Goldmädchen Greta Gerwig

Indie-Königin Greta Gerwig hat’s geschafft: Ihr Film „Lady Bird“ hat den Golden Globe schon in der Tasche, für die Oscars ist er gleich fünf Mal nominiert! Und dabei sind ihre Filmfiguren doch stets so (sympathisch) ziellos …

Dieses Interview führte Volker Sievert mit Greta Gerwig anlässlich ihres Durchbruchsfilm „Frances Ha“, für den Gerwig nicht nur die Hauptrolle übernommen, sondern auch das Drehbuch gemeinsam mit Regisseur Noah Baumbach geschrieben hatte.

Volker Sievert: Greta, „Frances Ha“ ist eine junge Frau wie viele moderne twentysomethings: gebildet und klug, aber nicht in der Lage, zu entscheiden, was sie machen will. Sie träumt davon, Tänzerin zu werden, kriegt ihren Hintern aber nicht zum Training. Warum sind wir oft so unentschlossen?

Greta Gerwig: Ich denke, Frances ist sehr entschlossen und ehrgeizig, die Welt gibt nur nicht ihrem Willen nach. Sie weiß, was sie will, sie kann das aber einfach nicht bekommen. Sie würde gerne ein Modern-Dance-Star sein und mit ihrer besten Freundin in einem Haus wohnen, doch das ist nicht realistisch. Auf ihrer Reise geht es eher darum, die Realität zu akzeptieren, als Wünsche erfüllt zu bekommen.

 

 

Volker Sievert: Frances kann auch nicht wirklich erklären, was sie so macht, weil sie es nicht wirklich macht. Scheint, als sei das Aufschieben von Dingen ein Merkmal von urbanen Driftern, die nicht von „jung“ zu „erwachsen“ kommen, ohne im dazwischenliegenden Niemandsland zu versacken …

Greta Gerwig: Wie andere Leute so sind, kann ich nicht sagen, ich kann nur für die Figur sprechen, die ich als Koautorin des Drehbuchs geschrieben habe. Das ist Frances, sie ist eine verdrehte und traurige Person und gleichzeitig hoffnungsvoll, was ihre Lebensverhältnisse angeht, und das erlaubt ihr, ihre Erlebnisse zu kommentieren, während sie noch mittendrin steckt und sie voll durchlebt.

Volker Sievert: Du hast den Film zusammen mit Regisseur Noah Baumbach geschrieben. Wie viel von Greta steckt dadurch in Frances?

Greta Gerwig: Frances ist eine fiktionale Figur in einer fiktionalen Welt, die von fiktionalen Menschen bewohnt wird, die Noah und ich zusammen erfunden haben. Als Drehbuch ist das ungeheuer „geschrieben“, was bedeutet: keine Improvisationen, kein Hinzufügen oder Ändern von Wörtern, kein Herumdoktorn allgemein. Wenn man erst einmal ein Jahr an etwas geschrieben und das dann an fünfzig 14-Stunden-Tagen verfilmt hat, hört es auf, in irgendeiner substantiellen Weise etwas mit deinem realen Ich zu tun zu haben. Natürlich haben Noah und ich auch Inspiration aus unseren jeweiligen Leben gezogen, aber sobald wir das niedergeschrieben haben, wurde aus Fakt Fiktion.

Volker Sievert: Wusstest du, dass „Oh Boy“, ein in Schwarz-Weiß gedrehter kleiner Film über einen Studienabbrecher, der sich durch Berlin treiben lässt, dieses Jahr den Deutschen Filmpreis gewonnen hat? Wenn man „Frances Ha“ bedenkt: Was ist so interessant daran, Leuten dabei zuzusehen, wie sie eben nichts erreichen?

Greta Gerwig: „Oh Boy“ hab ich noch nicht gesehen, freu mich aber drauf. Ich habe nicht das Gefühl, dass es besonders interessant ist, Leuten beim Nichterreichen oder auch beim Erreichen von etwas zuzugucken. Ich möchte viele verschiedene Arten von Leuten im Kino vertreten sehen, die viele verschiedene Probleme erfahren und Leben leben. Erfolgreich, nicht erfolgreich, Männer, Frauen, mich interessiert alles.

Volker Sievert: Dann interessiert dich sicher auch Hannah, die Hauptfigur der angesagten Serie „Girls“. Sie könnte eine Freundin von Frances sein: Mitte 20, sucht ihren Platz in der Welt, meist am Jobben, will aber eigentlich Künstlerin werden. Ist das so eine Art neuer Archetyp der Popkultur?

Greta Gerwig: Ach, darüber sollen Journalisten schreiben. Ich versuche nur meine Arbeit möglichst gut zu machen und überlasse die pauschalen Aussagen Leuten, die das kompetenter beurteilen können.

Volker Sievert: Aber gerne: Bei deinem letzten Film „Lola gegen den Rest der Welt“ nannte dich ein Kollege „Greta, die Große“ und „Muse des amerikanischen Arthouse“. Was denkt eigentlich Greta über Greta?

Greta Gerwig: Ich fühl mich ziemlich gut zurzeit, fühl mich gut in meiner Haut und mag die Richtung, die meine Arbeit so nimmt, und ich bin gespannt darauf, neue Herausforderungen anzunehmen.

Volker Sievert: Frances, die unwissentliche Philosophin, meint: Manchmal ist es gut, zu tun, was man tun soll, wenn man es tun soll. Ich weiß auch nicht, aber ich wollte sie umarmen, als sie das sagte …

Greta Gerwig: Ich auch, die ganze Zeit. Zum Glück war ich in der Lage, ihr einen Film zu schreiben und sie dann zu spielen. Das ist meine Art, zu versuchen, mich um sie zu kümmern.

CHECKBRIEF
NAME Greta Gerwig
BERUF Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin
ALTER 30
WOHNT IN New York
STAMMT AUS Sacramento, Kalifornien
HAT deutsche Vorfahren
KENNT MAN AUS „Greenberg“ (2010, Regie: Noah Baumbach), „Arthur“ (2011), „To Rome with Love“ (Regie: Woody Allen)
IST ZUSAMMEN MIT Noah Baumbach
NEUER FILM „Frances Ha“ von Noah Baumbach, startet am 1. August

Dieses Interview erschien zuerst im August 2013 auf umagazine.de

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