KRISE? WELCHE KRISE?
Die Theater fangen wieder an zu spielen - und finden keine Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart.
Von Falk Schreiber
Wenn ein Theater renoviert wird, dann geht das nie gut aus. Im Hamburger Schauspielhaus zum Beispiel sorgte vor zwei Jahren der während der Renovierung wildgewordene eiserne Vorhang für einen Bühnenunfall, der die gesamte Spielzeit durcheinanderwirbelte. Und die Berliner Staatsoper spielt nun auch schon seit Jahren in der Ausweichspielstätte Schillertheater, während die Renovierung des repräsentativen Opernhauses Unter den Linden mittlerweile unverkennbare Ähnlichkeiten mit dem irgendwann einmal fertigzustellenden Flughafen Berlin Brandenburg International zeigt. Am ärgsten traf es allerdings die Kölner Bühnen: Drei Jahre schon wurden Opern- und Schauspielhaus am Offenbachplatz renoviert, das Sprechtheater spielte in einem Industrieareal im proletarischen Mühlheim, die Oper wechselte von Ausweichspielstätte zu Ausweichspielstätte, die eine ungeeigneter wie die andere, und sehnte die Wiedereröffnung des Opernhauses zum Spielzeitbeginn herbei.
Die aber nicht kommen wird: Ende Juli wurde bekannt, dass der Eröffnungstermin beider Häuser im Herbst nicht zu halten sein wird. Das Schauspiel hat damit weniger ein Problem, die Hallen in Mühlheim können weiter bespielt werden, so dass Stefan Bachmann dort am 7. 11. "Exodus: Die Bibel 2" zeigen kann - aber die Oper hat schlicht keinen Ort mehr zur Verfügung. Für viel Geld will die Stadt jetzt eine eigentlich für den Opernbetrieb ungeeignete Bühne namens Staatenhaus von einem Musicalbetreiber anmieten, damit zumindest ein paar Premieren stattfinden können. Womit die Kölner Oper noch vor Spielzeitbeginn als Pechtheater der Saison feststeht.
Dabei sollte es bei Theater doch eigentlich nicht um Baupraxis gehen, sondern um Kunst. Eigentlich sollte gespielt werden. Das wird es auch, auch wenn es im Vergleich zum Vorjahr kaum spektakuläre Neuanfänge an großen Häusern gibt: Matthias Lilienthal wird Intendant der Münchner Kammerspiele, das ist der bedeutendste Neutstart der Saison - und in der Praxis kommt er dann doch eher alltäglich daher, mit Nicolas Stemanns Inszenierung des "Kaufmann von Venedig" (Premiere am 9. 10.). Ansonsten konsolidieren die großen Theater ihren Status, meist, indem sie überraschende Paarungen versuchen: Das Hamburger Thalia etwa lässt den jungen Bilderstürmer Antú Romero Nunes den Repertoiredauerbrenner "Die Dreigroschenoper" (12. 9.) inszenieren, das Schauspiel Stuttgart eröffnet mit Tschechows "Möwe" in der Regie von Martin Laberenz (2. 10. - wie Laberenz es schaffen will, noch zuvor am 11. 9. auch noch Thomas Manns "Zauberberg" am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne zu bringen, bleibt das Geheimnis des vielbeschäftigten Jungregisseurs), das Schauspiel Bochum mit einem "Kirschgarten" in der Regie des in Deutschland weitgehend unbekannten ungarischen Tschechow-Spezialisten Tamás Ascher (5. 9.), das Münchner Resindenztheater mit David Böschs Inszenierung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" (25. 9.) und das Schauspiel Frankfurt mit einer Dramatisierung von Döblins "Berlin Alexanderplatz" unter dem Titel "Die Geschichte vom Franz Biberkopf" (Regie: Stefanie Mohr, 17. 9.). Schön, so was, aber auch ein wenig vorhersehbar.
Spannender sind dann doch die Bühnen, die ihre Zeitgenossenschaft mit noch nicht überinterpretierten Stoffen beweisen. Das Berliner Gorki etwa, erprobt im aktuellen Politdiskurs, eröffnet am 4. 9. mit Yael Ronens Naher-Osten-Collage "The Situation", das Hamburger Schauspielhaus mit Herta Müllers "Reisende auf einem Bein" (Regie: Katie Mitchell, ab 18. 9.), und in Dortmund traut sich Schauspielintendant Kay Voges an die TV-Legende "Das Millionenspiel", hier unter dem Titel "Die Show. Ein Millionenspiel um Leben und Tod" (seit 23. 8.).
Man kann noch nicht endgültig sagen, wie diese unterschiedliche Regiseursriege von Stemann über Bösch bis Laberenz ihre Vorlagen zu Theater macht, es fällt aber auf, dass die großen Krisenthemen des Jahres kaum Niederschlag in den Spielplänen finden. Griechenland? Finanzkrise? Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer? Krieg in der Ukraine? Die Theater schweigen, zumindest auf der Inhaltsebene. Aber auch die Personalien geben kaum Anlass, Kommentarwut zu entdecken - zwar vernetzt sich die Szene international immer mehr, aber wo bleibt der Nachwuchsregisseur aus Athen, der eine Haltung zur Finanzkrise aus dem "Kaufmann von Venedig" herausliest? Wo die muslimische Regisseurin, die zu Michel Houellebecqs "Unterwerfung" eine Gegenposition zur pegidahaften Überfremdungsangst anbietet? Denkste, letzterer Stoff wird zwar mehrfach inszeniert, allerdings aus durchgängig westlicher Perspektive: am Deutschen Schauspielhaus Hamburg von Karin Beier und am Deutschen Theater Berlin von Stephan Kimmig. Zu solch einer politischen Sprachlosigkeit passt, dass die Zeit der bedeutungsschwangeren Spielzeitmotti vorbei scheint - das aber ist eine gute Nachricht, schafften es die Theater doch fast nie, die hier geweckten Erwartungen zu erfüllen.
Wie überhaupt die politische Unentschiedenheit der Spielplankonzepte vor allem erst einmal eines ist: eine Unentschiedenheit der Konzepte, über das am Ende gespielte Theater sagt das erst einmal gar nichts. Hauptsache also, es wird endlich gespielt. Auch in Köln.


