszug von Unterhaltungspatronen und InterLace. So absurd wie weitsichtig beschreibt er den Niedergang traditioneller TV-Anstalten und der gesamten von ihnen abhängigen Werbewirtschaft.


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[*Tag 18*]

„Der zehnjährige Kent Blott, dessen Eltern Siebenten-Tags-Adventisten sind, ist noch nicht alt genug zum Masturbieren, hat aber, was keine große Überraschung ist, seitens seiner schon adoleszierenden Mitschüler viel davon gehört, in ziemlich saftigen Details, und sorgt sich, welche selbst gemachten, potenziell sündigen und seelentkräftenden pornographischen Patronen beim Masturbieren durch den Projektor seiner Psyche laufen werden, wenn er denn erst masturbieren kann; er sorgt sich, ob unterschiedliche Phantasieszenen und -kombinationen auf verschiedene psychische Funktionsstörungen und Verderbtheiten schließen lassen, und er möchte einen ordentlichen Vorsprung vor seinen Sünden haben. Ohne das Regenrauschen hört man die Geräuschkulisse der Gala im Speisesaal häufiger und konvulsivischer. Lyle erklärt Blott, das Gewicht, dass er zu sich ziehen wolle, dürfe sein Körpergewicht nicht übersteigen.“
(S. 564)

[*Kommentar:*]
Wallace treibt unseren Fitnesswahn und das esoterische Körpergeschwafel auf die Spitze: Im Tennisinternat ist Fitnesstrainer Lyle Vertrauenslehrer, Briefkastentante, freundschaftlicher Zuhörer für die intimsten Ängste und Sorgen der Schüler. Oft bilden die Schüler eine lange Schlange, wenn sie nachts heimlich zu Lyle in den Fitnessraum schleichen wollen, um in ihm Aufmerksamkeit und Verständnis zu finden – und um nicht selten auch einen platten Sinnspruch à la ,Die Welt ist sehr alt‘ zu hören.


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[*Tag 17*]

„Die Porträts, die Mario überblendet, zeigen alle Johnny Gentle, Berühmter Schnulzier, Gründer und Standartenträger der neuen und bedeutenden ,Sauberen USA-Partei‘, dieser seltsam anmutenden, aber politisch weitsichtigen Annularmelange aus ultrarechten chauvinistischen Hirsche-mit-Automatikwaffen-jagen-Typen und linksradikalen makrobiotischen Rettet-die-Ozonschicht-, -den-Regenwald-, -die-Wale-, -den-Fleckenkauz-und-hoch-ph-wertige-Wasserstraßen-Müslifressern mit Pferdeschwänzen, eine surreale Einheit aus sowohl von Rush L. als auch Hillary R.C. enttäuschten Extremisten, bei deren erstem (in einem keimfreien Konferenzzentrum abgehaltenen) Parteitag kommerzielle Medien noch feixten, diese scheinbar LaRouche-artige Splitterpartei namens S.U.S.A.P., deren erstes Parteiprogramm ,Schießen Wir den Müll Ins All‘ gelautet hatte, war landesweit drei Jahre lang eine Art Post-Perot-Witz, bis ihr – den Finger im weißen Handschuh am Puls einer zunehmend asthmatischen, sonnenölbeschmierten und genervten amerikanischen Wählerschaft – dank zorniger, reaktionärer Wählerkonvulsionen, bei deren Anblick sich die U.W.S.A., die LaRoucheisten und die Liberalen vor Neid verzehrten und die Demokraten und Republikaner beiseitestanden und dämlich dreinschauten wie Doppelpartner, die beide glauben, der andere kriegt garantiert den Ball – plötzlich ein quadriennaler Sieg gelang; in einer dunklen Zeit, als alle Deponien voll waren, alle Trauben Rosinen und als der Regen oft genug klongte statt zu plätschern, rissen die beiden etablierten Mitteparteien entlang überdehnter philosophischer Nähte auf, auch darf man nicht vergessen, dass dies eine Post-Sowjet- und -Dschihad-Ära war, in der es – was die Sache nur verschlimmerte – keine ernst zu nehmende äußere Bedrohung mehr gab, die so viel gewichtige und vereinte Stärke mitgebracht hätte, dass man sie hätte hassen und fürchten müssen, und so wandten sich die USA gegen sich selbst, gegen die eigene philosophische Müdigkeit und den scheußlich stinkenden Müll, in Konvulsionen panikerfüllten Zorns, den, wie im Nachhinein erkennbar wird, nur eine Zeit der geopolitischen Alleinherrschaft und des damit einhergehenden Schweigens ermöglicht haben kann, der Verlust jeder hassens- und fürchtenswerten Bedrohung von außen.“
(S. 552/553)

[*Kommentar:*]
Ein weiterer unendlicher Satz über Johnny Gentle. Wallace nutzt seine Erzählperspektive der nahen Zukunft, um die Zwischenzeit mit einer saukomischen, aber leider auch keinesfalls undenkbaren weltpolitischen Entwicklung zu füllen. Wir sollten es als Warnung vor Goldschmuck und Sonnenbankbräune verstehen.


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[*Tag 16*]

„Dies ist Johnny Gentle, geb. Joyner, der Chansonnier, der zum Mädchenschwarm wurde, der zur B-Movie-Stütze wurde, zwei längst vergangene Jahrzehnte lang bekannt unter dem unfreundlichen Beinamen ,der sauberste Mann der Unterhaltungsbranche‘ (der Mann ist ein Zwangsneurotiker der Spitzenklasse im Stil des späten Howard Hughes, einer von der richtig gestörten Sorte mit der lähmenden angst vor frei flottierender Kontamination, dieser Entweder-trage-ich-eine-medizinische-Mikrofiltrationsmaske-oder-ich-sorge-dafür-dass-die-Leute-um-mich-rum-Chirurgenhauben-und-OP-Masken-tragen-und-fasse-Türklinken-nur-mit-ausgekochten-Taschentüchern-an-und-dusche-vierzehnmal-am-Tag-bloß-ist-das-eigentlich-kein-Duschen-sondern-findet-in-einer-von-diesen-Dermalatix-Markenduschen-statt-diesen-hypospektralen-Blitzkabinen-wo-einem-praktisch-in-einem-blendenden-Blitz-die-äußerste-Hautschicht-abgefackelt-wird-sodass-man-eine-neue-sterile-Babypophaut-hat-wnn-man-sich-erst-mit-einem-ausgekochten-Taschentuch-den-Überzug-aus-Dermalasche-abgewischt-hat-Sorte), im späteren öffentlichen Leben dann ein sterile-Toupets-tragender Veranstalter und Lokalmatador in der Unterhaltungsgewerkschaft, ein Schmalzmakler in Vegas und Vorsitzender der berüchtigten Samtsängergilde, der sonnengebräunten, goldkettchenbehängten Gewerkschaft, die jene sieben Monate der berüchtigt scheußlichen ,Live-Stille‘ erzwang, die absolut streikbrecherfreie Solidarität und showtechnische Stille, die über ein halbes Jahr lang auf Varieté- und Fernsehbühnen von der Wüste bis zur Küste von New Jersey herrschte, bis man sich auf Vorstandsebene auf angemessene Kompensationssätze für bestimmte telefonisch bestellbare, retrospektive, im Fernsehen beworbene Damit-sie-nicht-vergessen-noch-heute-vor-Mitternacht-zu-bestellen-Platten und CDs vom Jahrhundertende einigte.“
(S. 551/552)

[*Kommentar:*]
Das längste Kompositum der Welt: Natürlich ist auch dieser Satz wieder unendlich, doch in die Literaturgeschichte wird er eingehen, da er das längste Bindestrichwortungeheuer aller Zeiten zu bieten hat.


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[*Tag 15*]

„James Incandenza gehörte zu den Tiefgreifender-Persönlichkeitswandel-Trinkern, die nüchtern einen ruhigen, ausgeglichenen und fast gefühllosen Eindruck machten, betrunken jedoch nach beiden Seiten weit über das menschliche Gefühlsspektrum hinaus ausschlugen und sich auf eine Weise zu öffnen schienen, die einfach gedankenlos war.

Wenn er spätnachts bezwitschert mit Lyle im neueingerichteten Kraftraum der E.T.A. saß, öffnete er sich manchmal und kippte seines Herzens dicksten Chymus jedermann hin, der davon berührt und möglicherweise traumatisiert werden konnte. Vorgebeugt in der Stütze seines Polizeischlosses, wachte Mario beispielsweise eines Nachts auf, als sein Vater gerade sagte, wenn er seine Ehe benoten müsse, würde er ihr eine 3- geben. Das hört sich potenziell äußerst gedankenlos an, obwohl Mario ebenso wie Lyle Informationen in der Regel so nimmt, wie sie kommen.“
(S. 548)

[*Kommentar:*]
Da draußen im wirklichen Leben ist Frankfurter Buchmesse. Deswegen heute verspätet und mit kommentarlosem Genuss ein paar Infos über den Vater von Orin, Hal und Mario, der von seinen Söhnen immer als Er Selbst bezeichnet wird.


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[*Tag 14*]

„Die riesige Lady auf Liberty Island im Hafen von NNYC trägt eine Sonnenkrone und hat eine Art riesiges Fotoalbum unter dem einen Eisenarm, und der andere Arm hält ein Produkt in die Höhe. Das Produkt wird an jedem 1. Januar von wackeren Männern mit Karabinerhaken und Kränen ausgetauscht.“
(S. 530)

[*Kommentar:*]
Wenn die Zeitrechnung verkauft ist und Jahreszahlen von Produktnamen ersetzt werden, verliert natürlich auch die Freiheitsstatue ihre Unschuld. Nachdem sie den Whopper, die mäuschenstille Maytag-Spülmaschine und die Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas in die Höhe gehalten hat, bekommt da Miss Liberty die Inkontinenz-Unterwäsche einfach nur in die Hand, oder muss sie den Schlüpper sogar tragen?


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[*Tag 13*]

„Als aine, wo alli Aabeehysli verspritzt, bin ych scho männgs Joor bekannt gse. In de Beize uff de Landstroosse han ych scho lang nimme uff d’Schissi deerfe. Deheim, im Bad isch d’Dabeete scho so wällig gse, das glaubsch gar nit. Aber denn uff aimool … das wird ych nie vergässe. Ai Wuche no, und ych hätt niinzig Tag nimme gsoffe. Drei Moonet wär ych denn undrungge gse. Also ich hogg dehaim uff dr Schissi, verstoosch. Bi am Drugge wie allewyl, das glaubsch gar nit, und … und bi so verstuunt gse, ych ha ,myne Auge nit traut. Das han ych scho lang nymme gsee, do han ych zerscht dänggt, ’s Portemonnaie isch mir ins Hysli gfalle, verstoosch. By Gott, ych han dänggt, ’s Portemonnaie isch mir ins Hysli gfalle. Ych kneule also aane und lueg mir die Sach im schummrige Liecht vom Hysli ganz genau aa. Ych ha myne Auge nit traut, versteend ihr, Lyt, ich kneule also näbem Haafe und lueg ganz gnau. Grad soo wie me emene Schatz in d‘ Auge luegt. Miini Frynd, das isch e Fraid gse, mir fäle d‘ Wort. Do lygt e richtig Wirschtli. E richtig Wirschtli. Feschd, spitzig und lycht krumm.“
(S. 507)

[*Kommentar:*]
Phonetisches Schreiben at it’s best: Wallace macht keine Kompromisse und lässt bei einem Treffen der Bostoner Anonymen Alkoholiker einen 50-jährigen Immigranten aus der Schweiz auch mal auf einer ganzen Seite im Originalton über seine erste feste Ausscheidung in der Trockenzeit jubeln.


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[*Tag 12*]

„Sprengköpfe können einzeln abgeschossen werden oder in einen komplizert verknoteten Genitalschutz zu einem Multiple Independent Reentry Vehicle verpackt werden, einem MIRV, der sich im Flug öffnet und die unabhängig zielsuchenden Mehrfachsprengköpfe freigibt. MIRVs können verschwenderisch gebraucht werden, wenn ein Kombattant über genug Megatonnage verfügt, kommen faktisch aber fast nur zum Einsatz, wenn eine Eschaton-Partie von einer kontrollierten Reihe Sporadischer Atomschläge – SPORTATOMs – zu einem umfassenden apokalyptischen Totalen Atomkrieg zur Auslöschung der Zivilbevölkerung – TAAZ – eskaliert. Auf einen TAAZ lassen es nur wenige Kombattanten ankommen und nur, wenn die erbarmungslose Logik der Spieltheorie sie dazu zwingt, denn unterm Strich kosten TAAZ-Schläge beide Kombattanten in der Regel so viele Punkte, dass sie von der weiteren Auseinandersetzung ausgeschlossen werden. Den Sieg bei einer Eschaton-Partie trägt ganz einfach die Mannschaft davon, die das günstigste Punkteverhältnis von AUSTZA – Austeilen von Tod, Zerstörung und Außergefechtsetzung – zu EINTZA – evident: Einstecken von Tod, Zerstörung und Außergefechtsetzung – vorweisen kann, wobei die Zählung von Punktwerten für T-Shirts, Handtücher, Shorts, Armbinden, Socken und Schuhe für jeden Kombattanten statistisch kitzlig ist, außerdem gibt es abenteuerlich komplizierte Korrekturen hinsichtlich Ausgangsmegatonnage, Bevölkerungsdichte, Verteilung von Boden-, See- und Luftstreitkräften sowie EM-Impuls-immune Zivilverteidigungsausgaben, sodass der offizielle Sieger erst nach dreistündigen EndStat-Berechnungen und mindestens vier Motrins für Otis P. Lord feststeht.“
(S. 467/468)

[*Kommentar:*]
Verschwurbelte Gebrauchsanweisungen sind nichts dagegen: Wallace gönnt sich mehrere Seiten, um Eschaton zu erklären, ein hochkompliziertes Spiel, dem sich die Internatsschüler einmal im Jahr mit viel Aufwand und noch mehr Emotionen hingeben. Tennis trifft auf Brennball trifft auf Risiko trifft auf ziegelsteindicke Politikhausarbeiten. Doch auf keinen Fall sollte man die Passage überspringen, denn nach den Regeln beschreibt Wallace den Spielverlauf im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche. Die Welt ist im Krieg, die Schüler werden zu Staatsoberhäuptern und Kriegsstrategen – und dann eskaliert das Spiel mit einer Massenprügelei. Daran hat man auch dann noch Freude, wenn man den theoretischen Ausführungen zuvor überhaupt nicht folgen konnte. Vermutlich hat bisher auch noch kein einziger Leser die Regeln von Eschaton verstanden. Dem Spaß tut das nichts.


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[*Tag 11*]

„Die unvollständige Gestation und die arachnoide Geburt hinterließen Mario II. jedenfalls einige charakterbildende körperliche Herausforderungen fürs Leben. Zum einen seine Größe; in der sechsten Klasse war er so groß wie ein Kleinkind, und mit 18+ rangierte er zwischen einem Gnom und einem Jockey. Hinzu kamen die verhutzelt aussehenden und bradyauxetischen Arme, die sich in einem haarsträubenden Beispiel von Volkmann-Kontraktur im majuskulären S’en vor dem Thorax krümmten, rudimentäres messerloses Essen und das Eintatzen auf Klinken erlaubten, bis sich diese so weit drehten, dass die Tür aufgetreten werden konnte und einen Spielobjektivrahmen bildete, durch den Szenen auszuspähen waren, außerdem konnte er Tennisspielern mit etwas Glück auf sehr kurze Entfernungen Bälle zuwerfen, wenn sie sie haben wollten, aber sonst nicht viel, dabei waren die Arme beeindruckend – fast schon an familiäre Dysautonomie gemahnend – schmerzunempfindlich und konnten gekniffen, gestochen, versengt und sogar von Marios älterem Bruder Orin im Keller mit einem schraubstockähnlichen Apparat zur Objektivsicherung ohne Wirkungen oder Klagen zusammengepresst werden. “
(S. 452)

[*Kommentar:*]
Und noch ein Incandenza-Sohn, der mit einem Absatz genauer vorgestellt wird, auf den Wallace wohlgemerkt nur eine einzige Fußnote (Volkmann-Kontraktur) verschwendet. Mit seiner ungewöhnlichen Erscheinung ist Mario der Exot der Enfield Tennis Academy, zu dem jede der Hauptfiguren ein besonders intensives Verhältnis hat. Mario war der Liebling seines Vaters, den er stets auf dessen Dreharbeiten begleitete und von dem er eine spezielle Kameraanfertigung vererbt bekam, mit der Mario trotz seiner körperlichen Herausforderungen filmen konnte. Und so ist Mario im Internat allgegenwärtig, da er den Auftrag hat, die offiziellen Aufnahmen zu erstellen, mit denen das Leben an der Academy dokumentiert werden soll. Während Mario von Orin nicht für voll genommen wird, vergöttert ihn der jüngere Bruder. Hal teilt nicht nur den Schlaftraum mit Mario, er fürchtet seine Meinung wie die von niemandem sonst und glaubt heimlich, dass Mario wundersame Kenntnisse oder Fähigkeiten besitzen muss.


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[*Tag 10*]

„Das Persönliche ist das Politische ist das Psychopathologische: Die Politiken zeitgenössischer psychopathologischer Dilemmata
Semesterzwischenklausur
Ms THODE
7. November, J. der I.U.

HALTEN SIE IHRE ANTWORTEN KURZ UND GESCHLECHTSNEUTRAL
1. AUFGABE
(1a) Sie sind ein pathologisch kleptomanes Individuum. Kleptomaninnen haben den pathologischen Trieb zu stehlen, stehlen, stehlen. Sie müssen stehlen.
(1b) Sie sind jedoch auch ein pathologisch agoraphobes Individuum. AgoraphobikerInnen können kaum die Verandatreppe vor dem eigenen Haus betreten, ohne Herzklopfen, Schweißausbrüche und Gefühle eines drohenden Verhängnisses zu erleiden. Agoraphobikerinnen haben den pathologischen Trieb, zu Hause zu bleiben und nicht hinauszugehen. Sie können das Haus nicht verlassen.
(!c) Aus (1a) folgt, dass Sie den pathologischen Trieb haben zu stehlen, stehlen, stehlen. Aus (1b) folgt jedoch, dass Sie den pathologischen Trieb haben, niemals Ihr Haus zu verlassen. Sie wohnen allein. Also ist niemand im Haus, den Sie bestehlen können. Also müssen Sie es verlassen und auf dem Marktplatz Ihrem überwältigenden Trieb gehorchen zu stehlen, stehlen, stehlen. Sie haben jedoch eine solche Angst vor dem Marktplatz, dass sie unter gar keinen Umständen das Haus verlassen können. Ob Ihr Problem nun zur persönlichen Psychopathologie zu zählen ist oder auf bloßer Marginalisierung durch eine politische Definition des Begriffs „Psychopathologie“ beruht, in jedem Fall handelt es sich um einen Double Blind.
(1d) Bitte äußern sie sich daher zu der Frage: Was tun sie?“
(S. 443/444)

[*Kommentar:*]
Wallace nutzt den Blickwinkel der nahen Zukunft, um immer wieder politische Spitzen abzufeuern. Da steht etwa das Unabhängigkeitsstreben der Québecer gegenüber dem Volk der USA, das nur an die eigene Lust glaubt und deren Mitglieder allerhöchstens noch bereit sind, für das perfekte Programm einer Unterhaltungspatrone zu sterben. Wallace entlarvt, verpackt aber immer mit Spaß. Nie ist er politisch unkorrekt, aber er hat den Mut, politisch unkorrekt zu wirken. Unendlich lustig ist etwa sein Bericht von den Samstagskursen an der Enfield Tennis Academy. Da ist die als wahnsinnig geltende Dozentin M.E. Thode, die einen Ausblick gewährt, wohin ein bereits heute überholter und altbackener Feminismus à la Alice Schwarzer abdrehen kann. Und wie beantwortet man jetzt 1d ?


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[*Tag 9*]

„Er müsste Geoffrey Day entgegnen, bei aller Kritik seien Klischees doch (a) beruhigend, (b) Anzeichen von gesundem Menschenverstand und erlaubten (c) jenes universelle Einverständnis, das die Stille ersticke, und Stille sei (4) tödlich, reine Spinnennahrung, wenn man die Krankheit hat.“
(S. 401)

[*Kommentar:*]
Immer wieder sind es Drogen und der eigentlich nicht zu bewältigende Entzug, die Wallace die Welt verstehen lassen. Wenn er für 20, 30 Seiten durch die Entzugsklinik streift und deren monströse Insassen beschreibt oder wenn er die Schüler der Enfield Tennis Academy belauscht und in ihre Köpfe blickt, in denen neben Gedanken über Lobs und Sponsoren vor allem die Vorfreude zirkuliert, sich mit dem nächsten Kick weg zu schießen, dann sind da diese kleinen Exkurse, von denen jeder einzelne für einen anderen Autor einen ganzen Roman wert wäre.


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[*Tag 8*]

„Die ganze Sache war ein Albtraum. Ich bin partout nicht auf den Trichter gekommen, was der Typ wollte. Ich bin in die Bibliothek am Copley Square runter und hab mich durch die gesamte Trauerabteilung gefräst. Keine Disketten. Richtige Bücher. Ich hab Kübler-Ross gelesen und Hinton. Ich hab mich durch Kastenbaum und Kastenbaum durchgeackert. Ich hab Sachen gelesen wie Elizabeth Harper Neelds „Sieben Wahlen. Stufen zu einem neuen Leben nach dem Abschied von einem lieben Menschen“, was eine 352 Seiten lange Anrufung der großen Zähren war. Ich bin zu ihm und hab ihm handbuchgerechte Symptome von Verleugnung, Rollenaushandeln, Zorn, noch mehr Verleugnung und Depression vorgespielt. Ich hab meine sieben Handbuchwahlen aufgelistet und bin plausibel zwischen ihnen hin- und hergeschwankt. Ich hab ihn mit etymologischen Einzelheiten zum Begriff Akzeptanz vertraut gemacht, der auf das französische Wort accepter zurückgeht, einer Entlehnung aus dem lateinischen acceptare. Der Trauertherapeut wollte nichts davon wissen. Es war wie so eine Examensprüfung im Albtraum, wo man einen Stoff bestens präpariert hat, und dann setzt man sich hin, und alle Fragen sind auf Hindi. Ich hab ihm sogar zu erzählen versucht, es sei Ihm selbst schlecht gegangen, er hätte Bauchspeicheldrüsenkrebs und die meiste Zeit sowieso schon einen Riss in der Plane gehabt, die Moms und er hätten sich einander im Grunde genommen entfremdet, selbst Arbeit und Wild Turkey hätten nicht mehr geholfen, und er hätte die Hoffnung aufgegeben, weil ein Film, an dessen Endschnitt er arbeitete, so schlecht geworden sei, dass er ihn nicht freigeben wollte. Dass sein … dass das, was geschehen sei, letztlich wahrscheinlich eine Gnade gewesen sei.“
(S. 364)

[*Kommentar:*]
Ein Telefonat, das allein schon für jede vorherige Anstrengung und Bandwurmsätze voller Nerdwissen entschädigt. Hal wird von seinem Bruder Orin angerufen, der viele Jahre nichts mehr von seiner Familie wissen wollte, jetzt aber doch seinen jüngeren Bruder über den Selbstmord des Vaters befragt. Widerwillig erzählt Hal, dass er selbst es war, der als erster nichts ahnend die Küche betreten hat, nachdem der Vater den Kopf in die Mikrowelle gesteckt hatte. Er berichtet von Trauer und Traumatherapie und offenbart, worunter er am stärksten gelitten hat: Zum ersten Mal konnte er nicht das geben, was von ihm verlangt wurde. Er konnte den Therapeuten nicht davon überzeugen, dass er angemessen trauert. Wallace läuft mit dem Gespräch der Brüder zur absoluten Höchstform auf: Gerade durch ironische Distanzierung, aufgesetzte Gleichgültigkeit und verbale Ablenkungsmanöver macht er die Zuneigung der beiden sichtbar und lässt dabei nicht nur die tief sitzenden Verletzungen Hals erkennen, sondern findet in der Absurdität sogar noch schärfere Konturen für Hals Schmerz.


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[*Tag 7*]

„Chronologie der das Steueraufkommen steigernden Sponsorenzeit TM der Organization Of North American Nations nach Jahren

(1) Jahr des Whoppers
(2) Jahr des Tucks-Hämorrhoidensalbentuchs
(3) Jahr der Dove-Probepackung
(4) Jahr des Perdue-Wunderhuhns
(5) Jahr der mäuschenstillen Maytag-Spülmaschine
(6) Jahr des Yushityu 2007 Mimetische-auflösung-Patronensicht-Hauptplatine-Leicht-Zu-Installieren Upgrades Für Infernatron/InterLace TP-Systeme Für Heim, Büro oder Unterwegs (sic)
(7) Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas
(8) Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche
(9) Jahr des Glad-Müllsacks “
(S. 321/322)

[*Kommentar:*]
Was bereits in seinen Kurzgeschichten ein zentrales Thema war, zieht sich natürlich auch durch „Unendlicher Spaß“: die radikale Verwandlung von allem und jeden in Waren und mediale Fakes. Wallace übt Kapitalismuskritik, doch er predigt nicht, verfällt nicht auf Schwarzweißmalerei, und immer gewinnt Humor gegen Verbissenheit und Verzweiflung. Und auch in die gefährlichste Falle tappt Wallace nicht. Oft genug werden Satiren von der Wirklichkeit überholt, die sehr viel schneller und vor allem aberwitziger ist. Stadien, Fußballvereine, Konzerthallen, TV-Sendungen, Veranstaltungen, und sogar Unihörsäle sind zwar bereits in Sponsorenhand, doch unsere Zeitrechnung blieb bisher verschont. Mag sein, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch diese Bastion fällt. Aber dann sollten wir zumindest hoffen, dass uns das Hämorrhoidensalbentuch erspart bleibt.


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[*Tag 6*]

„Dass Frauen in Bezug auf sexuelle und Ausscheidungsfunktionen genauso vulgär sein können wie Männer. Dass über sechzig Prozent aller Menschen, die wegen Drogen- oder Alkoholdelikten festgenommen werden, zu Protokoll geben, als Kind missbraucht worden zu sein, und dass zwei Drittel der verbleibenden vierzig Prozent zu Protokoll geben, sie hätten zu wenige Erinnerungen an ihre Kindheit, um die Frage möglichen Missbrauchs bejahen oder verneinen zu können. Dass man zum d-Moll-Kreischen eines billigen Staubsaugers hypnotische, Madame-Psychosis-artige Harmonien erfinden und, ist einem diese Hausarbeit zugeteilt worden, beim Staubsaugen vor sich hinsummen kann. Dass manche Menschen wirklich wie Nagetiere aussehen. Dass es manchen drogensüchtigen Prostituierten schwerer fällt, von der Prostitution zu lassen als von der Droge, was mit den sehr verschiedenen Richtungen des Bargeldumlaufs der beiden Gewohnheiten begründet wird. Dass es ebenso viele idiomatische Ausdrücke für das weibliche Geschlechtsorgan gibt wie für das männliche.“
(S. 290)

[*Kommentar:*]
Von den Drogen lernen heißt über das Leben lernen. Auf knapp zehn Seiten listet David Foster Wallace Erkenntnisse, die man beim Aufenthalt in einer Entzugsklinik gewinnt. Das ist oft lustig, mal bestätigt es Vorurteile, mal dreht es sie, und unerwartet tauchen immer wieder überraschende wie nachdenklich stimmende Thesen auf. Die ganze Welt eine Entzugsklinik? Für David Foster Wallace war es wohl ganz sicher so …


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[*Tag 5*]

„Die Student Union selbst, das Chef d’oeuvre des verstorbenen A. Y. („V.“) Rickey, hat die Struktur eines großen hohlen Gehirns, ist ein gestiftetes Denkmal des nordamerikanischen Haushochtechnologiezentrums und längst nicht so scheußlich, wie Ausheimische sie sich vorstellen, obgleich die gläsernen geblähten Ballonaugen, die deorbitiert und an verflochtenen blauen Schnüren am Chiasma opticum im ersten Stock aufgehängt die Rollstuhlrampe flankieren, gewöhnungsbedürftig sind, und manch einer gewöhnt sich wie der Techniker nie daran und benutzt die weniger knalligen Gehörgänge an den Seiten; zudem machen die zahlreichen Gehirnfurchen und -windungen auf dem glitschigen Latexdach das Regenwasserablaufsystem komplex und den Halt im besten Fall riskant, sodass kaum jemand in seiner Freizeit übers Dach flaniert, wenngleich sich eine Art Schutzgeländer aus schädelfarbenem Polybutylenharz vom Sulcus frontalis inferior bis zum Sulcus parietooccipitalis um das Mittelhirn herumzieht – ein haloartiger Ring auf der Höhe etwa einer Dachtraufe, auf dem das Cambridge Fire Department den wütenden pro-mimetischen Protesten topologischer Rickeyisten drüben im Institut für Architektur zum Trotz bestanden hatte (und dessen Fertigharz die M.I.T.-Verwaltung im Versuch, sowohl Rickeyisten als auch den Fire Marshall des C.F.D. zu besänftigen, mit Farbstoffen hatte versetzen lassen, um ihm das ausgesprochen eklige braunstichige gebrochene Weiß eines echten Schädels zu geben, sodass die Brüstung sowohl materiellen Knochen gleicht als auch eine numinose Aura besitzt) -; dieses Geländer sorgt dafür, dass auch die übelste Latexrutschpartie mit nachfolgendem Absturz vom steil gewölbten Schädelrand nach wenigen Metern von der breiten Butylenplattform gebremst würde, von der sich eine venös blaue Notleiter an Gyrus temporalis superior, Pons und Abduzens vorbei hinablassen und an der Basis-Arterie des Hirnstammes aus Polyurethan festhaken ließe, von der aus ein ungefährlicher Shimmy hinab zur guten alten Oblongata gleich neben dem gummierten Meatus am Bodennullpunkt kein Problem mehr wäre.“
(S. 268/269)

[*Kommentar:*]
Auch das darf nicht verschwiegen werden: Bei diesem Zitat handelt es sich um EINEN Satz. Um einen langweiligen Satz. Und er ist keinesfalls ein Ausrutscher oder gar der längste. Man überspringt ihn als Leser vermutlich nicht, aber man schaltet in einen tranceartigen Automatikmodus. Schnell wird klar, dass man die Infos nicht wirklich braucht, die dieses Ungeheuer transportiert. Doch man trägt es Wallace nicht nach, ja, man gönnt ihm sogar diese Selbstverliebtheit. Auch weiß man, dass noch viele weitere Bandwurmsätze folgen werden. Und man wird sie alle in Kauf nehmen.


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David Foster Wallace: 30 Zitate an 30 Tagen

[*Tag 4*]

„Am mittleren Nachmittag des 2. April im J.s.I.-U.: der Gesundheitsattaché aus dem Nahen Osten; seine treu ergebene Ehefrau; der persönliche Assistent des Leibarztes des saudischen PrinzenQ-, der vorbeigeschickt worden war, um festzustellen, warum der Gesundheitsattaché vormittags nicht im Back Bay Hilton erschienen war, und, als er angepiept worden war, nicht zurückgerufen hatte; der Leibarzt selbst, der daraufhin feststellen wollte, warum sein persönlicher Assistent nicht zurückgekommen war; zwei bewaffnete Männer vom Wachschutz der Botschaft, die von einem candidaleidenden und fuchsteufelswilden Prinzen Q- geschickt worden waren; und zwei sauber gescheitelte Pamphletisten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, die durch das Wohnzimmerfenster menschliche Köpfe gesehen und die Haustür angelehnt gefunden hatten und mit den besten geistlichen Absichten hereingekommen waren – alle sahen sich die Endlosschleife an, die der Gesundheitsattaché am Vorabend für den TP eingestellt hatte, saßen oder standen aufmerksam da, ohne sich zu rühren, sahen keine Spur besorgt oder auch nur unangenehm berührt aus, obwohl das Zimmer wirklich scheußlich stank.“
(Seite 126/127)

[*Kommentar:*]
Eine kleine Nebenhandlung mit Pageturnereffekt: Etwa alle 50 Seiten streut Wallace einen kurzen Absatz über den Gesundheitsattaché ein. Der ist – zumindest im Privatleben – gewohnt, von seiner Frau bei allem bedient zu werden. Durch einen Zufall muss er aber eines Tages selbst die tägliche Post durchsehen. Er findet hier eine unbeschriftete Unterhaltungspatrone und legt sie in den TP ein, der in der nahen Zukunft TV, DVD und all das kombiniert und ablöst. Was auf dem Band zu sehen ist, erfährt der Leser nicht. Umso ausführlicher geht es aber darum, welchen Effekt das Gesehene auf die Zuschauer hat. Und dazu gibt es an anderen Stellen Hinweise darauf, dass Hals Vater nicht nur Wissenschaftler war und die Tennis Academy gegründet, sondern sich auch als Experimentalfilmer versucht hat.


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David Foster Wallace: 30 Zitate an 30 Tagen

[*Tag 3*]

„9. Alias LSD-25, oft mit einem zusätzlich beigemischten Schnellmacher; der Name „Black Star“ rührt daher, dass Acid in Metro-Boston meist in Form chipgroßer dünner Pappquadrate mit aufgeprägtem schwarzem Stern angeboten wird, die von einem bestimmten zwielichtigen Nachschubknotenpunkt unten in New Bedford stammen. Genau wie Kokain und Heroin kommen Acid und Grievous Bodily Harm nach Boston hauptsächlich via New Bedford, Massachusetts, das sich wiederum aus Bridgeport, Connecticut, Nachschub beschafft, das Nordamerikas wahren Dickdarm bildet, Bridgeport, seien sie gewarnt, falls sie noch nie dort waren.
10. Wie an den meisten Sport-Academies verficht man an der E.T.A. die Schönfärberei, 100 Prozent der Schüler seien aus eigenem ehrgeizigen Antrieb hier und nicht, nur mal so als Beispiel, aus dem ihrer Eltern, die (Tenniseltern wie die Bühnenmütter in den Legenden von Hollywood) teilweise ein echter Griff ins Klo sind.“
(Seite 1412/1413)

[*Kommentar:*]
Es hat Fußnoten. Und zwar verdammt viele: 388 auf 134 Seiten. Die muss man nicht lesen, aber man macht es natürlich doch. Manchmal sind es nur kurze Begriffserklärungen, manchmal Hintergrundinfos und lustige Kommentare, und manchmal zieht sich eine Fußnote auch über mehrere Seiten. Da findet man dann etwa eine Filmografie von Hals Vater James O. Incandenza, natürlich eine um größtmögliche Vollständigkeit bemühte, die neben Streifen wie „Tennis, alle miteinander?“ und „Die Annularfusion ist unser Freund“ auch die zwei Versionen von „Unendlicher Spaß“ listet, die dem Roman den Titel geben. Da findet man Gesprächsprotokolle von Insasse-Betreuer-Konnexionsstunden aus dem Ennet House Drug And Alcohol Recovery House, Enfield, Massachusetts, und da findet man Briefe, Augenzeugenberichte, Gutachten, Interviews. Für David Foster Wallace war es wohl eine Frage der Ehre, dass er es mit steigender Anzahl der Fußnoten wagt, auch in den Fußnoten wiederum Fußnoten einzubauen. Auch egal, denn Leser, die bei Fußnote 269 angekommen sind, sind längst druff und stellen sich sowieso erst gar nicht mehr die Frage, ob das wirklich nötig gewesen wäre.


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David Foster Wallace: 30 Zitate an 30 Tagen

[*Tag 2*]

„Er würde alles wegkiffen, auch wenn er keine Lust hätte. Selbst wenn ihm davon schwindlig und übel würde. Mit Disziplin, Beharrlichkeit und Willenskraft würde er die ganze Erfahrung so unangenehm gestalten, so entwürdigend, liederlich und unangenehm, dass seine innere Einstellung sofort verändert wäre und er nie mehr Lust darauf verspüren würde, weil sich ihm die Erinnerung an die dann bevorstehenden vier Wahnsinnstage dermaßen schrecklich ins Gedächtnis gefräst hätte. Er würde sich durch Maßlosigkeit kurieren. Er sah es kommen, dass die Frau, wenn sie endlich kam, mit ihm zusammen etwas von den zweihundert Gramm kiffen wollen würde, dass sie abhängen, sich verkriechen, ein paar Platten aus seiner beeindruckenden Tito-Puente-Sammlung hören und vielleicht mit ihm schlafen wollen würde. Bekifft hatte er noch nie mit einer Frau geschlafen. Die Vorstellung widerte ihn, ehrlich gesagt, auch an. Zwei ausgetrocknete Münder, die aufeinanderprallten und sich zu küssen versuchten, seine befangenen Gedanken, die sich umeinander ringelten wie eine Schlange um einen Stock, während er über ihr bockte und trocken schnaufte, seine rot angeschwollenen Augen und seine Hängebacken, die womöglich schlaff auf ihre ebenso schlaffen lappten, während ihr Gesicht auf seinem Kissen hin- und herschwappte, sein trocken herumfuhrwerkender Mund. Ihm wurde bei der Vorstellung fast schlecht.“ (S. 35/36)

Wenn Hal nach seinem Uni-Bewerbungsgespräch auf einer psychiatrischen Trage landet, dann natürlich nicht zuletzt, weil er über viele Jahre ein perfektes System entwickelt hat, um in den verschachtelten Kellergängen der Tennis Academy regelmäßig und unentdeckt zu kiffen. Vielleicht ist Kiffe die verlässlichste Konstante in Hals Leben, in „Unendlicher Spaß“ ist auf jeden Fall nichts wichtiger. Zweitwichtigster Handlungsort ist nach dem Tennisinternat dann auch eine Entzugsklinik. Immer wieder streut Wallace Berichte von Süchtigen ein, die versuchen, von einer Droge loszukommen. So wie Erdedy, der jede Marihuana-Session zelebriert, als wäre es seine letzte. Selbstdarstellung, Ängste, Psychosen, der Kampf mit den Kontrollverlusten: Indem Wallace die Gedanken seiner Helden ständig um den nächsten Kick kreisen lässt, zeichnet er tiefenscharfe Psychogramme, die uns die Welt erklären können. Dabei spielt auch keine Rolle, dass „Unendlicher Spaß“ irgendwann in der nahen Zukunft spielt. Wer weiß schon so genau, ob nicht bald das Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche anbricht, in dem ein Großteil der Handlung spielt?

 

Unendlicher Spaß beim Auseinandernehmen von David Foster Wallace • Weitere Beiträge

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