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AUFLEGEN ODER AUFREGEN?

Platten, die man im Sommer hören muss - oder eben nicht.

Für den Sommerchat hat sich die Musikredaktion eine (halbe) Band eingeladen, auf deren eigenes Debütalbum schon sehnlichst gewartet wird. Einstweilen hat man mit den Boys Platten besprochen:

DER RINGER
hier vertreten durch Jakob (Sänger und Gitarrist, r.) und Jonas (Gitarrist und Carsten und Lasses Barkeeper des Vertrauens, l.), sind eine Softpunkband aus Hamburg. Sie waren gerade mit Trümmer auf Tour und sind in diesem Jahr unter anderem noch am 4. Juli beim Daughterville Festival anzutreffen. Im Herbst ihr eigenes Album aufnehmen, um dadurch nachträglich die Legitimation zu erlangen, sich hier über die Platten anderer Leute auszulassen.



OMAR SOULEYMAN
TITEL
Bahdeni Nami

24. 7.

Der Ringer: Lief auf der Autofahrt zu einem unserer Konzerte in Berlin. Haben es sogar fast ganz durchgehört. Uns erschließen sich die Kollaborationen nicht wirklich. Gerade wenn man ältere Alben hört, merkt man, dass er ja schon immer diese Musik gemacht hat, auch ohne die Beteiligung von Four Tet und Modeselektor. Spricht vielleicht für sie, dass sie ihm nicht gleich die Signatur westlicher Tanzmusik aufdrücken.
Carsten: Kenne die älteren Alben zwar nicht, habe ihn aber letztes Jahr auf einem Festival gesehen und höre auch keinen Unterschied. Ich mag die Platte, allerdings macht mir Angst, dass vor meinem inneren Auge sofort Kollege Nehren erscheint, ein Cocktailglas mit absurd vielen Schirmchen in der Hand. Kannst du dir das erklären, Lasse?
Lasse: Na klar: Souleyman macht eben bunte Wimmelbildmusik, die dauerhaft den Pegel hält. Allerdings eindeutig gemäßigter als zuletzt auf "Wenu wenu" - hierzu kann man auch bügeln. Am besten mit fancy Longdrink.
Mitja: Souleyman lässt auch in meinem Kopf Wimmelbilder entstehen - nur (leider) keine, die auf eine Veröffentlichung bei Monkeytown schließen lassen. Wenn das schon gemäßigt ist, helfen wohl tatsächlich nur noch Cocktails. Prost!




ALBERT HAMMOND JR.
TITEL
Momentary Masters

31. 7.

Jakob: Als Musiker aus einer Band mit sehr charakteristischem Sound (Strokes) würde ich versuchen, mit einem eigenen Projekt aus meiner comfort zone rauszukommen. Hier haben wir das absolute Gegenteil: präzise, trockene Produktion, Distortion-Gitarren, catchige Refrains, nur ohne die einprägsame Stimme von Julian Casablancas. Die wenigen Americanaelemente schaffen es auch nicht, einen eigenständigen Sound zu kreieren.
Jonas: Trotzdem - wir mochten The Strokes schon immer und finden das Album stellenweise auch peppig, Lieblingssong: "Touché".
Mitja: Lustig, Jakob, ich hatte vor, gerade die charakterstarke Stimme von Hammond Jr. zu loben. Dem Mangel an Entwicklung muss ich zwar zustimmen, aber Lieblingsstücke wie "Don't think twice" finde ich hier genauso wie auf den Vorgängern.
Lasse: "Ach guck, das ist jetzt die kontemplative Americanaballade. Haha, heißt sogar ,Don't think twice', jetzt channelt er seinen inneren Dylan. Moment mal: Das ist der Song von Dylan!" Wie wohl Carsten damit zurechtkommt ... ?
Carsten: Eine Sommerplatte: Ganz nett, aber eigentlich auch egal. Das Dylan-Cover lege ich trotzdem mal auf: Der Barmann mag es, und von den älteren Herren bekommt man bestimmt auch einen hochgereckten Daumen.




LA PRIEST
TITEL
Inji

26. 6.

Jonas: Ziemlich sexy.
Jakob: Aber auch verrückt! Wie eine Mischung aus Panda Bear und D'Angelo. Die abwechslungsreiche Mischung hat uns sehr interessiert zuhören lassen. Man war gespannt, was als nächstes kommt.
Carsten: Bei sexy gehe ich mit, und die Mischung hat der Kollege Bongo ja schon im letzten uMag auf unnachahmliche Weise beschrieben: "vorne Prince, hinten nur Geräuschauflauf". Muss jetzt unbedingt mal hören, was der Sam Dust einst mit Late Of The Pier gemacht hat. Erinnere mich vage, dass ich das damals in der Klaxons-Zeit ganz gut fand.
Mitja: Der Sound erinnert mich zum Beispiel bei "Lorry Park" sofort an Cosmo Sheldrake. Der macht auch gerne seine komplette Umwelt zu Instrumenten. Bei LA Priest sind es zum Beispiel Aufnahmen von geomagnetischen Interferenzen in Grönland, die in die Songs gemischt werden. Für mich Experimente mit hörenswertem Ergebnis.
Lasse: Mitunter ja - andernteils könnte man ebenso gut Druckerkartuschen in den Küchenmixer stecken. Ich mag die (etwas zu lang geratene) Housenummer fünf - ja, pun intended.




ALLIE
TITEL
Allie

bereits erschienen

Jakob: "This is how I go" ist vermutlich mein Lieblingssong. Schönes trauriges Arrangement, das mich gleich an den Soundtrack zu "Edward Scissorhands" von Danny Elfman erinnert hat. Auch die Beschreibung von verschrobenen, verletzlichen Charakteren ("Emo on a Beach") passt dazu. Man hört meiner Meinung nach deutlich einen amerikanischen Midwest-Emo-Background heraus, nur verschwindet dieser in einer völlig anderen, opulenten Instrumentierung.
Jonas: Oberentspannt. Zieht mich auf eine gute Art und Weise runter.
Mitja: Gibt es eigentlich so etwas wie Musikhörbücher? Allie sollte unbedingt eins aufnehmen!
Carsten: Die Schönheit der Chatrunde. Bei Allies Arrangements fällt mir auch kein abgeschmackter Musikjournalistenvergleich ein, und meine übliche Floskel "ganz und gar eigener Sound" ist hier ausnahmsweise so gemeint. Weine bei "The Great" sogar für Allie um seine Großmutter.
Lasse: Als ich unlängst das Wort Karunkel hörte, wusste ich nicht, was das war, dachte aber: bestimmt eklig. Stimmt auch (- googelt das bloß nicht). Als ich den Namen Allie auf einem düsteren Einhorncover las, dachte ich: O Gott, Plastikpop mit Gothicbezügen. Stimmt überhaupt nicht (- googelt, und hört!, den unbedingt).




FUNKSTÖRUNG
TITEL
Funkstörung

26. 6.

Der Ringer: Glitch Pop hat bei uns andere Assoziationen hervorgerufen: irgendwie abgehakt, kaputt, unheimlich, aufgekratzt. Das hier ist eher eine runde, organische Sache. Schön, dass sie viel Platz für dynamische Arrangements gelassen haben, das gibt dem Ganzen eine gewisse Tiefe. Die triphoppig gehauchten Stimmen, gerade in der Männlich-weiblich-Kombination, hat man nun aber doch schon oft gehört. Aber krass, dass sie sogar mit Jamie Lidl und A(L)DI gearbeitet haben!
Lasse: "Ode an die Menschlichkeit in der Clubmusik" sollte die Platte heißen! Das ist die Art von Selbstvertrauen, die sich auch Zurückhaltung traut. Und Anmut. Und Romantik. Ein abendsonnenrotgülden erstrahlender Abgesang auf blutleere, Drop-fixierte Gebrauchsmusik.
Mitja: Zum Glück haben Funkstörung für das Album das Gegenteil einer Massenentlassung betrieben: Ohne so viele Gäste wäre es sicher langweilig geworden, wie man an den wenigen Instrumentals merkt. Mein Highlight ist "Laid out", weil es sehr an Modeselektor erinnert.
Carsten: Hier ist eh kaum noch Platz für mich, deswegen nur ganz kurz: Meine Wahrheit liegt irgendwo zwischen Lasses schwülstigem Lob und der sehr berechtigten Ringer-Kritik.




ADMIRAL FALLOW
TITEL
Tiny Rewards

7. 8.

Jonas: Puhh, nee, das ist uns doch zu ungefährlich.
Jakob: Würden wir "Grey's Anatomy" gucken, würde uns die Band wohl in der nächsten Staffel über den Weg laufen. Experimente sehr gerne, aber dann bitte auch etwas wagen! Hatten nach drei Liedern keine Erwartungen mehr.
Lasse: So ging's mir auch - oder, nein: Ich hatte schon vorab eine Erwartung, die dann leider erfüllt wurde. Lese den Bandnamen, lese Songtitel wie "Liquor and Milk" und bin schon halb zur Tür raus. Die Synthspielereien sind schmalspurprogressiv, ansonsten wird der plüschierte Stimmungsholzhammer im Takt geschwungen. Danke, aber nein danke.
Carsten: Puh, das Urteil der Ratingagentur ist eindeutig negativ. Lob kann ich auch nicht anbieten, deswegen ein paar Fakten: Die Band kommt aus Glasgow, "Tiny Rewards" ist ihr drittes Album, und das von Lasse erwähnte "Liquor and Milk" ist ein trauriges Lied über das Älterwerden. Komm, Mitja, sag du etwas Positives!
Mitja: Aha, Hochländer also! Hochstimmung kam bei mir aber auch nicht so recht auf. Allerdings war ich bis zuletzt zwiegespalten: Ich vermute eine gewisse Vielschichtigkeit, weshalb wir uns vielleicht noch ein paar Durchläufe gönnen sollten. Möglicherweise offenbart sich dann noch etwas!