HERR GREBE, HABEN SIE RÜCKENSCHMERZEN?
Er trägt rosa Röckchen, Indianerkopfschmuck und reagiert erstaunt, wenn man ihn den Anarchisten unter den Liedermachern nennt. Denn der Kabarettist Rainald Grebe versteht sich eher als Naturalist. Ein Interview voller Überraschungen.
Interview: Jürgen Wittner
uMag: Herr Grebe, was hat Sie zur Rampensau gemacht?
Rainald Grebe: Meine Tanten, die mir Schokolade gegeben haben für Volkslieder singen. Das war meine erste Grunderfahrung mit Fünf. Seitdem habe ich ein positives Feedback, wenn ich etwas von mir gebe.
uMag: Klimawandel, Wahlkampf, digitales Leben: Ihre Themenschwerpunkte sind meist ernster Natur. Steckt ein Prediger in Ihnen?
Grebe: Ja. Von Vaters Seite habe ich sehr viele Pfarrer in der Familie. Das hat mich damals sehr beeindruckt.
uMag: Sie haben aber mal gesagt, dass Sie keine richtige Botschaft haben. Prediger müssen doch eine haben, oder?
Grebe: Das ist ja das Problem. Ich bin aus der Kirche ausgetreten, und ich glaube auch nicht an Gott. Ich glaube an die kleinen Menschen. Ich predige ohne Glauben, und das ist das Loch im Himmel.
uMag: Weshalb tragen Sie seit Jahren auf der Bühne einen Indianerschmuck auf dem Kopf?
Grebe: Das richtet sich gegen die Talibanisierung von Mitteleuropa. Spielverbote werden ausgesprochen. Dass man sich nicht mehr schwarz anmalen darf - und zwar per se -, ist das eine. Stichwort "Blackfacing". Ich kriege inzwischen Mails von Interessensverbänden von Native Americans mit dem Inhalt, dass es diskriminierend sei, wenn ich diesen Federschmuck aufsetze.
uMag: Das ist nicht wahr.
Grebe: Das ist wahr. Es geht weiter, es zieht Kreise. Ich weiß auch gar nicht, was die Sternsinger jetzt machen. Aber das ist nur der eine Grund. Der andere ist der, dass das zutiefst aus meiner Familiengeschichte kommt. Mein Vater ist Karl-May-Experte, und das war immer mein alter Kinderfederschmuck. Es kommt aus einer ganz alten Zeit und steht für Karl May, der sich alles ausdachte und nie vor Ort war. Der Schmuck ist ein Zeichen für Fantasie.
uMag: Wenn Sie schon Ärger mit dem Indianerkopfschmuck haben: Was kommt dann an Ärger wegen des rosa Röckchens auf Sie zu, das Sie in letzter Zeit ebenfalls öfter tragen?
Grebe: Die Ballettvereinigung? Oder die rosa Funken? Ich weiß es nicht. Das kann man vorher nur ahnen.
uMag: Sie tragen auch ein Kondom überm Kopf und blasen es mit der Nase auf. Wie kommt man nur auf solche Ideen?
Grebe: Augen auf im Straßenverkehr. Das passiert halt!
uMag: Leiden Sie an Rückenschmerzen?
Grebe: Teilweise. Warum?
uMag: Weil Sie nicht wie jeder andere Pianist auf einem Klavierhocker, sondern auf einem Schreibtischstuhl sitzen, wenn Sie auf der Bühne spielen.
Grebe: Das ist einfach relaxter. Man ist mobil, man kann rumrollen. Man muss nicht immer aufstehen.
uMag: Welche Bedeutung hat Humor in Ihrem Leben?
Grebe: Eine durchaus integrale. Ich bin meist sehr ernst, oft auch sehr traurig. Und dann kommt oft so was bei raus. Das ist meine Grundachse.
uMag: Sie haben an der Schauspielschule Ernst Busch Puppenspieler gelernt. Spielen Sie noch manchmal mit Puppen?
Grebe: Hm-m, ja. Aber weniger mit Puppen, die jetzt Gesichter haben, als vielmehr mit Objekten und im metaphorischen Sinn. Zum Beispiel, indem ich mit 200 Menschen ein Konzert mache.
uMag: Sie sind der Anarchist unter den Liedermachern ...
Grebe: Das habe ich nie gesagt!
uMag: Das sage ja auch ich. Ein Song hat bei Ihnen gleich mehrere Ebenen: Sie lassen ihn ausfasern, wechseln die Themen, unterlaufen den Text durch Ihre Mimik, hauen irgendwelche Sprüche dazwischen. Woher der Drang dazu?
Grebe: Ich war gestern im Berliner Ensemble und hab "Der zerbrochne Krug" gesehen. Außen am Gebäude stand, dass Gerhart Hauptmann mit "Die Weber" dort Uraufführung gehabt hatte. Da dachte ich mir: Ich bin eigentlich auf der Suche nach dem Naturalismus von heute. Das, was ich mache, ist Naturalismus, das ganze Gezappe ist Ausdruck für das, was ist. Das denke ich mir ja nicht aus! Das ist die Abnahme von dem, wie wir ticken.
uMag: Und woher das ganze Material?
Grebe: Na, aus dem Internet. Da ist doch alles nur noch einen Klick voneinander entfernt. Das ist doch das Problem unserer Zeit! Die Grundcrux ist dann nur noch: Wie kriegt man die Biologie mit dem Multimind zusammen? Der Geist reist durch die Zeiten, durch die Welten, durch die Orte. Und man hat seinen kleinen Körper, der Hämorrhoiden hat, und die Augen sind kurzsichtig. Wie kriegt man das zusammen?
uMag: Was ist, wenn Sie keinen Humor mehr aufbringen für die Zustände in unserer Gesellschaft?
Grebe: Dann gehe ich nach Frankfurt und zünde Häuser an. Aber im Moment geht's noch.
Checkbrief
NAME Rainald Grebe
GEBOREN 14. April 1971 in Köln
STUDIUM an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin
STUDIENABSCHLUSS 1997 im Fach Puppenspiel
BERUFE Dramaturg, Regisseur, Schauspieler, Liedermacher, Autor
ERSTE WICHTIGE INSZENIERUNG „Immer wieder sonntags“ (Produktion: Thomas Hermanns, Hamburger Schauspielhaus)
ANFANGS regelmäßige Auftritte im Quatsch Comedy Club Berlin und in Nightwash
INSZENIERUNGEN an Bühnen Theaterhaus Jena, Centraltheater Leipzig, Maxim-Gorki-Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspielhaus Hannover
KONZTERTOURNEEN seit 2004, zuerst solo, dann mit Band, schließlich mit dem Orchester der Versöhnung
AUFTRITTE IN DIESEM SOMMER 20. 6., großes Openair auf der Kindl Bühne Wuhlheide mit dem Wuhlorchester, 24., 26. 6. + 7. 7., „Volksmusik“ im Thalia Theater Hamburg, außerdem eine Sommertournee mit der Kapelle der Versöhnung


