Foto v_sievert - ES SPRICHT DIE PFLICHT
Foto: Elisabeth Graf Gatterburg
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ES SPRICHT DIE PFLICHT

v_sievert, unser V-Mann im Universum, macht, was er machen muss.

Es gibt Dinge, die muss man machen, ob man will oder nicht. Man nennt das gemeinhin auch Pflichten. Dazu gehören so verschiedene Sachen wie Behördengänge, Beziehungsgespräche, Verwandtenbesuche, Silvester feiern, Altern oder zur Arbeit gehen. Alles nicht erfreulich, aber umumgänglich.

Ich habe außerdem noch die Pflicht, mich gezielt um mein Wohlergehen zu kümmern. Denn ich leide von Natur aus unter erhöhtem Cholesterin und Blutdruck und der Neigung zur Fettleber. Wobei "leiden" etwas marktschreierisch ist. Der Blutdruck verursacht keinen spürbaren Druck, die Leber trieft nicht fritteusenmäßig mein Inneres voll. Ich muss nur regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle, eine kleine Pille am Tag nehmen und mich gesund ernähren - und ich ziehe das durch wie eine Pflicht. Ich absolviere Arzttermine um 7.30 Uhr auch im Winter mit soldatischer Disziplin und sehe es als Stahlbad für die Besten der Besten, wenn man mir dann kühlschrankkaltes Gel auf den Bauch drückt und mit dem Ultraschallgerät und ordentlich Druck die Organe im Abdomen neu arrangiert. "Sehen Sie, das hier ist Ihre Leber ... und da ist eine kleine Zyste, das ist aber nicht weiter schlimm.", sagt der Arzt, während auf dem Schwarzweißmonitor dunkle und helle Flecken zueinander-, ineinander- und wieder auseinanderwabern wie das Wachs in einer Lavalampe. Mich überkommt in solchen Situationen immer ein Sprechreiz. Vielleicht weil das Ganze unangenehm ist, vielleicht um Smalltalk zu machen über die Seltsamkeit des Ganzen. Nur wie macht man Smalltalk mit einem, der gerade meine Innereien auf einem Bildschirm betrachtet wie eine Fernsehsendung von 1953? "Ist das da nicht der der junge Thomas Gottschalk?" - "Gibt's das auch auf Blu-ray?" - " Wolln Sie nochn Bier?" Ich betrachte es dennoch als meine Pflicht, aus selbst diesen Momenten der Gesundheitspflichterfüllung möglichst viel Lebensqualität herauszupressen, und deswegen mache ich dann Stand-up-Comedy im Liegen.

Ja, mir gefällt mir das disziplinierte Kümmern um meinen Körper. Es kann sogar sein, dass ich, der beim Zivildienst alte Damen beim Spazierengehen und Einkaufen unterstützt hat, darin eine unbewusste Vorliebe für Pflicht auslebe, für militärischen Drill, Unterordnung und Selbstkasteiung zum Zwecke eines höheren Zieles (was in diesem Fall ein langes Leben ist). Etwas, was ich mit Waffe, Uniform und Fahneneid immer ablehnen würde, wonach mich tief drinnen aber eine von archaischen Männlichkeitsritualen kolorierte Sehnsucht treibt. Indiz: Ich besaß als Kind eine Kiste randvoll mit Spielzeugwaffen, da war alles drin, was das Herz des frühkindlich verzogenen Ballerkids begehrte - Trommelrevolver, zweiläufige Vorladerpistole, automatische Handfeuerwaffen mit einschiebbarem Plastikmagazin für die Knallmunition, eine Winchester, eine quietschgelbe Laserwumme, deren Ballergeräusche meinem Bruder die Plomben aus den Backenzähnen trieben.

Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich gut ausgerüstet war, hätte damals Anfang der 80er in der norddeutschen Tiefebene die Entscheidungsschlacht des Kalten Krieges stattgefunden. Aber man kann durchaus sagen, dass ich den Dienst an der Waffe schon im präpubertären Alter geleistet habe. Ich war immer das, was meine Mutter als antriebslos und mein Vater als lernunwillig bezeichnete, und ich empfinde von allen Zweifeln befreites Gehorsam auch heute noch als die dümmstmögliche Eigenschaft des Menschen. Und doch, wie bei vielen Dingen, die man eigentlich ablehnt, verspüre ich den Wunsch, eben das zu sein: ein schneidiger, befehlshöriger Soldat, der präzise und fehlerfrei seinen Job macht, weil es sein Job ist, präzise und fehlerfrei seinen Job zu machen, fertigauswegtreten! Da mein Naturell aber eine Armeekarriere verhindert, bekriege ich halt die Feinde meiner Gesundheit, mit einem Eifer, den man nur mit militärischen Adjektiven benennen kann: gnadenlos, effektiv, unnachgiebig und: pflichtgetreu. Und ab morgen geht's dann gegen die Einkommensteuererklärung - bis zur Kapitulation!