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WAS SOLLEN DENN DIE NACHBARN DENKEN?

Macht sich das Ausland tatsächlich über die deutschsprachige Kunstszene lustig? Falk Schreiber schaut sich mal um.

Alle paar Monaten die gleiche Diskussion: Irgendjemand ruft, dass Kunst aus Deutschland das Allerletzte sei, ganz viele blöken "Endlich sagt es mal jemand!", die Kunstmacher regen sich unheimlich auf, die Feuilletons positionieren sich in ihren Schützengräben, Leute, die lange Jahre befreundet waren, reden nicht mehr miteinander. Dann ebbt die Debatte schnell ab, und zum nächsten Quartal kürzt die Kulturpolitik der betroffenen Sparte die Subventionen, weil: Es ist ja erwiesen, dass die Qualität hier nicht stimmt. Deutsches Kino? Schaut kein Mensch, Filme machen kann ohnehin ausschließlich Hollywood. Deutsche Kunst? Geschmiere, das höchstens ein paar dekadente Champagnerschickis auf Vernissagen lockt. Deutsches Theater? Nackte Nichtskönner, die auf den Wehrmachtshelm onanieren. Und das alles mit unserem Geld!
Vor ein paar Jahren hielt Daniel Kehlmann die Einführungsrede der Salzburger Festspiele, und auch der in keiner Weise als Fortschrittsfreund bekannte Schriftsteller blies ins Horn, dass auf deutschsprachigen Theaterbühnen hauptsächlich onaniert werde. Allerdings schlug Kehlmann noch eine weitere, nicht ungeschickte Volte, die seine Argumentation dann tatsächlich bedenkswert machte: "Spricht man mit Russen, mit Polen, mit Engländern oder Skandinaviern, die deutschsprachige Lande besuchen und hier ins Theater gehen, so sind sie oft ziemlich verwirrt", meinte Kehlmann. "Was das denn solle, fragen sie, was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghettiessen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert, wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei?" Kehlmann sagte damit, dass es ihm persönlich egal wäre, was hier in der Kunst passiere, nur, was sollen denn die Nachbarn denken? Die sind bestenfalls irritiert, weil sie nicht verstehen, was hier vorgeht, schlechtestenfalls verstehen sie es aber durchaus, und dann machen sie sich lustig. Weil die deutsche Kunst einfach lächerlich ist, für einen Russen, einen Polen und einen Engländer, für Leute, die noch wissen, wie man gute Kunst macht.
Kehlmann drehte den Spieß um: Die Deutschen, die auf Entwicklung, Fortschritt, De- und Rekonstruktion beharrten, seien die Hinterwäldler, während im Rest der Welt die Kunst noch in ihrer kathartischen Funktion gewürdigt werde, während man wirkliche Weltbürger nur dort finde, wo noch traditionell texttreu Theater gespielt werde. Interessanter Ansatz. Der allerdings völliger Blödsinn ist: In Manchester zum Beispiel, dort, wo laut Kehlmann alle irritiert-angewidert auf die deutsche Kunst starren, wurde Ende April das "Home" eröffnet, ein riesiges, 25 Millionen Pfund teures Zentrum für Bildende Kunst, Kino und Theater. Intendant ist Walter Meierjohann, ein deutscher Regisseur, der zuvor in Berlin und Dresden arbeitete, an Theatern, an denen üblicherweise sehr gerne auf Wehrmachtshelme onaniert wird. Und wenn man sich das Home-Programm anschaut, dann sieht man, dass im Kino Wim Wenders' "Das Salz der Erde" läuft" und im Theater demnächst "La Mélancolie des Dragons" zu sehen ist, ein Stück von Philippe Quesne, dem Intendanten des Theaters Nanterre, das zuvor auch schon in Hamburg und Berlin zu sehen war. In "La Mélancolie des Dragons" wird übrigens nicht onaniert, es werden auch keine Spaghetti gegessen, aber wenn man genau ist, passiert das auf deutschen Bühnen ohnehin viel seltener als von Kehlmann behauptet. Davon abgesehen, ist das Stück aber durchaus geeignet, Kehlmanns Freunde zu verwirren. In England. In Frankreich.
Man kann bemängeln, dass europaweit das Gleiche zu sehen ist, das schon. Aber die Kunstverächter wollen ja ebenfalls überall das Gleiche sehen, nur eben nicht das, was überall läuft, die wollen Klassiker texttreu inszeniert sehen. Und tatsächlich sehen sie das auch landauf, landab - ihr Problem ist eigentlich gar kein Problem.
(Das Problem ist, dass von Kreuzberg übers Hamburger Karoviertel bis ins Home dieselben Gestalten Kaffee brauen, guten Kaffee, aber überall sitzen diese dünnen, bärtigen Typen und diese tätowierten Frauen mit ihren großen Brillen, die lange gelangweilt gucken, bis sie sich bequemen, die Espressomaschine anzuwerfen. Das ist ein Problem, aber es ist auch eine andere Geschichte.)