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„Stellt euch vor, ich bin fort“: Adam Hasletts Roman hängt die Latte für 2018 hoch

Mit „Stellt euch vor, ich bin fort“ besetzt der Amerikaner Adam Haslett schon jetzt im Januar potenziell den Platz „Buch des Jahres“! Sein abgründiger Familienroman ist kaum zu ertragen. Doch ein zärtlicheres Buch wird man 2018 wohl nicht mehr lesen können.

Im London der 1960er Jahre verliebt sich die junge Amerikanerin Margaret in John, sie verloben sich – doch als sie von einem Verwandtenbesuch nach London zurückkehrt, erfährt sie, dass John in eine psychiatrische Klinik gegangen ist. „Man könnte sagen, sein Geist schließt sich ab und fällt in eine Art Winterschlaf“, erklärt ihr der behandelnde Arzt die manisch-depressive Erkrankung ihres Verlobten. Trotz dieser Diagnose entscheidet sie sich für ein Leben an Johns Seite, sie heiraten und bekommen drei Kinder. Mit „Stellt euch vor, ich bin fort“ erzählt Adam Haslett die Geschichte dieser Familie über ein halbes Jahrhundert und aus fünf Perspektiven, indem er abwechselnd John und Margaret sowie ihre drei Kinder Michael, Celia und Alec zu Wort kommen lässt.

Sehr schnell zeichnet sich ab, dass John dem Kampf mit seiner Krankheit, die er ,Das Ungeheuer‘ nennt, nicht gewachsen ist. Als seine Kinder noch im Teenageralter sind, beschließt er, sich das Leben zu nehmen, und Haslett überlässt es John selbst, von seinem Suizid zu berichten: „Unsichtbarkeit. Das ist seine letzte Waffe. Dass ich nicht den Mut habe, ihm ins Auge zu sehen. Du Schuft!, schreit es und kämpft um sein Leben. Du egoistischer Schuft! Lässt sie mit nichts zurück! Vergebens. Es gehört jetzt mir. Die Rasierklinge gleitet beinahe schmerzlos durch die Haut an meinem Handgelenk. Blut rinnt über meine Hand, meine Finger. Mein Kopf fällt in den Nacken, ich schaue in den Himmel. Und da ist es: das Gesicht des Ungeheuers – mein Gesicht –, und es ist menschlich, also doch.“

Bereits in Hasletts Debütroman „Union Atlantic“ und mehr noch in dem Erzählband „Hingabe“ ging es um psychische Erkrankungen, doch erst jetzt werden sie zum zentralen Thema und bekommen gebührend Raum. „Stellt euch vor, ich bin fort“ ist sein persönlichstes Buch. Adam Hasletts Vater hat sich das Leben genommen, als er 14 Jahre alt war. In dem Roman, an dem er fünf Jahre gearbeitet hat, durchsetzt der 47-jährige US-Autor autobiografische Erlebnisse mit Fiktion, und vielleicht ist es die persönliche Betroffenheit, dank der es ihm gelingt, so tiefenscharfe Psychogramme der drei Kinder zu zeichnen und ihnen eine charakteristische Sprache zu geben. Da ist die starke und patente Anwältin Celia in San Francisco, da ist der idealistische Journalist Alec, Hasletts Alter Ego, der sich müht, endlich mal eine Beziehung mit einem Mann zu führen, die über eine kurze Affäre hinausgeht. Und vor allem ist da sein älterer Bruder Michael, der die psychische Instabilität des Vaters geerbt hat.

Michael ist ein intelligenter, hochsensibler Mensch, der von Zwängen geplagt wird: Seine Beziehungen zu Frauen fährt er mit erdrückender, besitzergreifender Zuneigung an die Wand, das Doktorratsstipendium in Afroamerikanische Studien kann er trotz intensiven Ringens nicht abschließen, und während ihn zunächst noch seine Musikleidenschaft durch die Tage bringt, schaffen das bald nur noch Psychopharmaka in immer höheren Dosierungen. Wenn Haslett mit Michaels Stimme spricht, wählt er eine bildhafte und referenzsatte Sprache, um die Selbsttäuschungen seines Antihelden offenzulegen. Haslett lässt ihn verquere Briefe und Hausarbeiten schreiben, medizinische Fragebögen ausfüllen, und auch in den Berichten der anderen Familienmitglieder ist Michael allgegenwärtig: in ihren Ängsten und ihrer Wut, in der Hoffnung und den Überforderungsgefühlen.

Michaels Zeichnung durch den Blick seiner Familie hievt Hasletts Roman auf eine Ebene mit den großen Gesellschaftsromanen à la Jonathan Franzens „Die Korrekturen“: Wie kann ich jemandem helfen, den ich nicht verstehe? Wie halte ich durch und lasse mich durch die programmierten Misserfolge nicht entmutigen? Es ist diese unbedingte und von Haslett komplett kitschfrei eingefangene Liebe, die den Leser nicht nur durch diesen abgründigen Roman trägt. In ihr steckt eine Zärtlichkeit, die über die fast 500 Romanseiten hinaus nachwirkt.

 

Adam Haslett „Stellt euch vor, ich bin fort“ ist am 24. Januar 2018 beim Rowohlt-Verlag erschienen.

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