STADT DER SCHICHTEN
Wer ist eigentlich Adele? Alles andere, was man über das schöne Freiburg im Breisgau wissen möchte, beantwortet Rolf von der Reith.
Fragt mich jemand: "Wie ist Freiburg denn so?", dann atme ich erst einmal tief ein und wieder aus und setze zu einer Antwort an, in der ich erkläre, erst einmal müsse man definieren, über welche Schicht, so rein vertikal gedacht, man gerade rede. Die Frage stellt mir aber niemand. In all den Jahren, seit ich ins Badische geriet, sagten alle stattdessen einfach: "Ach, Freiburg, das ist ja toll...!" Hätte ich immer mein Phrasenschwein dabeigehabt und von jedem gleich fünf Euro kassiert, ich wäre heute reich.
Das mit den Schichten, auch wenn's keiner hören wollte, stimmt aber trotzdem. Freiburg beginnt, so rein vertikal gedacht, im Untergrund: Wo keine Weinkeller sind, da sind im Untergeschoss Clubs. Steige ich ins White Rabbit hinab, dann auch, um der scheußlichen Sieges denkmal-Kreuzung zu entfliehen; gehe ich ins Great Räng Teng Teng, hole ich mir schon, wenn ich der Tapete ansichtig werde, eine Portion gelebter Ironie ab, die der verkehrsberuhigten Altstadt abgeht; und auch im Schmitz Katze stehen die abgelebten Polstersofas für die Lust daran, alles nicht so ernst zu nehmen. Wohin man aber auch geht: Die Playlist hat kein theoretisches Fundament und auch keinen Überbau - sie ist einfach, weischt? In Freiburg werden keine Trends geboren und auch nicht early adopted. Mit einer Mischung aus Chuzpe und Unerschütterlichkeit werden nach wie vor Abende mit "Indie-Hits" (!) und "Elektro-Beats" (!!) angesetzt, als ob's kein Morgen gäbe (und kein Gestern gegeben hätte).
Stichwort Morgen: Nicht, dass ich jemals bis fünf Uhr in der Frühe im Räng Teng Teng oder einem der Etablissements im benachbarten Bermudadreieck ausgeharrt hätte. "Adele, ich brauch' jetzt meinen Schönheitsschlaf", entschuldige ich mich spätes tens gegen halb zwei. Aber wäre ich so lange geblieben, der Kontrast zum Level null am oberen Ende des Treppe hätte mich schier umgerissen. Denn auf Straßenniveau zeigt Freiburg am frühen Morgen sein wahres Gesicht, wenn die Kehrmaschine der Stadtreinigung die Wodka-Energydrink-Leichen und ihre Hinterlassenschaften wegfegt und die Stadt wieder schön macht für die Käufer von Pastinaken bei Alnatura, ayurvedischem Kunsthandwerk und Trekking-Ausrüstungen für Individualisten. Ich eile über die Blaue Brücke auf die andere Seite der Bahnstrecke, noch bevor die morgendliche Fahrrad-Rush-Hour beginnt und man ständig befürchten muss, übergemangelt zu werden von Zweirad rasern oder Müttern, die die Kontrolle über ihr Gespann aus Rad und Croozer-Kid-Anhänger verloren haben. Mache ich auf der Brücke, gewissermaßen im zweiten Stock, mitten über den Gleisen halt und gönne mir einen Blick zurück auf die Stadt, fällt es schwer, sich nicht in "Armageddon"-artigen Phantasien zu ergehen und sich eine riesige Flutwelle vorzustellen, die über die burgundische Pforte das Rheintal entlangschießt und dieses Paradies der Selbstzufriedenen mit sich reißt ... Na gut, war nur Spaß. Aber dass das Grauen in Freiburg wirklich biblische Dimensionen annehmen kann, zeigt etwa die fortdauernde Existenz des Kagan, des vollverglasten Clubs ganz oben im Solar Tower am Hauptbahnhof. In 60 Metern Höhe feiern dort aufgestylte Ländeler, bis sich das rote Pferd einfach umkehrt. Ich schaue mir von unten den hektischen Rhythmus der Discoleuchten an und spüre stärker denn je: Freiburg ist eine Stadt der Schichten; doch was nun ganz oben und was ganz unten ist, liegt ganz im Auge des Betrachters.


