Contemporary Music

Abgeranzte Musik, die auf den Sack gehen soll

Wir haben uns in vier rüpelige Jungs aus Mannheim verguckt, die sich Euternase nennen: Nicht nur, dass „L’Amour“ ein extrem starkes Debütalbum ist, beim Maifeld Derby haben sie auch gleich mal das Brückenaward-Zeit auseinandergenommen. Mit der Erwiderung unserer Liebe rechnen wir aber besser nicht, denn Musikkritik finden sie total für den Arsch.

Carsten Schrader: Euternase, wenn man euch im Netz sucht, findet man nur ganz wenig über die Bandgeschichte und euch als Personen. Haltet ihr Informationen bewusst zurück?

Robert: Wenn man meinen Namen googelt, findet man zwei Fotos von einem alten Bandprojekt, ansonsten aber rein gar nichts. Da wäre es ja blöd, wenn ich das jetzt plötzlich mit Euternase machen würde.

Luke: Es geht ja auch um die Musik und nicht um uns als Personen. Das muss nicht ans Tageslicht kommen.

Carsten Schrader: Mögt ihr mir trotzdem ein bisschen was zur Bandgeschichte erzählen?

Robert: Was soll ich da erzählen? Einige von uns hatten früher schon eine Band, und nach ein paar Jahren Pause hatten wir dann wieder Lust, Musik zu machen. Euternase gibt es jetzt seit etwa zwei Jahren.

Luke: Vielleicht ist die Geschichte ganz spannend, wie wir vor vielen Jahren Robert kennengelernt haben. Damals haben wir einen Schlagzeuger gesucht, und als wir eines Nachmittags zum Schwimmen wollten, sind wir an seinem Haus vorbeigekommen und haben Schlagzeugbeats gehört. Wir haben einfach geklingelt, seine Mutter hat uns in sein Zimmer geschickt, und als wir dann plötzlich vor ihm standen, haben wir uns gegenseitig komisch angeschaut. Es war dann aber schnell klar, dass wir uns verstehen.

Carsten Schrader: Dass jetzt vor ein paar Monaten euer Debütalbum „L’Amour“ erschienen ist, zeigt aber doch, dass ihr mit Euternase dann nicht mehr alles dem Zufall überlassen habt, sondern zielstrebiger an die Sache herangegangen seid, oder?

Philipp: Der Wille war natürlich da, aber bei der Musik, die wir machen, war eben die Frage, ob das auch wirklich passiert. Wegen unseres Budgets haben wir erst mal nur vier Songs aufgenommen, aber dann hieß es, dass es schlauer wäre, gleich eine Platte aufzunehmen – und weil wir die Songs schon hatten, war das dann auch kein Problem.

Robert: Es hat gut geklappt, obwohl wir in vielen Dingen eher passivere Leute sind. Wir machen gern Musik, und im Gegensatz zu vielen anderen machen wir auch Musik, die uns gut gefällt. Bei Euternase sind schon sehr viele egoistische Motive im Spiel.

Philipp: Wir haben keinen festen Stil, und wollen uns auch die Freiheit erhalten, morgen eine Klarinette an den Start zu bringen und Klezmer zu machen. Deswegen kann ich auch nicht verstehen, wenn Leute Coverversionen spielen und sich nach einer Vorgabe richten. Ich will doch nur das machen, was in unseren Köpfen steckt. Der Rest ist scheißegal.

Carsten Schrader: Aber als Sänger gibst du den anderen ja schon die Texte vor.

Philipp: Es läuft meist aber eher umgekehrt: Wir spielen etwas, und die Instrumente lösen etwas in mir aus. Auf dem Album sind sechs von acht Stücken so entstanden, ihre Texte habe nie auf Papier existiert. Ich schreibe zwar viele Texte, aber am Ende worden die kaum verwendet. Außerdem haben die anderen ja auch jederzeit ein Widerspruchsrecht. Ich habe ja keinen Bock, etwas aufzuziehen, bei dem drei von vier Leuten denken, dass es kompletter Müll ist.

Carsten Schrader: Wenn man Platten aufnimmt und immer größere Konzerte spielt, passiert es ja aber sehr schnell, dass man korrumpierbar wird und sich nach zumindest angenommenen Publikumserwartungen richtet.

Philipp: Konzerte befeuern ja eher den Wunsch, dass man aus der Band mehr machen will – aber gerade weil ich merke, dass die Musik auf die anderen Leute ähnlich wirkt wie auf mich selbst. Wenn man etwas schreibt und dabei schon überlegt, wie es auf andere wirkt – dann sollte man es besser bleiben lassen.

Carsten Schrader: Freut es euch denn, wenn ihr in der Musikpresse auftaucht?

Philipp: Es wäre schon hart arrogant, wenn ich behaupten würde, dass mich das gar nicht interessiert. Andererseits finde ich Musikkritik aber auch total für den Arsch. Interviews sind etwas anderes, aber der Versuch, Musik in Worte zu fassen, ist total dämlich. Das ist ja in etwa so, als wenn man die Striche eines Gemäldes in Wörtern darstellen wollte. Und am Ende steht dann eine Bewertung wie: 9 von 12 Punkte.

Carsten Schrader: Eure konsequent ausgelebte Antihaltung ist ganz sicher ein Faktor, der Euternase für viele attraktiv macht.

Philipp: Heutzutage erwarten es die Leute nicht mehr, dass man Gitarrenmusik macht, wo man sein Handwerk ja verstehen muss, und dann trotzdem abgeranzte Musik macht, die irgendwie nur auf den Sack gehen soll. Das erwartet man heute eher vom Rap.

Carsten Schrader: Vor allem erwartet man das nicht von einer Band aus Mannheim.

Philipp: „Mannheim, die Stadt, die Musik versteht“: Solche Artikel sind beliebt, und die begründen das dann allen Ernstes mit der Popakademie. Es gibt kein Rezept dafür, wie jeder mit einer bestimmten Masche bekannt werden kann. Wenn jemand anderes jetzt unsere Schiene fahren würde, dann würde man vermutlich merken, dass es aufgesetzt ist.

Carsten Schrader: Aber es gibt ja auch eine Gegenbewegung zur Popakademie …

Philipp: Natürlich ist es wichtig, dass man etwa eine Institution hat, die man scheiße findet. Subkultur entsteht ja, weil man verschreckt ist oder auf etwas Anstößiges reagiert. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich die Mannheimer Musikszene jetzt unbedingt so hochhalten würde.

Carsten Schrader: Immerhin gibt es hier das Rama Tonstudio von Produzent Chris Bethge, der ja nicht nur an eurem Debütalbum „L’Amour“, sondern auch schon mit Gewalt, Heim und Octo gearbeitet hat.

Philipp: Klar, das ist ein guter Freund von uns, der auch gezielt nach coolen Bands Ausschau hält. Ich hätte kein Bock, einen Tausender zu bezahlen, um dann in ein Studio zu gehen, wo zwar eine gute Aufnahme entsteht, aber überhaupt keine Inspiration mehr da ist.

Robert: Chris geht auf die Bands ein, und er hört, dass eine Band atonal und kratzig klingt, dann versucht er das auch entsprechend umzusetzen. Der Grundcharakter einer Band wird beibehalten, und das ist ja schon ein gewaltiges Statement gegen den momentan vorherrschenden Trend, alles möglichst glatt klingen zu lassen.

Philipp: Es wird ja ständig aufgegriffen, dass wir unser verdammtes Album so schnell produziert haben. Am Ende geht es doch vor allem darum, dass es Spaß machen soll. Ich habe einfach keinen Bock, unserem Gitarristen dabei zuzusehen, wie er Spur auf Spur aufnimmt. Die Grundsubstanz einer Band sollte doch in einem Rutsch aufgenommen werden. Ich finde einfach, dass man es einer Platte immer anhört, ob die Musiker selbst Spaß hatten oder nicht.

Carsten Schrader: Auf größerer Ebene habt ihr mit dem Münsteraner Label This Charming Man ja auch eine sehr stimmige Heimat gefunden.

Robert: Natürlich kannten wir schon Bands wie Messer und Karies, aber wir haben nicht gezielt darauf hingearbeitet, bei This Charming Man zu veröffentlichen. Die haben bei uns nachgefragt, und es hat dann einfach perfekt gepasst.

Carsten Schrader: Was ist das denn eigentlich für ein seltsames Bild auf dem Cover?

Philipp: Der Typ, der da mit dem Fahrrad im Baum hängt, ist mein Urgroßvater. Tatsächlich hatte mein Opa gerade eine alte Schachtel voller alter Fotos von seinem Vater gefunden, und ich war sofort Feuer und Flamme, weil ich die Hoffnung hatte, da vielleicht eine Aufnahme zu finden, die wir für das Album verwenden können. Mein Opa fand es auch witzig, dass wir das Foto genommen haben, und zusammen mit dem Titel „L’Amour“ kontrastiert das sehr schön die harte, schroffe Musik, bei der sehr viel Negativität mitschwingt. Es ist doch viel spannender, die Platte „L’Amour“ und nicht etwa „Monotonie und Krebs“ zu nennen. Der Widerspruch regt zum Hinterfragen an.

Carsten Schrader: Für mich steckt auch in euren Texten und ja auch im Bandnamen ein gewisser Humor, der eine schablonisierte Rezeption verhindert.

Philipp: Ich habe die Texte nicht humoristisch konzipiert, aber kein Mensch ist ja ausschließlich negativ und passiv. Du meinst ja vermutlich auch nicht, dass die Texte lustig, sondern eher seltsam witzig sind. Wir wollen uns ja auch nicht zu ernst nehmen, und ich will jetzt gar nicht weiter auf den Bandnamen eingehen, aber das ist ja schon ein lustiges Wortspiel, das sich auf eine sehr ernste Sache bezieht. Und wer sich an diesem Namen stößt, den wollen wir auch gar nicht. Solche Sachen zeige ich immer meiner Mama, die Toto hört: Wenn die etwas scheiße findet, weiß ich, dass ich das nehmen kann.

 

LIVE

12. 8. Wiesbaden (mit Idles)

30. 10. Mainz (mit Heim)

31. 10. Bonn (mit Heim)

8. 11. Köln (mit Karies)

4. 1. Weinheim (mit Heim)

12. 1. Mannheim

Euternase: L’amour

This Charming Man

POSTPUNK Wenn Die Nerven mittlerweile völlig zu Recht die Cover der etablierten Musikmagazine schmücken, braucht es dringend neue Krachmacher. Bei Euternase könnte man sich schon beim Bandnamen empören oder ihn zumindest affig finden – und genau so soll Punk ja sein. „L‘Amour“ profitiert von der Tatsache, dass die vier Jungspunde aus Mannheim ihr Debütalbum in 17 Stunden runtergerotzt haben: Während Schlagzeug und ein rumpeliger Bass simpel und tight antreiben und die Gitarren am Nervenkostüm sägen, hauen sie mit den repetitiven Texten einfach mal all ihre Unsicherheiten raus. Songs wie „Ho-Chi-Minh-Gehirnwäsche“ und „Desorientiert“ brauchen das Ungeschliffene, um die volle Energie zu entfalten. Es dürfen gerne noch ein paar Jahre vergehen, bis Euternase dann Die Nerven als beste Band der Welt ablösen. cs

Leseempfehlungen

The White Buffalo: The White Buffalo

Kurt Vile: Kurt Vile & The Violators