Foto: Elisabeth Graf Gatterburg

HIGHBROW, LOWBROW

Falk Schreiber besucht eine Kunstauktion.

Wir betreten eine Jahrhundertwende-Villa im Grunewald. Berliner Südosten, altes Geld - wenn man immer nur in Mitte und Kreuzkölln rumhängt, weiß man ja gar nicht, wie sehr diese Stadt in manchen Teilen nach Düsseldorf aussieht, nein, nach Düsseldorfer Vororten am Rande des Neandertals, so wohlhabend, so gesettlet, so übertrieben bürgerlich. Aber, nun: Grunewald. Kunst im Grunewald.

Beschäftigung mit Kunst ist so ziemlich das Spannendste, was man machen kann. Also: auf Vernissagen gut aussehen, mit Künstlern reden, Museen besuchen, sich Gedanken machen. Das ist spannend. Der langweilige Aspekt dieser Beschäftigung mit Kunst ist der Kunstmarkt. Natürlich ist es öde, über Messen zu gehen und Menschen, von denen man gar nicht genau wissen will, wie sie zu ihrem Reichtum gekommen sind, dabei zu beobachten, wie sie Supermarktverhalten zeigen: "Hier, von dem: zwei Bilder. Da drüben: eine Skulptur. Gibt's Mengenrabatt?" Nur steht bei der Messe immer noch irgendwo ein Künstler rum, dem dieser ganze Kommerzkram selbst unangenehm ist, aber der muss eben sein, schon alleine, damit man sich hinterher einen Champagner leisten kann. Kunstmessen, der Glamour des Abgefuckten.

Hier im Grunewald gibt es keinen Glamour, hier ist alles nur noch abgefuckt. Wir befinden uns in einem Auktionshaus, und wenn der Kunstmarkt die öde Seite der Kunstwelt ist, dann sind Kunstauktionen die dunkle Seite des Kunstmarkts. Die Villa gleichwohl ist schön, eine Art Jägerhaus-Imitation am Stadtrand, aber sie wurde schon lange nicht mehr renoviert. Der Putz blättert ab, einzelne Lampen funktionieren nicht, alles wirkt ziemlich verstaubt. Es gibt Kaffee aus Thermoskannen, wer mitbieten möchte, wird gebeten, sich eine Bieternummer aus dem Büro zu holen, doch wo das Büro sich befindet, ist unklar. Egal, die Anwesenden wissen ohnehin, was zu tun ist. Und wer es nicht weiß, der kommt trotzdem zum Ziel, aber dazu später.

Erst einmal zum Thema, um das es eigentlich geht, erst einmal: zur Kunst. Alte Meister, 200 an der Zahl, die in einer recht unordentlichen Petersburger Hängung präsentiert werden, so kunterbunt durcheinander gewürfelt, dass es White-Cube-gewohnten Kunstfreunden zunächst das ästhetische Empfinden zerhackt. Wobei ästhetisches Empfinden bei den Anwesenden ohnehin nicht die zentrale Kategorie zu sein scheint. Kurz gesagt befinden sich in der Villa zwei Gruppen Kunstkäufer: einmal die Profis, meist sehr junge, sehr schöne Frauen, die am Telefon hängen und die aktuellen Gebote durchgeben, "Due mille ... si!", flüstert eine der Schönheiten und hebt dann die Hand, sie bekam von ihrem anscheinend italienischen Auftraggeber das Go, um 2100 Euro für eine arg konventionell anmutende "Stadtansicht Dresdens" zu bieten. (Beim nächsten Angebot spricht sie russisch, anscheinend hat sie je nach Bild unterschiedliche Auftraggeber.) Die spannendere, deutlich kleinere Gruppe sind allerdings die Privatkäufer. Sie treten paarweise auf, sind Mitte 60, die Männer tragen schlecht sitzenden Anzug und Krawatte, die Frauen Geblümtes und Pelz. Sie kommen zu spät, und sie nehmen wahllos an der Auktion teil: Nachdem sich das "Porträt eines Edelmannes" mühsam auf 800 Euro geschleppt hat, steigen sie ein und nehmen es am Ende für 1800 Euro mit. Der Auktionator bittet um ihre Bieternummer, sie blaffen ihren Namen zurück, "Bieternummer? Hab' ich noch nie gebraucht!", der Auktionator zieht die Augenbrauen hoch, die Begriffe highbrow und lowbrow bekommen plötzlich eine ganz plastische Bedeutung, er seufzt, "Sprechen Sie mich bitte nachher an?", dann schlägt er auf den Tisch, "Der ,Edelmann' geht für 1800 Euro an den Herrn im hässlichen Sakko!" Nein, das sagt er natürlich nicht, er sagt: "an den Herrn in der dritten Reihe", dabei denkt er, dass dieser Job wirklich das Letzte ist, und dann denkt er an die Provision, die er von den 1800 Euro bekommt. Dann ist er wieder zufrieden und macht weiter, noch 150 Bilder.

Die 150 Bilder bekommen wir auch noch rum. Wir trinken einen abgestandenen Kaffee, dann verlassen wir das Auktionshaus, raus in den kalten Grunewald. Hier fährt der Bus nur alle zehn Minuten, und wir haben ihn gerade verpasst, egal, frieren wir eben ein bisschen. Ein paar Auftragsbieterinnen stehen ebenfalls an der Haltestelle und bibbern vor sich hin, ich lächle sie scheu an, sie lächeln nicht zurück. Andere haben sich Taxen bestellt, hätten wir auch machen sollen, es ist wirklich sehr kalt. Und die neuen Besitzer des "Porträt eines Edelmannes" sind mit dem Privatauto da, einem Daimler älteren Baujahres, silbermetallic, Kennzeichen HF, am Heck ein schwarzrotgoldener Aufkleber und ganz klein die Worte "CDU Ostwestfalen-Lippe". Dann fahren sie los, Richtung Westen. Der Bus kommt, wir fahren nach Osten, nach Mitte und nach Kreuzkölln, jetzt endlich: zur Kunst.