Foto: © Thomas Lüke
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DIE DRITTE HAUT

Wenn ich dich an meine Möbel lasse, dann lasse ich dich auch bald an meinen Körper: Naomi Schenck besichtigt Wohnungen.

Von Falk Schreiber

Naomi Schenck wohnt in Schöneberg. Darauf ich so: "Bisschen bieder vielleicht, nicht?" Und sie so: "Das ist ein Viertel, das in den Achtzigern sehr spannend gewesen sein muss. Ich mag, dass es ein sehr gewachsenes, heterogenes Viertel ist. Und seit ein paar Jahren gibt es ja auch eine Rückzugswelle aus Prenzlauer Berg in Richtung Kreuzberg und Schöneberg." Geplänkel, klar. Aber Geplänkel, das etwas über unser Selbstverständnis aussagt: Wohnungen sind wichtig, wo wohnst du, mit wem, was zahlst du? Ich erzähle, dass ich am Hafen wohne. Und sie so: "Ist aber sicher ziemlich teuer, oder?"
Schenck beschäftigt sich nicht nur im Geplänkel mit Wohnungen, sondern auch beruflich. Die 43-Jährige ist Szenenbildnerin, sie besorgt die Ausstattung von Fernseh- und Kinofilmen, sie legt fest, in welcher Villa der Professor lebt und in welcher Butze die Studentin. Besonders spannend wird es, wenn sich da Brüche auftun: "Es reizt mich, die Klischees zu brechen. Am wenigsten interessieren mich aufgeräumte Wohnungen, wo man versucht, sich repräsentativ darzustellen", erzählt sie. "Bei solchen Wohnungen hat man das Gefühl, dass man eine Maske anschaut. Wenn da kein Bruch ist, wenn da nicht zufällig etwas Schräges vorm Kamin liegt, irgendetwas Unerwartetes, und sei es eine leere Milchtüte auf dem Sofatisch, dann ist das für mich nicht interessant." Traurig nur, dass die konventionelle Filmausstattung genau darauf abzielt: den Zuschauer mit einem einzigen Kameraschwenk zu informieren, mit was für einem Charakter man es zu tun hat. Und dann sitzt der Professor im prototypischen "Tatort" eben doch wieder vor der Bücherwand, damit man nach wenigen Sekunden verstanden hat: Das ist ein Intellektueller. Ohne Milchtüte.

Aber Schenck findet nicht nur das richtige Wohnumfeld für Filme, sie schreibt auch, und im Schreiben kann sie diese Brüche thematisieren. Unter dem Titel "Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?" erschienen Kurzgeschichten, Reportagen, Berichte über Wohnungen ohne Hintergedanken an die Einordnung in die Normierungen der Verfilmbarkeit. Wir begleiten die Autorin in eine Altbauwohnung in London, eine Villa in Wuppertal, ein luxuriöses Anwesen mit Blick über Zürich, am eindrucksvollsten aber: in eine Hütte auf Borneo.
Der Verlag vermarktet "Kann ich mal Ihre Wohnung sehen?" als "Homestories". Das ist eine genaue Beschreibung dessen, was einen erwartet, und führt gleichzeitig perfide aufs Glatteis. Weil die Texte natürlich nichts gemein haben mit der journalistischen Form Homestory, dem Besuch bei irgendwelchen Promis zu Hause, sondern vielmehr Stories sind, die sich einzig um das Zuhause drehen.
Stories aus dem Grenzgebiet zwischen Literatur und Journalismus, auch aus dem Grenzgebiet zwischen Fiktion und Realität: Nichts, was Schenck beschreibt, ist tatsächlich so passiert, aber alles sind Versatzstücke aus Schencks Leben. "Die korrekte Wiedergabe meiner Beobachtungen ist mir nicht so wichtig", sagt die Autorin, "andererseits haben die Geschichten schon einen hohen Wahrheitsgehalt. Es ist nichts drin, was ich mir komplett ausgedacht habe, aber vieles ist verdichtet und gesamplet."
Schon die erste Geschichte, die zum Schluss nonchalant in eine sexualisierte Drastik kippt, ist zwar so ähnlich passiert, aber nicht im geschilderten Kontext. "Die Geschichte spielt in London, mir ist etwas ähnliches einmal in Hamburg passiert. Und der Satz am Ende, ,Do you mind if I wake up in the middle of the night and fuck you?', der wurde mir mit Zwanzig von meinem Freund in Los Angeles gesagt. Und seither hatte ich immer im Kopf: Irgendwann schreibst du einmal eine Geschichte mit diesem Satz." Verschiebungen, Situationen-Sampling, Städte, Wohnungen. Und durch fast alle Geschichten zieht sich ein erotischer Unterton: Wenn man jemanden in seine Wohnung lässt, dann öffnet man sich ihm auf eine intime Weise, der Schritt von "Ich lasse dich an meine Möbel" zu "Ich lasse dich an meinen Körper" ist kein besonders weiter. Die Wohnung ist für Schenck eine "dritte Haut": "Man kann die Wohnung lesen wie das Gesicht des Gegenübers, wie seinen Kleidungsstil. Egal, was man für Klamotten trägt, es sagt immer etwas über einen aus, auch wenn man versucht, sich so uniformiert wie möglich zu kleiden." Unabhängig von der Kleidung: Das Gegenüber ist dann nackt.

Checkbrief

NAME Naomi Schenck
HAUPTBERUF Szenenbildnerin
ZWEITBERUF Autorin
GEBOREN 1970 in Santa Monica/Kalifornien
LEBT in Berlin
STUDIERTE an der Kunstakademie Düsseldorf
AKTUELLES BUCH „Kann ich mal Ihre Wohnung sehen? Homestories“ (Metrolit)