Foto: Anne Breitsprecher

WO IST DIE EUPHORIE?

Fabian Hischmann scheitert als Festival-Boy - nutzt aber immerhin die Chance, seinen Ruf als Schreiberling reinzuwaschen.

Zehn Jahre nach meinem letzten Besuch auf dem Immergut-Festival reise ich ein zweites Mal hin. Wiederholungen sind selten eine gute Idee ("Und täglich grüßt das Murmeltier" mal ausgenommen).

Es fängt damit an, dass Mädchen sich im Regionalexpress gegenseitig die Hände massieren und erzählen, dass sie voll gerne für länger nach Indien gehen würden und sich grämen, weil sie den Hula-Hoop-Reifen in ihrer WG in Göttingen vergessen haben.
Sie fahren leider nicht nach Indien.

Es geht damit weiter, dass wir in Neustrelitz umsteigen und im Pendelzug Richtung Festivalgelände vor einer Gruppe Jungs aus Sachsen sitzen, die Broiler-Mützen und T-Shirts mit der Aufschrift: "Schade, dass mein Bier nicht ficken kann" tragen. Sie fragen beziehungsweise brüllen, was wir hier wollen. Ich weiß es auch nicht mehr so recht und stammle: "Musikmagazin, Artikel." Ihre Antwort, kein Scheiß: "Lügenpresse."

Angekommen, bauen wir unser Zelt auf. Ein dickes Küken mit Bierhelm kommt vorbei und singt "Atemlos". Das Pärchen gegenüber hockt unter dem Vordach seines monumentalen Quechua-Wurfzelts, trinkt Rotwein und liest. Nicht mal eben den Zeitplan für den Abend, sondern konzentriert und schweigend jeweils einen circa tausendseitigen Roman - bevor wir das Festivalgelände betreten, haben wir das Gefühl, in einen ausgedehnten Junggesellenabschied oder ein Beziehungsende geraten zu sein.

Möglicherweise lassen wir uns ja auch zu wenig ein, wollen wir uns nicht vom "Immergut-Vibe" anstecken lassen, vermute ich, als wir los zur Musik schlendern.
"Ja, möglicherweise", sagt meine Freundin und warnt einen Typen, der sich einen Hund aus Bierdosen gebastelt hat und droht, über unsere Zeltschnur zu stolpern.

Dabei könnte alles so schön sein. Drumherum Wald, grüne Wiesen und zig klare Seen. Dazu ein interessant gemixtes Line-up. Man kann sich vorstellen, was die Veranstalter im Sinn hatten/haben. Für das überwiegend miese Wetter kann nun wirklich keiner was.

Es gibt dann ja auch schöne Momente. Francesco Wilking (früher mal Sänger bei Tele) und Moritz Krämer im Birkenhain sind so einer. Liebeslieder, ziemlich eindeutig und sympathisch ruhig vorgetragen. Krämer singt: "Jetzt denke ich, dass es vielleicht zu früh war und dass das Beste eigentlich noch kommt und dass ich mich vielleicht in was verrannt hab und niemand hinterher kommt. Lars, Franz, Freddi und die schmale Judith, ich mochte euch schon damals nicht. Was macht ihr hier?", und dem frisch abiturierten Glitzer-Mädchen hinter uns fehlt da der Zusammenhang. Ich fühle mich angesprochen. Also von Krämer.

Danach treten Trümmer auf der Zeltbühne auf. Die Menge hüpft, knipst unentwegt Selfies und wirft mit Konfetti. Ist das die Euphorie, von der Sänger Paul Pötsch singt, die seine Texte auslösen sollen? "Jaaaaa", rufen sie neben mir, obwohl ich es doch nur gedacht habe. Sie meinen die Band. Die ist mitreißend und untermauert den Hype.

Zum Schluss von Tag 1 spielen Balthazar auf der Waldbühne. Mittlerweile haben wir ein paar nette Leute getroffen, tragen dickere Jacken gegen die kühle Nacht und nippen Kaffee mit Schuss. Bunte Lichter leuchten, der Wald rahmt die Bühne scherenschnittartig, und auch die Band leuchtet und ist live wirklich ganz prima. An dieser Stelle muss ich kurz richtigstellen, was ich in der letzten Ausgabe falsch gemacht habe (auch weil ich die Kolumne der Jungsgruppe aus Sachsen widmen möchte), nämlich: Nicht der Gesang von Maarten Devoldere ähnelt hier und da dem von Arctic Monkey Alex Turner, sondern der seines Kollegen Jinte Deprez.

Im Morgengrauen landen wir dann irgendwie noch in der Festival-Disco. Ich will nur so viel sagen: Menschen pogen zu "All Night long" von Lionel Richie.

Samstagnachmittag. Wir essen Bratwürste im wirklich schönen Pressebereich, sogar die Sonne scheint. Trotzdem fühle ich mich unwohl und beschließe, nicht durchzuziehen und früher abzureisen. Es kommt mir ehrlicher vor.
Unsere Nachbarn lesen, während wir das Zelt abbauen.
Als wir am Bahnhof auf unseren Zug zurück nach Berlin warten, fängt es an zu regnen und zu stürmen. Meine Freundin sagt: "Und jetzt stell dir das vor."

Der Mai wollte ein April sein und ich kein Festival-Boy. Einsicht ist immer gut.